Personal: Engpass im Kreis

Es droht Notstand in der Pflege

Unternehmen haben keine Auswahl bei Angestellten. Noch 35 neue Auszubildende werden für 2010 gesucht.

Stade

Gesa Schwietring (50) liebt ihren Job. Sie arbeitet seit 30 Jahren im Pflegebereich und mag die abwechslungsreichen Tätigkeiten. Über Vorstellungen von Bekannten, ihre Arbeit sei langweilig, kann sie nur müde lächeln. Erst kürzlich fragte sie ein männlicher Kunde, ob sie ihn nicht einmal küssen wolle, da seine Frau es nicht mehr mache.

Die Buxtehuderin Gesa Schwietring arbeitet in Vollzeit für die Häusliche Alten- und Krankenpflege "Ambulantia", die 1987 in Stade an der Bremervörder Straße als eine der ersten privaten Pflegedienste in Deutschland begann. Inhaberin Sonja von Stemm, die bis zu 18 Angestellte beschäftigt, befürchtet Schlimmes für die Zukunft im Pflegebereich: "Ich habe das Gefühl, dass wir in einen Pflege-Notstand geraten. Es ist einfach niemand auf dem freien Markt. Im April hätten wir weitere Patienten aufnehmen können, aber es war kein Personal da."

Die Beschäftigungs-Problematik gilt nicht nur für den privaten Pflegereich. "Wenn wir eine Stellenanzeige schalten, meldet sich niemand", sagt Uwe Lütjen, Personalchef beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Stade, was von Stemm bestätigt. Dabei findet auch Pflegerin Britta Hoeft (43), dass ihre Arbeit bei "Ambulantia" Spaß mache und weit weniger belastend sei, als es weitläufig verbreitet als Meinung existiere. Die ehemalige Fernmeldehandwerkerin aus Assel wechselte vor fünf Jahren in den Pflegebereich. "Mir fehlte der Kontakt zu Menschen", so die dreifache Mutter.

Sie findet es wichtig, in ihrer Freizeit abschalten zu können. Hoeft: "Eine gewisse Mauer muss auch zwischen dem Pfleger und einem Patienten stehen." Schließlich sei ihre Arbeit (in Teilzeit) eben auch ein Job, von dem sie leben müsse. Sowohl Hoeft als auch Schwietring loben den ambulanten Pflegebereich, da das Personal deutlich mehr Zeit als im stationären Bereich für die Kunden habe.

Die Angehörigen übernähmen aber auch viel Pflegearbeit der Betroffenen selbst. Beide Pflegerinnen arbeiten jeweils zwölf Tage am Stück und haben anschließend zwei Tage frei. Letztlich ist so jedes zweite Wochenende durch die Arbeit belegt. Zwischen zehn und 15 Menschen betreuen sie dabei täglich.

Das Klagen der Pflegeanbieter über mangelnde personelle Auswahlmöglichkeiten ist für Wolfgang Leven, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Stade Elbe-Weser-Dreieck, kein Wunder. Er sagt: "Die Wirtschaftskrise ist im Elbe-Weser-Dreieck angekommen. Dies dokumentieren die Kurzarbeiterzahlen. Es existiert eine Beschäftigungsnachfrage im sozialen Bereich als Sozialpädagoge und Altenpfleger."

Daher verspricht auch Torsten Deecke, Pressesprecher der Agentur für Arbeit in Stade, dass Interessenten für diese Berufsgruppe nicht zögern sollten, sich nach Möglichkeiten in dieser Branche zu erkundigen. Deecke: "Wir haben einen sehr hohen Bedarf im Pflegebereich. Kommt jemand zu uns, der in der Altenpflege arbeiten möchte, können wir ihm helfen."

So stehen ab Februar 2010 wieder zwischen 30 und 35 Stellen für Auszubildende in den Kliniken des Landkreises Stade offen. Insgesamt werden bis zu 65 Pfleger ausgebildet. Das Deutsche Rote Kreuz in Stade beschäftigt allein jeweils 15 Auszubildende in der Altenpflege, verteilt auf fünf DRK-Alten- und Pflegeheime.

Sonja von Stemm wünscht sich künftig eine höhere Bezahlung ihrer Angestellten. Die Honorare richten sich schließlich nach den Kosten der Kranken- und Pflegekasse für entsprechende Leistungen. "Für eine große Pflege bekomme ich gerade einmal 14 Euro von der Kasse. Ich finde, dass die Bezahlung für die Pflegekräfte daher ganz schlimm ist", so die Inhaberin des privaten Pflegedienstes.

www.ambulantia.de