Ein Pfeiler im Strom als Ausstellungsplatz

Elisabeth und ihr goldenes Kalb in der Elbe

Das mystische Kunst-Tier versteht sie als Kommentar zu Stadtplanung und Subventionspolitik im Hafen.

Wilhelmsburg. Ein wenig unwirklich ist dieser Ort schon. Einsam und unheimlich. Als die Fähre am Argentinienanleger im Hamburger Hafen irgendwo auf der Höhe von Wilhelmsburg anlegt, ist es dort menschenleer. Ein Steg führt vom Anleger hinauf. Oben fließt der Verkehr über die Brücke, unter der Brücke prangen Graffiti auf grauen Betonwänden. Nur auf einem Ponton gegenüber mitten im Elbwasser steht wie auf Stelzen ein goldenes Kalb auf einem roten Sockel: Sein goldener Körper leuchtet in der Sonne. Gerade beginne ich mich zu fragen, ob dieser verlassene Ort der richtige Treffpunkt ist, als sich in der Ferne ein Mensch abzeichnet. Es ist Elisabeth Richnow (51), die das Kalb in luftige 3,50 bis 8 Meter Höhe gebracht hat - je nach Tidenstand.

Die Künstlerin hat den Pfeiler, der der Hamburg Port Authority (HPA) gehört, für fünf Jahre gemietet und das Kalb 2008 nach oben transportiert. Zum Pfeiler gelangte Richnow nur mit einer Barkasse. Und um den Pfeiler zu erklimmen, musste erst die Leiter festgebunden werden: für diesen nicht ganz ungefährlichen Einsatz hatte Richnow eigens eine Unfallversicherung abzuschließen. Doch warum dieser Ort und dieses Kalb? "Das goldene Kalb ist ein Zitat aus der christlichen Mythologie, Moses Bruder und dessen Anhänger beteten es an. Für mich steht es für den Tanz um etwas Falsches, die Anbetung von Reichtum und Macht." Mittlerweile haben Richnow und ich den Ort gewechselt. Die Künstlerin, mit grauen, leicht kräuseligen Haaren sitzt mir beim Milchkaffee in Wilhelmsburg gegenüber.

Und dann wird klar, worum es der Künstlerin mit Atelier im Alten Elbtunnel geht. Richnow versteht das goldene Kalb als einen Kommentar und Denkanstoß zur Stadtplanung und Subventionspolitik im Hafen. Im Hintergrund steht für sie die Frage, ob all die planerischen Projekte wie der "Sprung über die Elbe", in die viel Geld gepumpt wird, dazu führen, dass die Menschen zufrieden und glücklich in der Stadt wohnen." Dabei denkt Richnow auch an die konkret in Wilhelmsburg stattfindende IBA und die damit einhergehenden Veränderungen. "Einen Ort untersuchen, damit spielen, sich auseinandersetzen und das dann kommentieren", beschreibt die Künstlerin ihr Vorgehen.

Der einsame Pfeiler wurde von Richnow allerdings auch schon anders bespielt. 2007 nahm sie bei der Kunstaktion "Flusslicht" teil und beleuchtete den verlassenen Ort nachts mit einer Straßenlampe. Auf den Felsen stellte sie in einer Kletteraktion am 9. August um 13.49 Uhr ein Zelt auf, davor einen blauen Kaffeebecher und scheinbare Reste eines Lagerfeuers.

"Das Witzige war" erzählt Richnow, "dass kurz darauf die Gerüchte losgingen." "Du, da wohnt jemand", wurde der Künstlerin am Stübenplatz berichtet. Bald darauf wollte jemand einen Obdachlosen auf dem Felsen gesichtet haben, den man ohne Leiter nicht erklimmen kann. "Die Aktion wirkte auf die Vorstellungskraft der Menschen." Und tatsächlich meldeten sich sogar Leser beim Abendblatt mit dem Rechercheauftrag, wer denn in dem Zelt auf dem Pfeiler wohne. "No man is an island" nannte die Konzeptkünstlerin Richnow ihre Aktion, inspiriert von einer Gedichtzeile des Engländers Jon Donne. Einmal im Jahr schickt die Künstlerin tatsächlich eine Probandin für eine Tide auf den Felsen. Die Aktion nennt sich "One day on an island" und untersucht Gefühle wie Einsamkeit, Sehnsucht und Beziehung.

Richnow hat eine Leidenschaft für die Elbe: "Seit mehr als 25 Jahren bin ich Elbschwimmerin und kenne die Stimmungen des Stroms." Mal sei die Elbe lebendig, frech, dann wieder getragen und ruhig. Drei Jahre bewohnte die Künstlerin ein Atelier auf einem Hausboot im Spreehafen: "Der Hafen sei ihr Zeichenblock" und inspirierte sie zu ihrer Arbeit "Flusspferde". In riesigen Betonlettern, von denen ein einzelner 30 bis 35 Kilo wog, schrieb die Künstlerin "Flusspferde in die Böschung, je nach Tidenstand war der Schriftzug sichtbar oder unsichtbar. Übrigens: Auch das Kalb aus Schlagmetall leuchtet nachts - dafür sorgen zwei Lichtröhren versteckt im roten Sockel.