Archäologisches Museum Hamburg

Als die Menschen zu den Nüssen paddelten

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Michelle Kossel

Professor Rainer-Maria Weiss, Direktor des Archäologischen Museums Hamburg, stellt zehn Objekte und eine Fälschung vor. Heute: das Paddel

Hamburg. Auf dem Schreibtisch von Rainer-Maria Weiss, Direktor des Archäologischen Museums Hamburg, liegen Haselnüsse und ein Paddel aus uraltem Kiefernholz. Das Paddel gehört ebenfalls zu den Schätzen des Museums, ist mit dicker Plastikfolie vor Zerstörung geschützt. Es wurde etwa 6200 vor Christus mit Feuersteinklingen geschnitzt, zählt damit zu den ältesten Exemplaren der Welt und markiert den Beginn der Seefahrt, als die Menschen mit Einbäumen Flüsse überquerten oder zum Fischen aufbrachen.

Was nun Haselnüsse mit einem Paddel zu tun haben? Weiss: "Beide stehen gewissermaßen für die Mittelsteinzeit, das Mesolithikum, das etwa 9600 vor Christus begann. Mit Einbaum und Paddel verschwand die Scheu, auf dem Wasser Distanzen zu überwinden, und Haselnüsse nahmen auf dem Speiseplan von Mesolithikern eine wichtige Rolle ein."

+++ Wanderpfad +++

Ausgerechnet beide für diese Epoche kennzeichnenden Objekte wurden an einem Fundort entdeckt: bei Kartierungsarbeiten eines Geologen, der 1923 im Duvenseer Moor unterwegs war. Beim Ausmessen des Areals stieß er zufällig auf einen mittelsteinzeitlichen Lagerplatz. "Während der Mittelsteinzeit war das heutige Moorgebiet noch eine offene Wasserfläche", sagt Weiss. Mit einer Insel, etwa 100 Meter vom Ufer entfernt. Dort fanden die Forscher gewaltige Mengen an gerösteten Haselnussschalen. Weiss: "Was darauf hindeutet, dass sich dort ein Haselnusswäldchen befand." Um die begehrten Nüsse zu ernten, blieb den Menschen nichts anderes übrig, als sich übers Wasser zu begeben. "Das gelang ihnen mit einem einfachen Boot, einem Einbaum, und eben diesem Paddel." Beides war relativ leicht und schnell anzufertigen. "Geschickte Mittelsteinzeitler brauchten nur wenige Tage zum Aushöhlen eines Baumstamms für einen Einbaum. Paddel waren ruckzuck zurechtgeschnitzt. Wahrscheinlich gehörten sie zu den ersten Wegwerfobjekten. Sie weisen keinerlei Schmuck oder Verzierungen auf, hatten also nur praktischen Wert", sagt Weiss.

Da Mesolithiker nicht dauerhaft sesshaft waren, war es ihnen wichtig, mit möglichst wenig Gepäck von Lagerplatz zu Lagerplatz zu ziehen.

Wie beliebt nun die Haselnuss-Insel im Duvensee bei Mittelsteinzeitlern war, davon zeugen Reste von Feuerstellen und Arbeitsplätzen, bei denen Schlagsteine und Abschläge gefunden wurden. Darunter waren noch andere, besonders in der Mittelsteinzeit übliche Kleingeräte aus Stein, sogenannte Mikrolithen - Mini-Feuersteinwerkzeuge. Weiss: "Die waren damals so verbreitet wie heute Messer und Gabel." Auch Jagdwaffen wie Pfeile wurden daraus hergestellt. Mehrere kleine Steinspitzen wurden mit Birkenpech - dem ältesten Klebstoff der Welt - an Holzschäfte geklebt.

