Harsefeld/Beckdorf

Auf ein Eis mit den Exoten der Kommunalpolitik

Foto: Claas Greite

In den neuen Gemeinderäten tragen Schüler und politische Einzelkämpfer Verantwortung. Wer sind sie, was wollen sie erreichen?

Harsefeld/Beckdorf. Der eine mag Kommunalpolitik ein wenig grau finden - der andere entdeckt, dass sie längst bunt ist. Zumindest, was die Zusammensetzung der Räte anbetrifft. Diese sind schon lange nicht mehr durchgehend von CDU und SPD dominiert, Grüne, Linke und Freie Wähler üben längst ihren Einfluss aus.

Nach der Kommunalwahl sind im Landkreis Stade noch einige Farbtupfer hinzugekommen. Michael König von der "Partei der Vernunft" wird in den Rat der Samtgemeinde Harsefeld und in den Rat des Flecken einziehen. Einer seiner Ratskollegen wird dort der erst 19-jährige Gymnasiast Dennis Weidemeier sein, der für die FDP einzieht. Eine kleine Sensation gelang Frieder Michel in Beckdorf: Als erstes Mitglied der "Allianz Graue Panther" zieht er in einen niedersächsischen Gemeinderat ein, und zwar in den von Beckdorf.

Wer sind die Neuen, die nun in den kommenden fünf Jahren über Kita-Gebühren und Bürgerbusse, über Umgehungsstraßen und neue Gemeindezentren mitentscheiden werden? Das Abendblatt hat sich mit den Dreien verabredet und ihnen - passend zu ihrem politischen Exoten-Status - einen bunten Eisbecher spendiert.

"Politik mit Bauch und Herz" wolle er machen, sagt Michael König, unter dessen schwarzem Oberhemd ein T-Shirt mit einem bunten Aufdruck hervor scheint. "Bauch und Herz", das nimmt man dem jugendlich wirkenden, freundlichen 40-Jährigen ab - seine Partei indes setzt eher auf den Kopf, genauer, auf die "Vernunft". Und die besagt, dass die allgemeine Schulpflicht abgeschafft werden sollte, ebenso wie die Einkommensteuer. Der Treibhauseffekt wird als "Klima-Lüge" bezeichnet, Zuwanderer sollen erst nach zehn Jahren am Sozialsystem teilhaben. So das offizielle Kurzprogramm - Eine Agenda, in der der geforderte Ausstieg aus dem Euro geradezu milde wirkt.

Michael König, der vor zehn Jahren "der Liebe wegen" nach Harsefeld gezogen ist und als Architekt arbeitet, erhebt Forderungen wie den Ausstieg aus dem Euro nicht explizit. Doch er sagt: "Das Geld wird in Harsefeld verdient, nicht in Brüssel", deshalb solle es auch in Harsefeld ausgegeben werden. Dabei will er sich besonders dafür einsetzen, dass Steuergelder nicht verschwendet werden. "Die Wirtschaftlichkeit muss über 100 Prozent nachgewiesen werden", sagt er etwa über den möglichen Neubau einer Trainingsfläche für die Harsefelder Rollkunstläufer. Außerdem ist er skeptisch gegenüber Projekten der Städtebauförderung - auch wenn Landesgeld ausgegeben werde, handle es sich letztlich um Steuergeld.

Wer sich länger mit König unterhält, hat irgendwann einen Mann vor sich, der sich in Rage geredet hat, den beruflich bestimmte Bauvorschriften, und generell viele Dinge stören - die Hierarchien in den etablierten Parteien, die Verflechtung zwischen Bund, Land, Kreis und Kommune, sowie das staatliche Papiergeldmonopol. "Ohne das Papiergeld hätte es die beiden Weltkriege nicht gegeben", ist er überzeugt. Deshalb will man sich auf Bundesebene auch für die Schaffung eines völlig neuen Währungssystems einsetzen - die Partei der Vernunft hat noch viel vor.

Immerhin 575 Menschen haben ihm und seiner Partei, die es mit einer Demonstration gegen den Euro in die Abendnachrichten schaffte, ihre Stimme gegeben. In den Harsefelder Räten möchte er jetzt "Selbstbewusstsein in die Truppe kriegen", die seiner Meinung nach "schon ein bisschen resigniert" hat.

Dennis Weidemeier, den 283 Stimmen in den Harsefelder Rat trugen, kommt während einer Freistunde leichtfüßig in das Café gelaufen. Sein weißes Hemd sieht sehr ordentlich aus, ordentlicher aus als das seines künftigen Ratkollegen, den er freundlich mit Handschlag begrüßt. Fröhlich wirkt er, aber auch ein wenig überrascht, dass er mit seinen 19 Jahren schon Ratsmitglied ist.

