Angestellte erzählen

Sylt bald ein „Freizeitpark“? So lebt es sich auf der Insel

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Anika Würz
Stephan Busch (r.) mit seiner Kollegin Sukaina Ishmail im Sylt-Travel-Büro am Bahnhof Westerland.

Stephan Busch (r.) mit seiner Kollegin Sukaina Ishmail im Sylt-Travel-Büro am Bahnhof Westerland.

Foto: Anika Würz

Pendlerchaos, Personalmangel und fehlender Wohnraum setzen Bewohnern zu. Wer nach Sylt zieht, unterschätzt vor allem eine Sache.

Sylt. Mit den Hunderttausenden Touristen, die sich in jedem Jahr auf jenem Eiland einfinden, das unter Kennern nur "die Insel" heißt, ist es nicht getan. Ein Sylt-Aufenthalt besteht schließlich aus mehr als Strand und Brise. Hotelübernachtungen, Restaurantbesuche, Shoppingtouren, die Autovermietung oder der Aperol zwischendurch gehören ebenso zum Urlaub – und dafür braucht es eine Menge Personal. Zumal jetzt, in der Hochsaison.

Eine jener Personen, die arbeitet, wo andere Urlaub machen, ist Stephan Busch. Er ist Leiter des Sylt-Travel-Büros, betrieben von der Ferienhaus-Vermietung Travanto, im Bahnhofsgebäude Westerland.

Sylt: Personal findet keinen Wohnraum

Busch, der hinter seinem Tresen in erster Linie Fahrzeuge vermietet, hat das Glück auf Sylt zu wohnen. Rund 5500 andere Angestellte müssen nach Angaben des NDR täglich über den Hindenburgdamm auf die Insel pendeln. Ein Problem, denn immer weniger Menschen wollen sich den weiten Weg jeden Morgen und Abend antun.

Dass Sylt so stark unter Personalmangel leidet, "liegt ganz klar am Wohnraumproblem", meint Busch daher. Gehe es so weiter, könne sich bald kaum noch jemand ein Leben auf der Insel leisten, "und dann müssen wir hier Disneyland aufmachen. Dann besuchen Menschen die Insel nur noch wie einen Freizeitpark", sagt er.

Mitarbeiter seien auf Sylt kaum zu finden

Stephan Busch ist derzeit selbst auf Mitarbeitersuche. Mindestens zwei Vollzeitstellen hätte er noch zu besetzen, sagt der Leiter von Sylt-Travel. Weil er einfach kein Personal findet, musste er zuletzt die Öffnungszeiten seines Büros verkürzen und konnte nach eigenen Angaben in den letzten anderthalb Jahren weder Urlaub noch ein einziges freies Wochenende genießen.

Derzeit unterstützt ihn die Südafrikanerin Sukaina Ishmail bei der Autovermietung. Ishmail ist eigentlich Journalistin und im Februar mit ihrem Freund auf die Insel gezogen.

"Ein bisschen Deutsch lernen muss sie noch", sagt Busch, "aber eigentlich ist sie symptomatisch für das Problem, das wir haben." In Deutschland können Arbeitgeber ihm zufolge nämlich kaum noch Personal finden. Um wieder Menschen für die Arbeit bei Sylt-Travel zu begeistern, sucht er derzeit nach Wohnraum, den er zukünftigen Mitarbeitern stellen könnte.

Bahnen nach Sylt kommen oft zu spät oder fallen aus

Ähnliches berichtet Björn Lanninger, Rezeptionist im Airport Hotel One in Tinnum. Dass er eine bezahlbare Wohnung auf Sylt gefunden hat, sei ein "absoluter Glücksfall" und ziemlich selten. Bevor ihm ein Bekannter sein jetziges Zuhause vermitteln konnte, war er fünf Jahre lang erfolglos bei der Genossenschaft gemeldet, die lange Wartelisten habe.

Die meisten auf Sylt Arbeitenden seien Pendler und würden unter der regelmäßig verspäteten und ausfallenden Bahnverbindung aufs Festland leiden, erzählt Lanninger. "Da sind die Leute immer schon gut gelaunt, wenn sie auf der Arbeit ankommen", sagt er, "und die Arbeitgeber müssen natürlich auch Verständnis für all die Verspätungen haben."

Derzeit sind die Züge zudem häufig mit 9-Euro-Ticket-Touristen überfüllt. Er könne nachvollziehen, wieso viele sich die Pendelei nicht antun möchten – selbst wenn sie auf Sylt ein paar Euro mehr verdienen als auf dem Festland.

So extrem wie in diesem Jahr ist der Personalmangel auf Sylt Lanningers Einschätzung nach zuvor nicht gewesen. "Es gibt Restaurants hier, die machen zwei Tage in der Woche zu – in der Hochsaison! Eigentlich können die sich das kaum erlauben", sagt er. Er vermutet, dass insbesondere Mitarbeiter gastronomischer Betriebe während der vergangenen beiden Corona-Jahre ihren Job aufgeben mussten und nun eine Beschäftigung auf dem Festland haben.

Lanninger fristet regelmäßig sechs Tage in der Woche an der Rezeption im Aiport Hotel One in Tinnum. Mit seinem Inselleben sei er jedoch seit fünf Jahren überglücklich. "Im Sommer ist es natürlich stressig, aber der Winter ist total ruhig, fast ein bisschen einsam", schildert er. "Ich finde das angenehm. Junge Leute bekommen da aber auch schnell einen Insel-Koller, die bleiben meistens nur zwei, drei Saisons und hauen dann wieder ab."

Auf Sylt ist der Winter rauer als in der Stadt

"Ja, den Winter muss man mögen", sagt auch Sylt-Travel-Leiter Busch. Er sei rauer als in der Stadt, meint der ehemalige Hamburger. "Andererseits lebe ich, wo andere Urlaub machen", sagt er. Wegen der vielen Arbeit seit langer Zeit selbst nicht auf Reisen gewesen zu sein, mache ihm daher nicht so viel aus, "denn nach einem langen Tag kann ich mich ja trotzdem noch mal an den Strand setzen. Das ist auch schön – anders schön."

Eine Westerländer Buchhändlerin, die ihren Namen lieber nicht nennen möchte, gehört ebenfalls zu den Glücklichen, die nicht nur auf Sylt schaffen, sondern auch wohnen. Sie sei vor Jahren arbeitsbedingt auf die Insel gekommen. "Das hat sich damals gut ergeben mit der Wohnung – auf dem heutigen Markt würde ich wahrscheinlich keine finden", sagt die Angestellte der Buchhandlung.

Auch sie hebt den Unterschied zwischen dem trubeligen Sommer, in dem die Touristen die Nordsee-Region beinahe überrennen, und dem stillen Sylter Winter hervor. "Und die Corona-Zeit war natürlich irre", erzählt sie. "Da hatten wir die Insel plötzlich für uns."

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