Aus der Schatzkammer der Archäologie

Fälschungsaffären: der Betrug des Ernest E. Roulin

Das Archäologische Museum stellt zehn Objekte und eine Fälschung vor. Heute im letzten Teil der Serie: der große Betrug des Ernest E. Roulin.

Ein cleverer Kunsthändler, dem es gelang, sogar nach seinem Tod den Direktor des Archäologischen Museums hereinzulegen, ein Wissenschaftler, der durch seine Eitelkeit eine Nation in Verlegenheit brachte, und ein Forscher, der an Märchen glaubte: Geschichten, die aus historischen Romanen stammen könnten, aber von wirklichen Begebenheiten handeln. "Immer wieder haben es Museen mit Fälschungen zu tun - und mit unseriösen Vertretern der Fachwelt", sagt Rainer-Maria Weiss, Direktor des Archäologischen Museums Hamburg.

Zeugnisse einer der wohl peinlichsten Fälschungsaffären, die im Laufe der Zeit mehrere Museen, auch in der Schweiz und London, beschäftigt haben, lagern in unscheinbaren Kartons. Darin finden sich kunstvoll angefertigte Steinklingen und Schaber aus Knochen, wunderbar geschnitzt, Gussformen und Beile. Sogar ein steinernes Mondidol, ein hornförmiges Gebilde, das in der Steinzeit als Feuerbock, also als eine Art Abstandshalter zur Glut eines Lagerfeuers gedient haben könnte, ist dabei. "All diese Gegenstände wurden 1911 dem Hamburger Völkerkundemuseum angeboten, komplett für 1425 Schweizer Franken", sagt Weiss.

Der Schweizer Kunsthändler Ernest E. Roulin hatte Objekte, die angeblich aus Schweizer Pfahlbausiedlungen stammen sollten, im Reisegepäck. Und während sich der damalige Hamburger Museumschef vermutlich die Hände rieb ob des günstigen Schnäppchens, "hat sich Roulin bestimmt ins Fäustchen gelacht, als der Deal perfekt war", sagt Weiss. Denn: "Die Gegenstände sind gefälscht, das stellte sich schon 1912 heraus." Nicht nur die Hamburger hatte Roulin getäuscht, sogar die Mitarbeiter des British Museums fielen damals auf Roulins Fälschungen herein. Roulin hatte sich die Sammelwut der Museumsdirektoren von vor 100 Jahren zunutze gemacht. Gerade Funde aus Schweizer Pfahlbauten waren überaus beliebt.

Diese hölzernen Pfahlbauten tauchten buchstäblich im 19. Jahrhundert an den Uferrändern einiger Schweizer Seen auf: Um die Jahreswende 1853/54, als die Wasserstände der Seen aufgrund starken Frosts sehr niedrig waren, wurden Spuren dieser prähistorischen Dörfer sichtbar. "Als man im Uferschlamm wühlte, fanden sich Knochen, Tongefäße sowie Gegenstände aus Holz und Bronze an", sagt Weiss. Begünstigt durch die guten Konservierungsbedingungen bieten sie hervorragende Einblicke in das Leben der Stein- und Bronzezeit.

Nicht nur in der Schweiz machte man diese aufsehenerregenden Entdeckungen. "Es gibt mehrere Hundert prähistorische Pfahlbaustätten in sechs Ländern rund um die Alpen. Sie stammen aus der Zeit von 4000 bis 850 vor Christus", sagt der Museumsdirektor. "Das regelrechte Pfahlbaufieber war im 19. Jahrhundert eine Mediensensation, fast alle namhaften Zeitungen jener Zeit berichteten darüber", sagt Weiss. Nachrichten, die sich auch bei Bauern, Fischern und Heimatvereinen herumsprachen. "Also suchten nicht nur Forscher nach den Objekten. Goldgräberstimmung kam auf. Fundorte wurden regelrecht ausgeplündert, sodass die Schweizer Regierung 1873 jegliche private Grabungen untersagte." Doch die Begehrlichkeiten europäischer Museen, die gern das eine oder andere Fundstück aus Schweizer Pfahlbauten in ihren Sammlungen gehabt hätten, wurden dadurch nicht gestoppt. "Wahrscheinlich hatte Roulin in handwerklich begabten Bauern versierte Handelspartner, die auf Zuruf Objekte in der Scheune herstellten", sagt Weiss.