Bei der Siedlung am ehemaligen Duvensee handelt es sich um das Sommerlager jener Menschen, die Jahr für Jahr die Haselnuss-Insel plünderten. Was sie noch verspeisten? Sehr viel Fisch, der bis zu 30 Prozent der Nahrung von Mesolithikern ausmachte. Aber auch Muscheln fanden die Gourmets jener Zeit recht lecker. Davon zeugen Gräten- und Muschelschalenreste, die man bergeweise in der Nähe von vielen Mesolithiker-Lagern fand. "Das klingt etwas eintönig. Ob etwa auch Suppen mit Gemüseeinlage gekocht wurden, weiß man nicht. Denn um Pflanzenreste nach 8000 Jahren nachzuweisen, müssten sie karbonisiert, also im Kochfeuer verbrannt worden sein", sagt Rainer-Maria Weiss. Offenbar verstanden aber die Köche aus dem Mesolithikum ihr Handwerk, denn es gibt keine Spuren von verkohltem Gemüse-Eintopf.

Viel weiß man ohnehin nicht von diesen Jägern und Sammlern. Auf jeden Fall aber mussten sie sich noch nicht mit Ackerbau und Viehzucht abplagen, mühevoll Wildsamen mit Stöcken aussäen und nach Missernten Hunger leiden. Mesolithiker konnten aus dem Füllhorn der Natur schöpfen. "Eigentlich recht paradiesisch. Eigentum wurde nicht angehäuft, man lebte von dem, was Wälder, Flüsse und Seen hergaben."

Nach der Eiszeit kam es zu massiven Temperaturveränderungen, im Durchschnitt war es um fünf Grad wärmer. Das wiederum führte zu einer drastischen Veränderung der Flora und Fauna. Weiss: "Von Steppen geprägte Landschaften wurden wieder bewaldet. Mammuts, Rentiere und Moschusochsen, die mit den wärmeren Temperaturen nicht zurechtkamen, wanderten gen Norden. Die Menschen jagten stattdessen Wildschweine und Rothirsche, fischten mit Netzen aus Pflanzenfasern in den Gewässern - und aßen Haselnüsse, wie heutzutage Kartoffelchips vertilgt werden. Unbewusst trug der Mensch damals dazu bei, dass sich Haselnusssträucher rasant vermehrten. "Man könnte von der ersten Pflanzenkultivierung sprechen - wenn auch diese Haselnussplantagen wie auf der Duvensee-Insel nicht geplant angelegt wurden."

+++ Die Ausstellung +++

Doch mit dem Abschmelzen der Gletscher kam auch das Wasser. Der Meeresspiegel stieg, in manchen Gegenden sogar bis zu 100 Meter. "Und es verschwand jede Menge Land. In jenem Gebiet zwischen England, Dänemark und Deutschland, auf dem sich heute die Nordsee befindet, gab es einst Wälder, Flussläufe, Seen und ein großes Binnenmeer - hervorragende Jagdgründe für Mesolithiker", so Weiss. Forscher nennen die versunkene Welt Doggerland, nach einer Untiefe vor der britischen Küste, der Doggerbank. Fischer finden heute noch Knochen und Werkzeuge aus der Mittelsteinzeit in ihren Netzen. "Für Tauch-Archäologen ist der Meeresgrund eine Fundgrube. Da ist kein Pflug rübergegangen, keine Baugruben wurden ausgehoben. Die Lagerplätze von vor Tausenden von Jahren müssten noch ungefähr so daliegen, wie sie verlassen worden sind", sagt Weiss. 1931 dürfte deshalb ein Kapitän eines Trawlers nicht schlecht gestaunt haben, als sich im Schleppnetz seines Schiffes vor der Doggerbank eine prähistorische Harpune verfing. Alter: 11 740 vor Christus. Eine Sensation, denn es gibt nur wenige Zeugnisse von der Lebensweise der Menschen. Vieles ist nicht so gut erhalten wie das Duvenseer Paddel. "Man hat es gleich nach der Entdeckung mit Zuckerlösung präpariert, um den Zerfall zu stoppen", sagt Weiss. Noch heute sieht man an der Spitze des Paddels Zuckerkristalle. "Wenn man die Fundstücke nicht behandelt, gehen sie unwiederbringlich verloren."

Am kommenden Montag verrät Professor Rainer-Maria Weiss, wie ein Keramikgefäß die Lebensweise von einheimischen Mittelsteinzeitlern veränderte.

Wer die vorangegangenen Folgen verpasst hat, findet sie unter www.abendblatt.de/schaetze , Das Abendblatt-Video zur Serie: www.abendblatt.de/ausgrabungsschaetze

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