In Buxtehude steht eine besondere Bibliothek

Bücher aus der gelben Zelle

Seit sechs Jahren läuft die Tauschbörse für Literatur am Stavenort. Die meisten Kunden sind Stammleser.

Buxtehude. Eine Telefonzelle ohne Telefon. Nur Bücher, Bücher, Bücher. Die Zellentür klappert. Eine junge Frau fährt mit dem Finger die Büchertitel entlang, nimmt sich ein Werk heraus, blättert, klappt es wieder zu. Volltreffer. Die gelbe Tür schwingt auf. Die Frau geht. Der Nächste kommt, tritt in die Telefonzelle und überfliegt mit den Augen die Bücherreihen, geht in die Hocke und entscheidet sich schließlich für einen dicken Schinken. Dafür zieht er ein anderes Buch aus der Tasche und stellt es in das Regal, verlässt die Zelle und der nächste kann eintreten. So geht es den ganzen Vormittag über.

Trotz Regens ist die "Tauschbücherei" im gelben Relikt aus der Zeit der Münztelefone wieder gut besucht. Das ist nun schon seit 2003 so. Ohne Ausweis und ohne an Öffnungszeiten gebunden zu sein, können sich die Menschen vor dem Stadtarchiv am Stavenort Bücher ausleihen. Selbst nachts kann man in der beleuchteten Zelle stöbern.

Bei den Buxtehudern ist die "Zellen-Bücherei" beliebter denn je. Das liegt vielleicht auch am Tauschprinzip, das durch eine einfache Regel besticht: Wer der Telefonzelle ein Buch entnimmt, stellt ein eigenes Buch ins Regal. "Auf diese Weise werden immer wieder andere interessante Bücher zum Tausch zur Verfügung gestellt", sagt Stadtarchivar Bernd Utermöhlen. Hans-Uwe Hansen, Büchernarr und SPD-Fraktionschef, der zusammen mit Utermöhlen die "Tauschbücherei" initiiert hat, sagt: "Es ist eine Regel, kein Gesetz. Eine Regel kennt Ausnahmen. Ein Gesetz nicht."

Birgit Zirkelbach aus Kleineibstadt in der Nähe von Saal an der Saale war aber zu pflichtbewusst. Sie konnte es nicht auf sich beruhen lassen, dass sie vor Jahren zwei Werke aus dem Bücherfund genommen und selbst nichts zur Sammlung beigesteuert hatte. Es plagte sie offenbar das Gewissen. Also packte sie jetzt Hans-Uwe Hansen ein Päckchen. Der Buxtehuder, der die Frau weder jemals gesprochen noch getroffen hat, wunderte sich über die große Sendung aus Kleineibstadt. Im Paket waren drei Bücher, "Der schwarze Obelisk" von Erich Maria Remarque, "Silas gründet eine Familie" von Cecil Bodker und "Hühnersüppchen für die Seele" von Jack Canfield und Mark Victor Hansen. Es sollte der Ersatz für die Werke sein, die die Frau aus Ostdeutschland vor Jahren aus der Telefonzelle genommen hatte.

Hansen stellt die drei Werke gemeinsam mit ein paar eigenen Büchern ins Regal der "Tauschbücherei". Er selbst wird auch fündig. "Patrouillen auf Mömpelgard", eine Soldatengeschichte aus den Kämpfen an der Lisaine (1871), etwa 1937 erschienen, nimmt Hansen mit nach Hause. Ein Band mehr, das Hansen seiner beeindruckenden Büchersammlung zufügen kann. Mehr als 40 000 Bücher besitzt Hansen und die Sammlung war im Grunde genommen der Stein des Anstoßes für die "Tauschbücherei".

Denn die Zelle als Bücherei einzurichten war zunächst eine Begleitaktion zur Ausstellung "Merk-würdiges aus der Büchersammlung Hans-Uwe Hansen", die im Oktober und November 2003 im Buxtehuder Museum gezeigt wurde. Weil die "Tauschbücherei" so gut angenommen wurde, steht die Zelle noch heute. "Wir wollten damals, dass die Ausstellungsbesucher nicht nur die Bücher anschauen, sondern auch anfassen können", sagt Hansen. Zusammen mit Michael Jalowczarz, dem Museumsdesigner, entwickelten Utermöhlen und Hansen die Idee, Bücher in einer Telefonzelle zum Tausch anzubieten. Neben der Telefonzelle vor dem Stadtarchiv wurden zwei weitere Zellen im Stadtgebiet aufgestellt. Die zwei wurden später allerdings von unbekannten Brandtstiftern abgefackelt.

"Für mich war das ein Schock, als ich die abgebrannte Zelle gesehen habe", sagt Ruth Venediger (29) aus Buxtehude. "Ich war richtig betroffen." Umso mehr freut sich die Soziologiestudentin, dass dieses Schicksal der "Tauschbücherei" vor dem Stadtarchiv erspart blieb und sucht sie alle zwei Wochen auf. Auf viele Reclam-Hefte ist die 29-Jährige schon in der Zelle gestoßen - von Schülern bearbeitet, mit Randnotizen versehen. "Manche Bücher riechen auch etwas anders. Dann merkt man, dass sie zuletzt im Keller oder auf dem Dachboden lagen."

In der Sammlung finden sich sämtliche Genre: Schulbücher, klassische Romane, Krimis, Altes und Neues. Das überzeugt auch Hans-Günther Schartau (59), der in die "Tauschbücherei" tritt, wann immer er dort vorbeikommt. "Es ist eine hervorragende Idee", sagt der 59-Jährige Buxtehuder.