Nordsee

Naturschützer bekämpfen Sylter Rose und Cranberry-Invasion

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Sylts Naturschutzbotschafterin Stella Kinne (l.) und Angela Schmidt von der Schutzstation Wattenmeer vor der Strandinsel in Hörnum.

Sylts Naturschutzbotschafterin Stella Kinne (l.) und Angela Schmidt von der Schutzstation Wattenmeer vor der Strandinsel in Hörnum.

Foto: Henrik Jacobs

Gebietsfremde Arten im Wattenmeer oder Füchse und Marderhunde sorgen auf Sylt für Probleme. Der Naturschutz feiert erste Erfolge.

Hörnum/Wenningstedt. Stella Kinne zückt ihr Tablet und tippt ein: Dreimal Strand-Platterbse, zweimal Kali-Salzkraut, einmal Meersenf und einmal Salzmiere. Dann läuft sie zum nächsten Punkt der Strandinsel an der Hörnumer Odde. Es ist 9 Uhr morgens und windig wie fast immer hier unten an der Sylter Südspitze. Nach rund einer Stunde hat die Naturschutzbotschafterin von Sylt zusammen mit ihrer Kollegin Angela Schmidt von der Schutzstation Wattenmeer 72 Dünenpflanzen markiert. Oder wie es die Naturschützerinnen nennen: kartiert.

„Wir sind richtig zufrieden“, sagt Stella Kinne. Schließlich sei die Strandinsel ihr „Herzensprojekt“. Und damit ist nicht die Insel Sylt mit ihrem 40 Kilometer langen Sandstrand gemeint, sondern die 175 mal 15 Meter kleine Fläche in Hörnum, von der es auf Sylt mittlerweile sechs Stück gibt. Das Ziel dieser Strandinseln: Das Artensterben zu stoppen und stattdessen eine neue Artenvielfalt zu entwickeln. Sei es für die Strandpflanzen oder auch für die Brutvögel.

Sylt beteiligt sich an den Nachhaltigkeitstagen im September

„Wir haben große Erfolge. Es ist schön zu sehen, wie einfach Naturschutz sein kann“, sagt die 24-Jährige, die seit mehr als einem Jahr als Koordinatorin der Naturschutzverbände auf Sylt arbeitet. Über einen Freiwilligenjob kam die im Harz geborene Niedersächsin vor zwei Jahren an die Nordsee. Mit den Strandinseln fing ihre Stelle an.

Heute koordiniert sie verschiedene Naturschutzprojekte auf Sylt und kümmert sich aktuell zusammen mit dem Erlebniszentrum, der Schutzstation Wattenmeer, der Bürgerbewegung Merret reicht's, den Tourismusservices und der Sylt Marketing GmbH um die bundesweiten Nachhaltigkeitstage, an denen sich vom 20. bis 26. September auch Sylt beteiligt.

Dass Sylt in vielen Bereichen immer nachhaltiger wird, kann man im täglichen Leben beobachten. Um die Strandinseln zu erkennen, braucht man aber einen geschulten Blick für den Naturschutz. Konkret werden dabei bestimmte Bereiche des Dünenstrandes mit Pflöcken markiert und damit vor Vertritt geschützt. Fußgänger dürfen diese dann nicht mehr betreten. Die Akzeptanz sei erfreulich. Schon nach kurzer Zeit wachsen in diesen Schutzzonen auf diese Art neue Pflanzen.

Das Strandinsel-Projekt soll auf Sylt weiter ausgeweitet werden

Das Projekt soll auf Sylt in beruhigten Bereichen weiter ausgeweitet werden. Neben Hörnum gibt es noch zwei Strandinseln in Kampen, zwei auf dem Sylter Ellenbogen und eine in Wenningstedt. Weitere sind in Rantum und in Westerland geplant. So kommen auf der Insel neue Arten hinzu, wenn das Saatmaterial über das Meer angespült wird. Neu auf Sylt: Die Strandwolfsmilch. „Durch die Strandinseln ist die Artenvielfalt so groß wie nie“, sagt Stella Kinne, die eine Eintönigkeit in den Dünen beobachtet hatte.

Gleichzeitig kümmern sich die Naturschutzbotschafterin und ihre Kollegen um die Arten, die auf der Insel Überhand nehmen. Die Sylter Rose, ein beliebter Heckenstrauch, hat zwar einen einheimischen Namen, wurde aber eingeschleppt und verbreitet sich rasant. Am Ellenbogen wurde sie bereits entfernt. Auch die Cranberry-Invasion in Hörnum musste gestoppt werden – zum Schutz der Sylter Dünen.

