Interview zum Kopftuchstreit

"Ich habe ein ganz neues Körpergefühl"

| Lesedauer: 3 Minuten

Foto: Bianca Wilkens

Hamburger Abendblatt:

Frau Zeynelabidin, Sie haben nach 30 Jahren ihre Verhüllung aus Überzeugung abgelegt. Trotzdem sind Sie gegen ein Kopftuchverbot für Lehrerinnen in Deutschland. Warum?

Emel Zeynelabidin:

Das Verbot ist brutal und ermöglicht nicht, sich allmählich von der Verhüllung zu trennen. Ich habe fast ein Jahr gebraucht, um eine neue Selbstverständlichkeit zu entwickeln. Das Tragen eines Kopftuches hat auch etwas mit Werten wie Schamgefühl und Anstand zu tun. Viele der Kopftuch tragenden Frauen haben Angst, eine Sünde zu begehen, wenn sie die Kopfbedeckung ablegen. Und noch etwas: Kopftuchtragende Menschen sind keine dummen und unterdrückten Frauen. Im Gegenteil: Sie sind sehr selbstbewusst. Aber auch die Muslime reagierten im Kopftuchstreit völlig übertrieben.

Abendblatt:

Inwiefern?

Zeynelabidin:

Sie begannen sich an ein Bekleidungsstück zu klammern, als ginge es um die Verteidigung des Islam. Dabei war die Verhüllung der Frauen im Islam keine Frage der Religion, sondern eine rein praktische Maßnahme.

Abendblatt:

Das müssen Sie erklären.

Zeynelabidin:

Es war ein Unterscheidungsmerkmal. Gott offenbarte eine Verhüllungsempfehlung, damit gläubige Frauen von den leicht bekleideten Sklavinnen auseinandergehalten werden konnten. So sollten die gläubigen Frauen vor Belästigungen bewahrt werden. Außerdem sollten die Männer nicht mehr von weiblichen Reizen abgelenkt werden, nachdem sich ein Mann von einem schön geschmückten Dekolleté so ablenken ließ, dass er sich verletzt hatte.

Abendblatt:

Warum haben Sie sich 30 Jahre lang verhüllt?

Zeynelabidin:

Wenn ein Mädchen in die Pubertät kommt, gehört es zur Tradition im Islam, sich zu verhüllen. Der ganze Kontext war mir damals nicht klar. Ich möchte darüber in meinen Vorträgen aufklären. Ich gehe davon aus, dass viele Frauen sich gegen das Kopftuch entscheiden, wenn sie diese Zusammenhänge kennen. Denn die Frauen nehmen Einschränkungen in Kauf für ihr Leben.

Abendblatt:

Welche sind das?

Zeynelabidin:

Zum Beispiel solche in der Arbeitswelt. Ausgebildete Lehrerinnen, die sich verhüllen, können nur an Privatschulen unterrichten. Und muslimische Frauen mit Kopftuch bedienen Vorurteile in der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Viele Nichtmuslime fühlen sich unangenehm berührt im Umgang mit kopftuchtragenden Frauen. Das kann ich auch verstehen. Das Kopftuch baut eine Fassade auf, hinter der sich eine Frau verstecken kann, die aber auch eine Frau verstecken kann.

Abendblatt:

Was war es für ein Gefühl, als sie selbst die Verhüllung aufgegeben haben?

Zeynelabidin:

Ich erlebte mich als Frau neu. Ich habe ein ganz neues Körpergefühl entwickelt. Zuvor hatte ich weite Kleidung getragen. Jetzt ziehe ich mich ganz normal an. Ich verstecke nichts mehr, weil ich gelernt habe, Verantwortung für meinen Körper zu tragen. Dennoch bin ich eine gläubige Frau und möchte nicht als Sklavin von gestern gesehen werden.

( Interview: Bianca Wilkens )

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