Nordsee

Zu wenig Gästeführer auf Sylt: Drei Frauen wollen das ändern

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Die Syltlotsinnen sind Gästeführer auf Sylt (v.li.): Sabine Hirschberger, Christina Lohmann und Alexandra Morell.

Die Syltlotsinnen sind Gästeführer auf Sylt (v.li.): Sabine Hirschberger, Christina Lohmann und Alexandra Morell.

Foto: Syltlotsin

Drei Sylterinnen wollen Gästen die Insel in ihrer Vielfalt zeigen. Das Abendblatt war dabei und hat Orte der Insel für Neulinge erlebt.

Sylt. Die Kampener Familie trinkt an diesem Sonnabendmorgen um 10.15 Uhr bereits Champagner mit Blick Richtung Nordsee. Weil der Dame beim Champagnertrinken aber der Bauzaun stört, hebelt sie das Gitter eigenhändig heraus und schiebt ihn beiseite. Mehr Sylt-Klischee von Champagner trinkenden Menschen, die dekadent und eigenwillig daherkommen, geht nicht – das kann man sich nicht ausdenken.

Aber: Sylt, das sind längst nicht nur die Reichen und die Schönen. Vor allem nicht für diejenigen, die dort leben. Und drei dieser Sylterinnen wollen Gästen die Insel in ihrer ganzen Vielfalt zeigen. Das Abendblatt war dabei und hat bekannte Ecken der Insel für Sylt-Einsteiger erlebt.

Berufseinsteigerinnen sind auch Sabine Hirschberger, Christina Lohmann und Alexandra Morell. Als freiberufliche Gästeführerinnen zeigen sie Besuchern neben ihren Hauptjobs seit dieser Saison die Insel. „Syltlotsin Hoch 3“ nennt sich ihr Start-up. Aus drei Freundinnen sind so Kolleginnen geworden. Und die Nachwuchs-Tourguides werden dringend gebraucht.

Sylt beheimatet zu wenig Gästeführer

Denn: „Es herrscht ein Gästeführer-Notstand auf Sylt“, sagt Sabine Hirschberger, die vor 40 Jahren von Süddeutschland nach Sylt kam und ihren späteren Mann in der Gastronomie kennen- und lieben lernte und blieb. Die Mutter eines erwachsenen Sohnes arbeitet im Büro des Golfclub Sylt. Donnerstags aber geht es mit den Gästen über die Insel. „Ich mag diesen Ausgleich zwischen Bürojob und draußen sein“, sagt sie. Christina Lohmann, als einzige der drei eine echte Sylterin, arbeitet zu einem Teil in der Verwaltung von Gosch, die Dritte im Bunde, Alexandra Morell, bei einem Immobilienunternehmen.

Sie alle studieren noch, um professionelle Gästeführerinnen zu werden. Sie sind drei von 17 Teilnehmer und Teilnehmerinnen, die derzeit eine Ausbildung zum zertifizierten Insel-Guide absolvieren. Sie lernen in den Seminaren vieles über die Bereiche Geschichte, Tourismus, Natur, Brauchtum, Tradition, wirtschaftliche Entwicklung und regionalspezifischem Wissen. Dazu werden Kommunikations- und Sprachtraining beigebracht sowie die unternehmerischen Grundlagen für die Ausübung der Profession erklärt.

Sylt: Gästeführer werden nun professionell ausgebildet

Denn der Beruf des Gästeführers ist nicht geschützt. Dies zu ändern und ein Berufsbild zu etablieren, ist Ziel des Bundesverbands der Gästeführer (BVGD) und ist auch den Touristikern auf Sylt wichtig. „Deshalb haben wir im vergangenen Herbst in Kooperation mit der Sylter Gästeführerin Silke von Bremen und der Volkshochschule Sylt diese Ausbildung zum zertifizierten Gästeführer ins Leben gerufen“, sagt Jutta Vielberg von der Sylt Marketing GmbH (SMG).

Die Schulung lehnt sich an die Standards des Bundesverbands der Gästeführer an und erstreckt sich über zwei Wintersemester mit 120 Unterrichtsstunden, die mit einer Abschlussprüfung im März 2023 beendet wird. „Wir haben auf Sylt sehr gute Gästeführer, damit wir diese Qualität weiterhin bieten können, wollen wir unsere Guides nach den neuesten und anspruchsvollsten Standards ausbilden“ sagt Moritz Luft, Geschäftsführer der SMG.

„Sylt ist nicht nur Champagner saufen“

Und noch sind die drei fast fertigen Gästeführerinnen ein wenig aufgeregt, wenn es auf Tour geht. Das ist nicht schlimm, sondern sympathisch und lebendig. „Sylt“, sagt Christina Lohmann, „ist nicht nur Champagner saufen, sondern da ist viel mehr hinter den Kulissen.“

Keitum ist das grüne Herz der Insel

Heute ist die erste Station bei der Inselrundtour das Friesendorf Keitum. „Das ist das grüne Herz der Insel“, sagt Sabine Hirschberger. Das liegt auch an den vielen Kastanien und Linden und den im Sommer blühenden Gärten. Es erinnert ein wenig an das Künstlerdorf Worpswede bei Bremen in Niedersachsen mit den vielen kleinen Kunsthandwerkerläden – hier eine Glasbläserei, dort eine Keramik- und Goldschmiedewerkstatt – mit den Ateliers, Modeboutiquen und den kleinen Reetdachhäusern.