Die "peinliche Affäre aus dem Jahre 1912" wiederholte sich kurioserweise. Und das Archäologische Museum fiel - 60 Jahre nach dem Ankauf - erneut auf den listigen Roulin herein. Denn in den 1970er-Jahren, als der Fachbereich Archäologie ans damalige Helms-Museum wechselte, wanderten die unscheinbaren braunen Kartons mit ihrem fragwürdigen Inhalt aus dem Völkerkundemuseum einfach mit. Lange Zeit verschwanden sie in den Regalen, bis sie dann für eine Sonderausstellung 2009 wieder hervorgekramt wurden. "Leider hatten die damaligen Mitarbeiter des Völkerkundemuseums in ihren Inventarlisten nicht erwähnt, dass wir es hier mit Fälschungen zu tun haben", berichtete der Landesarchäologe.

Doch kamen Weiss die Objekte zu kunstvoll, zu perfekt vor. Als er das steinerne Mondidol genauer ins Visier nahm, stellte er fest, dass sich Spuren einer feinen Steinfräse am Sockel befanden. "Außerdem wurden Feuerböcke niemals aus Sandstein hergestellt - womit wir es hier allerdings zu tun haben, wie eine Gesteinsanalyse ergab", sagt Weiss. Dann fanden sich die alten Akten von 1912, samt einem Gutachten. Weiss: "Nicht alle Gegenstände der Sammlung sind Fälschungen, sondern stammen vielleicht aus anderen Kulturkreisen. Genaueres lässt sich nicht sagen." Also verschwanden die Objekte wieder in den Kartons, diesmal allerdings penibel verpackt in Plastiktüten und als Fälschung gekennzeichnet.

Doch nicht nur betrügerische Kunsthändler setzen Fälschungen in die Welt, "sondern auch Forscher, die es eigentlich besser wissen müssten", sagt Weiss. So wie der japanische Archäologe Shinichi Fujimura. "In Japan geht die Steinzeitforschung lediglich 35 000 Jahre zurück. Das lässt sich auch durch entsprechende Fundstätten belegen", so Weiss. Doch Ende der 1970er-Jahre präsentierte der Archäologe Fujimura Objekte, die bis zu 600 000 Jahre alt sein sollten - eine Sensation für die traditionsbewussten Japaner. Fortan wurde Fujimura in seiner Heimat der Archäologe mit den goldenen Händen genannt. Doch Journalisten zweifelten die Ergebnisse an. Ein Redakteur legte sich an einem Ausgrabungsort mit einer Videokamera auf die Lauer. "Er filmte den Archäologen dabei, wie er eigenhändig Steingeräte in der Erde vergrub, um sie später wie zufällig zu entdecken - ein Skandal", berichtet Weiss. Fujimura gab schriftlich zu, dass er 42 japanische Fundstellen gefälscht hatte: Er hatte Ausgrabungsorte erfunden, einzelne Artefakte gefälscht und sogar das gesamten Inventar einer Grabung.

1997 "entdeckte" Fujimura das vermeintlich älteste Steinwerkzeug der Welt - und gab vielen Japanern das, was sie sich so sehnlichst wünschten: eine prähistorische Vergangenheit. "Bis sich alles als Spinnerei herausstellte", sagt Weiss.

Auf eine ähnliche, allerdings skurrilere Weise versuchte sich der Wissenschaftler Alfred Dieck einen Namen in der Fachwelt zu machen. "Sein ganzes Forscherleben widmete sich Dieck der Moorleichenforschung", so Weiss.

Von 1850 Moorleichen in Europa wollte Dieck Kenntnis gehabt haben, arbeitete bis kurz vor seinem Tod 1989 an einem Moorleichen-Archiv und veröffentlichte in Fachzeitschriften. Allerdings: "Der Mann hatte kaum eine der Moorleichen je gesehen, er verließ sich auf Berichte von Torfstechern und Heimatforschern", sagt der Museumsdirektor.

Viele Quellen hielten einer Überprüfung von Wissenschaftlern nicht stand. Darauf angesprochen, gab Dieck stets an, dass schriftliche Aufzeichnungen im Zweiten Weltkrieg verbrannt seien oder sonst wie verschollen waren - Behauptungen, die ihm allerdings niemand mehr abnahm. Seine Moorleichen-Geschichten gelten heute als Märchen. "Und so wurden aus Diecks Moorleichen Papierleichen und die Forschungsgeschichte wieder um eine peinliche Affäre reicher", sagt Weiss.

Wer die vorangegangenen Folgen verpasst hat, findet sie unter www.abendblatt.de/schaetze Das Abendblatt-Video zur Serie: www.abendblatt.de/ausgrabungsschaetze

Mit dieser Folge endet unsere Serie um Funde aus der Schatzkammer der Archäologie.