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Schlechtes Gewissen? Sylt verteidigt seine Fluggäste

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Angelika Hillmer
Ein Privatflugzeug steht auf dem Flughafen von Sylt. Sind Flüge etwa von Hamburg auf die Insel noch zeitgemäß?

Ein Privatflugzeug steht auf dem Flughafen von Sylt. Sind Flüge etwa von Hamburg auf die Insel noch zeitgemäß?

Foto: Axel Heimken / picture alliance/dpa

Flüge von Hamburg auf die Insel sparen Zeit. Aber sind sie angesichts des Klimawandels vertretbar? Darüber wird gestritten.

Sylt. Von Hamburg nach Sylt in 50 Minuten – das ist ein verlockendes Angebot, das dennoch aus der Zeit gefallen scheint. Denn der schnelle Transfer geht per Flugzeug, das deutlich klimaschädlicher ist als die gut dreistündigen Landwege per Bahn oder Pkw plus Autozug.

Im vergangenen Jahr waren deutschlandweit deutlich mehr Privatflieger als im Vorjahr unterwegs, berichtete gerade der Rechercheverbund von NDR und „Süddeutscher Zeitung“. Die Strecke Hamburg–Sylt sei eine der am häufigsten geflogenen Kurzstrecken.

„Wir sind uns alle einig: Um nachhaltig den Klimawandel zu stoppen, müssen die CO2-Emissionen drastisch reduziert werden“, ist auf der Website des Flughafens Sylt zu lesen, der in kommunaler Hand liegt. Der nationale Luftverkehr sei aber ein vergleichsweise kleines Rädchen. Es folgt eine „ausführliche Betrachtung und eine Analyse, warum Sie für Ihren Flug nach Sylt kein schlechtes Gewissen zu haben brauchen“.

Sylt-Tourismus hält Klimaschäden durch die Flüge für gering

Sie kommt am Beispiel einer Reise ab Düsseldorf um Ergebnis, dass der CO2-Ausstoß der Flugreise geringer ist als die An- und Abreise per Pkw oder Zug. Und steht damit im Widerspruch zu anderen gängigen Vergleichen der verschiedenen Verkehrsmittel.

„Die Luftfahrt wird aktuell sehr gezielt und polarisierend betrachtet“, heißt es in einer Stellungnahme der Insel Sylt Tourismus-Service GmbH zu einer Abendblatt-Anfrage. „Aufgrund der insularen Randlage und langer Reisezeiten sowohl mit Pkw als auch Zug stellt die Fluganbindung für Sylt eine wichtige Ergänzung dar. Dem Flughafen kommt damit eine entscheidende Bedeutung für die zuverlässige Erreichbarkeit der Insel zu.“

Die nationale Luftfahrt sei für rund 1,4 Prozent des CO-Ausstoßes des Verkehrssektors verantwortlich, und nur ein kleiner Teil davon seien Privatflieger. Dagegen habe der private Pkw-Verkehr einen Anteil von gut 60 Prozent.

Wenningstedt und Keitum leiden unter Fluglärm

„Sylt braucht diesen Flughafen als wichtiges Infrastrukturunternehmen“, sagt auch Nikolas Häckel, parteiloser Bürgermeister der Gemeinde Sylt. Früher habe er immer an Reisende appelliert, nicht mit dem eigenen Auto zu kommen, weil die Insel mehr Autos nicht verkrafte, so Häckel. Aber inzwischen sei die Bahn so störanfällig, dass er das nicht mehr tue. „Jeder Reisende muss für sich selbst entscheiden, wie achtsam er mit Klima, Umwelt und Natur umgeht“, sagt Häckel. Für die Reise nach Sylt habe er die Wahl zwischen Autozug, Personenzug, Flugzeug und Fähre.

„Wenn wir den Flughafen schließen würden, wäre die CO2-Bilanz der Insel deutlich besser“, sagt dagegen Roland Klockenhoff, Fraktionsvorsitzender der Grünen in der Gemeindevertretung der Gemeinde Sylt. Nicht nur für den Klima-, auch für den Lärmschutz sei der Flugverkehr für Einwohner und Inselgäste ziemlich belastend, so Klockenhoff: „Je nach Windrichtung führen die Einflugschneisen über Wenningstedt oder Keitum. Anders als Rasenmäher hält der Flugverkehr auch keine Mittagspause ein.“

Es stelle sich die Frage, „ob eine Destination wie Sylt so etwas braucht und ob die Klima- und Lärmbelastung dafür in Kauf genommen werden muss“, sagt der Grünen-Politiker. Er könne sich vorstellen, dass die Insel ein Zeichen für den Klimaschutz setze und den Flughafen schließt, „aber dafür gibt es nicht einmal bei den Grünen eine Mehrheit“, so Klockenhoff.

Zugverbindungen nach Sylt sind oft unzuverlässig

Das Bürgernetzwerk Merret reicht's, das schwerpunktmäßig Bauprojekte auf der Insel begleitet, fordert unter dem Stichwort nachhaltiger Tourismus: „Es wird Zeit, die Verkehrsströme so zu lenken, dass Klimaschutz, Lebens- und Aufenthaltsqualität fokussiert werden. Die in Teilen unendlichen Autoschlangen, häufiger Linienverkehr des Flughafens sowie Privatflieger müssen angepasst werden und die Alternativen von Bahn und insularem ÖPNV verbessert werden.“

Catharina Bayerlein, Klimabeauftragte der Gemeinde Sylt, sieht gerade bei der Fliegerei mit kleineren Flugzeugen großes Klimaschutz-Potenzial: „Die Kleinfliegerei lässt sich leichter beeinflussen und auf grün umstellen als die großen Maschinen“, sagt sie und meint einen zukünftigen Einsatz von klimafreundlichem Kerosin. Der befindet sich allerdings noch im Forschungsstadium.

Sylt–Hamburg wird Teststrecke für Flüge mit Wasserstoff statt Kerosin

Die Linienflüge von Sylt Air zwischen Hamburg und Sylt sind während der stürmischen Winterzeit planmäßig ausgesetzt. Am 4. April geht es wieder los; dann stehen täglich außer sonnabends zwei Hin- und Rückflüge auf dem Flugplan.

Eines Tages könnte die Verbindung vielleicht Pilotcharakter bekommen: Im September hatte der Flughafen Hamburg den Brückenschlag nach Sylt als Versuchsstrecke für ein wasserstoffbetriebenes Flugzeug ausgewählt. „Unsere neue Cessna könnte problemlos umgerüstet werden“, sagte damals Heike Almeling von Sylt Air. Allerdings befindet sich das Projekt noch im Planungsstadium.

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