„Hier ist es ruhiger als im trubeligen Westerland“, sagt Frau Hirschberger. Die Höhepunkte sind die Kirche Sankt Severin und das Heimatmuseum. Dort lädt Sabine Hirschberger auf einen Cappuccino ein mit Blick aus dem Liegestuhl auf das Watt. Auf die Frage, ob es hier im Winter mit gerade einmal rund 1000 Einwohnern nicht furchtbar einsam ist, sagt Sabine Hirschberger: „Das Urlaubsverhalten hat sich geändert, und auch der Winter ist recht belebt, gerade durch die vielen Zweitwohnungsbesitzer.“

Hörnum beeindruckt durch das Meer

List und Hörnum waren lange Zeit vom Militär geprägt, berichtet Sabine, die wie die meisten auf Sylt sofort das Du anbietet, während der Fahrt nach Hörnum. Und tatsächlich prägen zunächst Kasernen das Ortsbild. Wie Rantum auch, wurde Hörnum von den Nazis in den 1930er Jahren militärisch genutzt. Und auch davor schon. „Bis dahin war hier nur Düne und Strand, da hat niemand gewohnt“, sagt Kollegin Christina Lohmann. Heute sind in den ehemaligen Kasernen Jugendherbergen und Jugend- und Kindererholungsheime. „Hier wurde viel gebaut, auch Wohnungen für Einheimische, kleine, bunte mit Grasdächern“, berichtet Sabine.

Aber die Infrastruktur ist noch nicht ganz mitgekommen, und so gehen die Kinder aus Hörnum weiterhin in Tinnum zur Schule. Vor allem aber beeindruckt Hörnum durch das Meer. Mehr geht wohl nicht. Denn der Ort wird von drei Seiten vom Wasser umspült. Vom Hafen aus geht es mit den Fähren nach Föhr, Amrum und Hallig Hooge. Und dann ist da noch das Hotel Budersand mit dem so Sabine Hirschberger, und sie muss es als Angestellte eines Golfclubs ja wissen, besten Golfplatz Deutschlands.

List bekommt weitere Ferienwohnungen

„List mausert sich“, sagt Christina, nachdem die Bundeswehr 2007 den Standort verlassen hat und der Ort in eine Lethargie gefallen war. Mehr als 2000 Soldaten waren hier stationiert. Es sind etliche Ladenzeilen entstanden und mit dem Lanserhof, das von außen wie ein Ufo erscheint, das mitten in die Dünen gelandet ist, ein weiteres Luxusresort. „Der Lanserhof ist das ehemalige Offiziersheim von List.“ Mit dem Dünenpark soll es dort weitere Ferienwohnungen geben. „Wir brauchen auf der Insel dringend Wohnraum, nicht noch mehr Ferienwohnungen“, sagt Christina, die Hotelfachfrau gelernt und lang Zeit für eine Reederei in Hamburg gearbeitet hat. Der Schutz der Natur liegt der Sylterin am Herzen. Der Lister Ellenbogen und zwei weitere Naturschutzgebiete gehören zwei Familien, erzählt sie: „Das ist unsere Lebensversicherung, sonst würden sie uns das auch noch alles zubauen.“

Tipp der beiden: Mit dem Bus nach Kampen Mitte fahren, hinüber gehen zur Sturmhaube zum Roten Kliff und dann vier Kilometer am Strand bis Wennigstedt laufen – ein Traum. „Oder du fährst mit dem Bus nach List, steigst am Hafen um in den Strandbus, und der hält in unmittelbarer Nähe zum Ellenbogen. Oder du fährst mit dem Bus nach Hörnum und läufst um die Südspitze, um die Hörnum Odde“, sagt Christina.

Kampen ist auch für Familien geeignet

Das ist also das Sylt der Reichen. Auf den Sonnenschirmen der örtlichen Gastronomie prangt Champagnerwerbung, was sonst. Willkommen in Kampen. Das interessiert Sabine Hirschberger und Christina Lohmann aber nicht. „Die Natur ist hier so schön. Die Rosen blühen, und im August die Heide“, schwärmt Christina. „Jeder, der auf Sylt Gast ist, weiß, dass es reich und schön nicht trifft. Das ist auch eine Geschichte aus den 1960er und 1970er Jahren, als Gunter Sachs und die Schauspieler hier waren, da ging es hoch her in Kampen, und Geld spielte keine Rolle.“ Aber das sei heute anders „Es ist genug Platz da für Familien und für Naturliebhaber.“

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