Keitum

Wie aus Trauben von einem Sylter Weinberg Sekt entsteht

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Christian Ress begutachtet zufrieden die Trauben in Keitum auf Sylt.

Christian Ress begutachtet zufrieden die Trauben in Keitum auf Sylt.

Foto: Alexander Laux

Keitum ist Deutschlands nördlichster Weinort. Rebstockpächter sorgen selbst für die Ernte. Es gibt genug Sonne – aber eine Gefahr.

Sylt. Hätten Sie es gewusst? Auf Sylt gibt es nicht nur Insel-Gin und andere flüssige Köstlichkeiten: Keitum auf Sylt darf sich Deutschlands nördlichste Weinbaugemeinde nennen. Auf einer Fläche von 3000 Quadratmetern wächst vor den Toren des Ortes, zehn Meter über dem Meeresspiegel, die widerstandsfähige Solaris-Traube, die anfangs zu Wein verarbeitet wurde. 2019 entschied sich der Winzer, künftig Sekt herzustellen.

Anfangen hat alles vor 13 Jahren: 2009 erhielt das Weingut Balthasar Ress aus dem Rheingau den Zuschlag, die Fläche mit Wein zu kultivieren. „Mein Vater hatte die Idee, als er von der Ausschreibung hörte, ich habe sie dann umgesetzt“, erzählt Christian Ress, der Geschäftsführer und Mitinhaber des Weinguts. 2014 gab es die erste Ernte.

Weintrauben auf Sylt müssen vor gefräßigen Möwen geschützt werden

Die Bedingungen sind, anders als man vielleicht glauben mag, sehr gut für den Weinanbau: Der Boden bestehe, so Ress, aus lehmigem Rand, Die Fläche sei von drei Seiten durch Bewuchs gut gegen Wind geschützt, die Anzahl der Sonnenstunden ist mehr als ausreichend. Gefahr lauert nur von Möwen, denen die Trauben offenbar besonders gut munden. Deshalb sind die Rebstöcke durch Netze geschützt.

Besonders warm war es in diesem Jahr allerdings nicht, weshalb die Rekordernte von 2021 nicht erreicht wurde. Vor einem Jahr wurden 3,5 Tonnen Trauben geerntet, woraus 2000 Flaschen Sekt entstanden. Nach der Ernte wurden die Trauben direkt in Anhänger verladen und nach Hattenheim (bei Eltville im Rheingau) gebracht, wo sie verarbeitet werden.

500 Rebstockpächter sichern sich Recht auf Fest und Flasche Sekt

Für den Sylter Weinberg hat Ress, der 2003 auch das „Winebank“-Konzept erfand, ein kluges Marketing-Konzept eingesetzt: die Rebstockpacht. Sie beinhaltet die – natürliche freiwillige – Teilnahme an der Weinlese mit einem Erntefest direkt am Weinberg. Inklusive ist auch eine Flasche des „Söl'ring Solaris Sekt brut“ (Verkaufspreis 65 Euro). Für eine dreijährige Mitgliedschaft werden 249 Euro fällig, für fünf Jahre 396 Euro, für zehn Jahre 579 Euro.

Das Angebot ist ein Riesenerfolg: Bei 500 Rebstockpächtern sind derzeit keine Neuaufnahmen möglich. „Wir könnten viel mehr Pächter aufnehmen, wollen aber garantieren, dass jeder eine Flasche erhält.“ Und ein Teil des Sekts soll ja immer auch in den freien Verkauf gehen.

Die Umstellung von Wein auf Sekt passt perfekt zu dieser Strategie, hat aber auch einen anderen Grund: Weil in der Regel nicht viel mehr als 70 bis 75 Grad Oechsle (Maßeinheit für Mostgewicht) erreicht werden, eignen sich die Trauben besser zur Herstellung von Sekt, wo eine zweite Gärung durchgeführt wird: „Die Voraussetzung für guten Sekt sind auf Sylt leichter und zuverlässiger zu erreichen“, sagt Ress.

In diesem Jahr musste ein Großteil der Rebstockpächter allerdings auf die Ernte verzichten. Zum Termin in der vorvergangenen Woche hatten die Trauben noch nicht den gewünschten Reifegrad erreicht. Trotzdem wurde bei bestem Wetter ordentlich gefeiert, die Westerländer Blaskapelle sorgte für musikalische Unterhaltung. Die Trauben ernteten dann am Montag ein Teil der Rebstockpächter sowie Auszubildende des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA).

Neu im Angebot ist seit diesem Jahr auch ein Tresterbrand aus Sylter Solaris-Trauben. Auch hier hat die Exklusivität ihren Preis: Die 0,5-Liter-Flasche ist mit 129 Euro nicht ganz billig.

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