Corona Schleswig-Holstein

Nach illegaler Impfaktion: Winfried Stöcker rudert zurück

| Lesedauer: 6 Minuten
Elisabeth Jessen
Der Lübecker Unternehmer Winfried Stöcker – in der Vergangenheit eher für rechtspopulistische und frauenfeindliche Ausfälle bekannt – macht nun als "Impfstoff"-Entwickler von sich reden.

Der Lübecker Unternehmer Winfried Stöcker – in der Vergangenheit eher für rechtspopulistische und frauenfeindliche Ausfälle bekannt – macht nun als "Impfstoff"-Entwickler von sich reden.

Foto: Marcus Brandt / dpa

Unternehmer ließ „LubecaVax“ im Flughafen verabreichen, wirft Beamten Hausfriedensbruch vor. Doch er rudert auch zurück.

Lübeck.  Der vorletzte Blog-Eintrag von Winfried Stöcker hat so gar nichts mit Corona zu tun. Der Lübecker Unternehmer, der ein klinisch-immunologisches Labor in Groß Grönau (Kreis Herzogtum-Lauenburg, ander Stadtgrenze zu Lübeck) betreibt, hat dort ein Rezept für Quittenmarmelade veröffentlicht.

Etwa komplexer ist dagegen sein Eintrag vom 3. September 2021. Unter dem Titel „Vorschlag für die LEGALE Herstellung eines (banalen) Peptid-Impfstoffes durch einen Arzt, zur Vorbeugung einer Coronavirus-Infektion (Lübecker Verfahren)“ beschreibt er, wie die Herstellung von LubecaVax (so nennt er seinen Impfstoff), funktioniert. Es folgt wie beim Marmeladenrezept eine Herstellungsanweisung, damit Ärzte und Ärztinnen selbst Impfstoffe herstellen können. Zu den Ausgangsstoffen gehören laut Stöcker „150 Mikrogramm gefriergetrockneter SARS-CoV-2 Spike-RBD (Rezeptor-bindende Domäne) und eine Suspension von 0,2 Prozent Aluminiumhydroxid als Adiuvans“.

Illlegaler Impfstoff: Ermittlungen gegen Winfried Stöcker

Winfried Stöcker, der auch Eigentümer des Lübecker Flughafens ist, steht im Zentrum der Ermittlungen im Zusammenhang mit einer unzulässigen Impfaktion mit dem nicht zugelassenen Vakzin am Flughafen am Wochenende. Die Behörden waren am Sonnabend eingeschritten.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Stöcker (74) und drei weitere Männer im Alter von 81, 80 und 61 Jahren, wie die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Ulla Hingst sagte – wegen Verdachts des Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz. Impfstoffe müssen vor einer Zulassung umfangreiche Tests durchlaufen und unterliegen einer strengen Kontrolle.

Stöcker kritisiert Polizei: Form des Hausfriedensbruchs

Die Polizei und der Ordnungsdienst der Hansestadt Lübeck hatten am Sonnabend auch Proben des Impfstoffs, genutzte Spritzen sowie Impflisten sichergestellt. Zu dem Zeitpunkt hätten sich etwa 150 Impfwillige im Flughafengebäude und weitere 80 vor dem Gebäude aufgehalten, sagte ein Polizeisprecher. Nach Angaben der Polizei waren die Wartenden sehr unzufrieden mit der Aktion von Polizei und Ordnungsdienst.

Winfried Stöcker wehrt sich gegen das Einschreiten der Behörden. Dort hätten sich erwachsene Menschen versammelt, die sich freiwillig den von ihm entwickelten Impfstoff hätten injizieren lassen wollen, sagte Stöcker. Das Einschreiten von Polizei und Ordnungsamt betrachte er als eine Form des Hausfriedensbruchs. Er habe die Aktion mit organisiert.

Mehr als 100 Lübecker mit nicht zugelassenem Präparat behandelt

„Ich selbst habe nicht geimpft, weil ich im Frühjahr eine Unterlassungserklärung dazu unterzeichnet habe. Die beiden impfenden Ärzte waren befreundete Mediziner“, sagte Stöcker. Zu der Aktion hatten nach Stöckers Angaben Anhänger des von ihm 2020 entwickelten Stoffes im Internet aufgerufen. 107 Personen sei es gespritzt worden, bevor die Polizei eingeschritten sei, sagte er.