"Es wird natürlich anstrengend, neben der Vorbereitung auf das Abi Politik zu machen. Aber ich gehe das Risiko ein. Ohne Risiko geht es in der Demokratie nicht", sagt Dennis Weidemeier. Man merkt, dass er solche Sätze ernst meint, und auch, dass er sie nicht zum ersten Mal sagt - Weidemeier ist stellvertretender Vorsitzender der Jungen Liberalen im Kreis Stade. Nach dem Abitur, das im nächsten Jahr ansteht, will er studieren, am liebsten Medizin. Dafür will er nach Hamburg oder Hannover ziehen. Weiter, "nach München oder New York" etwa, allerdings nicht. "Studieren in einer fremden Stadt, das interessiert mich nicht", sagt Dennis Weidemeier. Außerdem wolle er ja sein Mandat in Harsefeld wahrnehmen.

Ganz oben auf seiner Liste stehen dabei die Jugendthemen, mit denen er und seine drei ebenfalls sehr jungen Mitstreiter in den Wahlkampf gezogen sind. "Die jungen Leute fahren im Moment abends nach Bevern oder nach Hamburg", sagt Weidemeier. Deshalb will er sich dafür einsetzen, dass in seinem Ort mehr passiert. Er setzt dabei auch auf die neuen, jungen Fraktionsmitglieder bei CDU und SPD. "Ich hoffe mal, dass die ihre Parteien scheuchen werden", sagt Weidemeier gleich mehrmals, mit Enthusiasmus und ohne den latenten Ärger, den man seinem Gegenüber Michael König anzumerken meint.

Bei manchen Themen werden sich die jungen SPD-ler und vielleicht auch CDU-ler allerdings schwertun mit der Zusammenarbeit. Die neue Oberschule, die die Landesregierung zum Modell für Niedersachsen erklärt hat, lehnt Weidemeier für Harsefeld ab. "Wir halten am dreigliedrigen Schulsystem fest. Da kommen einfach die schlaueren Schüler bei heraus", sagt Weidemeier.

Deutlich später als die beiden anderen Politik-Exoten findet sich Frieder Michel in dem Eiscafé ein. Dafür hat er viel Zeit mitgebracht, Zeit, seine Ziele und Beweggründe zu erklären. Das Wappentier seiner Partei, der "Allianz Graue Panther" (AGP), trägt er auf dem Kragen seines rosafarbenen Hemdes, wie ein Fußballtrainer das Logo seines Sponsors. Doch Frieder Michel wirkt gar nicht wie ein Parteisoldat, festgelegt auf Seniorenthemen ist er auch nicht: "Ich selbst werde arbeiten bis zum Umfallen", sagt der weiß gelockte, 62-jährige Werbetechniker, der in Beckdorf sein Büro hat.

Warum er sich zur Wahl gestellt hat? "Ich wollte einfach sehen, ob die Bürger mir etwas zutrauen", sagt Frieder Michel bedacht. Generell möchte er jetzt "etwas Soziales einbringen, den Umgang menschlicher gestalten".

Weshalb ist er dann Mitglied bei der AGP und nicht zum Beispiel bei der SPD? "Ich war mal bei den Jusos, in den 60er-Jahren. Aber da bin ich schnell wieder raus. Bei den etablierten Parteien ist man eigentlich nur Wasserträger für die alten Herren", sagt Frieder Michel. Bei der AGP hat er den Eindruck, noch etwas bewegen zu können.

Beckdorf, seine Wahlheimat seit 35 Jahren, ist dabei der ganze Fokus seines Wirkens. Wirklich schlecht und verändernswert findet er die Verhältnisse aber nicht, ganz im Gegenteil: "Die Dorfgemeinschaft ist super. Hier kann man noch nachts die Tür auflassen", sagt Michel. Nun gehe es eben darum, dass das auch so bleibt.

Die Aussagen werden konkreter, je länger das Gespräch dauert: Für Mehr-Generationen-Häuser und den Erhalt des Supermarktes will er sich einsetzen, außerdem hofft er, gegen die geplante Schließung des Grundschulstandortes Beckdorf noch etwas tun zu können.

"Ich möchte auch ein bisschen mehr Kultur und Moral in den Rat bringen. Denn der Umgang ist teilweise nicht schön", sagt Frieder Michel zum Schluss. Ein Mandat dafür hat er: 117 Wähler gaben ihm seine Stimme - das ist im 2500 Einwohner großen Beckdorf gar keine kleine Zahl.