2023 feiert Sylt 100-jähriges Bestehen des Naturschutzes

Im kommenden Jahr gibt es ein Jubiläum: Vor 100 Jahren wurden mit dem Listland und dem Morsumkliff die ersten Gebiete auf Sylt unter Naturschutz gestellt. Zu tun gibt es auf der Insel noch genug. Der Artenschutz betrifft schließlich nicht nur die Pflanzen, sondern auch die Tiere. Für viele Vogelarten auf Sylt sind Marderhunde und Füchse eine Bedrohung. Zum Beispiel für die Zwergseeschwalbe oder die Küstenschwalbe. Auch der Sandegenpfeifer, von dem es nur noch 1000 Brutpaare in ganz Deutschland gibt, soll geschützt werden. Die Strandinseln geben den Vögeln zusätzliche Möglichkeiten, in Ruhe zu brüten.

Marderhunde und Füchse sind über den Hindenburgdamm nach Sylt gekommen und fressen etwa die Eier der Brutvögel. Daher wurde am Ellenbogen ein Elektrozaun um die Strandinsel aufgebaut. „Die gehören hier nicht her“, sagt Stella Kinne. Es gebe zwar Treibjagden, aber es sei nicht möglich, den Bestand zu begrenzen. Mit dem Elektrozaun konnten in diesem Jahr nach langer Zeit wieder zahlreiche Küken beobachtet werden, die ohne Störung aufwachsen konnten.

Freilaufende Hunde am Strand können auf Sylt zum Problem werden

Auch aus diesem Grund sind freilaufende Hunde an den Stränden von Sylt verboten. Viele Hundebesitzer halten sich aber nicht daran. Problematisch wird es, wenn die Tiere in die geschützten Dünen laufen oder die Seehunde am Strand von Hörnum stören.

Aber auch über das Meer kommen ungewollte Arten nach Sylt. So wurde etwa die pazifische Felsenkrabbe auf die Insel eingeschleppt. Ob sie eine Bedrohung für die heimische Nordseekrabbe ist, wurde von den Wissenschaftlern noch nicht festgestellt. Möglich ist auch, dass sich neue und alte Arten untereinander gut ergänzen. „Die eingeschleppten Arten haben das Artenspektrum verändert und damit nicht nur die Biodiversität, sondern auch die Interaktion zwischen den Arten“, sagt Christian Buschbaum, Meeresökologe am Alfred-Wegener-Institut (AWI) auf Sylt.

100 gebietsfremde Arten im gesamten Wattenmeer der Nordsee

Die Zahl der gebietsfremden Arten im gesamten Wattenmeer der Nordsee liegt bei mehr als 100, sagt Buschbaum. An der Küste werden demnach bis zu zwei neue nicht heimische eingewanderte Arten pro Jahr entdeckt. Im Wattenmeer hätten die bisher eingeschleppten Arten keine heimische Art verdrängt. Dennoch gebe es gebietsfremde Arten, die potenziell invasiv werden und die Dominanzstrukturen, Lebensräume und trophischen Systeme des Wattenmeers verändern könnten. Ein Beispiel hierfür ist die Pazifische Auster.

Dass sich Sylt verändert, sehen Naturschützer nicht nur an den Dünenpflanzen. Nach der Kartierung steht Stella Kinne am Strand mit Blick auf die Tetrapoden. Hunderte Betonblocksteine, die 1968 zum Schutz der Kersig-Siedlung in Hörnum an die Küste gelegt wurden. Allerdings schaden sie laut Kinne auch der Südspitze der Hörnumer Odde, da sie die Strömung dahin lenken würden. Der Abbruch der Südspitze ist für die Zukunft von Sylt eine große Herausforderung. Rund 80 bis 85 Prozent sind gemäß den Auszeichnungen der Schutzstation Wattenmeer seit 1972 von dem ursprünglich unter Schutz gestellten Gebiet der Hörnum Odde bereits abgetragen worden.

Die studierte Buchwissenschaftlerin Stella Kinne hat als Naturschutzbotschafterin noch viel zu tun auf der Insel Sylt. In jedem Fall hat sie ihren Traumjob gefunden. Jetzt freut sich Stella Kinne aber erst einmal, dass weitere Strandinseln aufgebaut werden können. „Das Potenzial und die Vielfalt hier ist krass“, sagt Kinne. Nach zwei Jahren kann sie das sagen: „So etwas hat nur Sylt.“

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