Die Aktion in Lübeck war nicht die erste dieser Art. In einer Veröffentlichung vom 31. August 2021 schrieb Stöcker: „In ganz Deutschland und in Österreich haben mehrere Ärzte begonnen, das Lübecker Verfahren auf diesem Wege legal anzuwenden, bereits einige tausend Mal. Wir selbst überblicken mehr als 800 Einzelfälle, kein einziges Mal ist jemand krank davon geworden, aber es haben sich bei über 95 Prozent der Impflinge vor Corona schützende Antikörper in hoher Konzentration gebildet. In den Monaten Juni und Juli 2021 wurden zum Beispiel im schönen Kiesdorf bei Görlitz von zwei befreundeten Ärzten 376 meiner Kollegen und Bekannten mit dem Lübecker Verfahren legal geimpft, die im Rahmen einer individuellen Behandlung Schutz vor Covid-19 gesucht haben.“

Paul-Ehrlich-Institut erstattete Anzeige gegen Winfried Stöcker

Auf der Internetseite von Stöcker gibt es eine Reihe von Kommentaren von Menschen, die in Stöcker offenbar einen Heilsbringer sehen. „Suche Ärzte im Raum Lübeck. Möchten nur ihren Impfstoff. Welcher Arzt im Raum Lübeck verimpft ihn?????“, fragt Ingo K. Und Jens L schreibt: „Ich komme aus Soest / NRW und habe bis zum heutigen Tag vergeblich auf eine offizielle Zulassung Ihres Impfstoffes gehofft. Da diesbezüglich in naher Zukunft höchstwahrscheinlich keine Entscheidung zu erwarten ist,bitte ich sie hiermit, mir Adressen von Ärzten, die Ihren Impfstoff verabreichen, zu übermitteln.“

Der Gründer der Firma Euroimmun und nach eigenen Angaben seit 1999 Professor der Medizinischen Tongji-Hochschule in Wuhan, hat nach eigenen Angaben schon zu Beginn der Corona-Pandemie 2020 einen Impfstoff entwickelt und hatte ihn sich selbst und weiteren Freiwilligen injiziert. Es gibt aber weder Studien noch eine Zulassung vom zuständigen Paul-Ehrlich-Institut (PEI). Stattdessen erstatteten das PEI und das Landesamt für Soziale Dienste Anzeige wegen der unerlaubten Verabreichung eines nicht zugelassenen Impfstoffes. Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen.

Im Kieler Gesundheitsministerium hat man für all das wenig Verständnis. Dass offenbar hunderte Menschen einem nicht zugelassenen Corona-Impfstoff vertrauen, obwohl zugelassene und geprüfte Impfstoffe leicht verfügbar seien, sei „wirklich nur schwer erklärbar“, sagt Ministeriumssprecher Marius Livschütz. Ansonsten äußere man sich zu staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen und laufenden Verfahren nicht.

Stöckers Kehrtwende: "Lassen Sie sich mit den staatlich empfohlenen Präparaten impfen"

In einem Blog-Eintrag vom 1. Dezember spricht Stöcker vom Impfzwang, der jetzt in Deutschland komme, angesichts der katastrophalen Entwicklung der Corona-Pandemie sei das aber eine richtige Entscheidung.

„Die Gefahr, die aktuell von der Pandemie ausgeht, ist mit Sicherheit größer als die Risiken, die mit der Verabreichung der zugelassenen Impfungen verbunden sind. Jetzt haben wir keine Zeit, auf eine ideale Impfung wie LubecaVax zu warten, die nach meiner Überzeugung ein günstigeres Nutzen-Risiko-Verhältnis bietet, oder sich über unfähige Behörden zu beschweren. Wir befinden uns bildlich gesprochen in einem Kriegszustand mit dem Coronavirus. Da hat es keinen Sinn, einer noch nicht zugelassenen Wunderwaffe entgegenzusehen, egal weshalb sie noch nicht verfügbar ist. Und dann fügt er hinzu: „Bitte lassen Sie sich mit den staatlich empfohlenen Präparaten impfen, sofern Sie tagesaktuell noch keinen Immunschutz aufweisen. Ich will niemanden dazu verleiten, die aktuell gebotene Schutzimpfung zu verschieben und werde aus diesen Gründen bis zum Ende dieses Notstandes in Deutschland meine Aktivitäten in dieser Richtung einstellen.“

Stöcker war in der Vergangenheit unter anderem mehrfach durch Äußerungen aufgefallen, die als rassistisch und frauenfeindlich kritisiert wurden.