Corona

Wie kam das Virus ins Norderstedter Seniorenheim?

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Annabell Behrmann
Die Senioreneinrichtung Haus Hog'n Dor in Norderstedt. 68 von 76 Bewohnerinnen und Bewohnern infizierten sich mit Corona.

Die Senioreneinrichtung Haus Hog'n Dor in Norderstedt. 68 von 76 Bewohnerinnen und Bewohnern infizierten sich mit Corona.

Foto: Annabell Behrmann

Hartmut Feddersen verlor seinen Bruder beim Corona-Ausbruch in Norderstedt. Noch immer weiß er nicht, wie es dazu kommen konnte.

Schleswig-Holstein. Hartmut Feddersen lässt der Tod seines Bruders einfach keine Ruhe. „Warum?“, fragt er am Telefon im Gespräch mit dem Abendblatt immer wieder. Die Frage quält ihn. Lässt ihn nachts wach liegen. „Warum hat man uns Angehörigen den Corona-Ausbruch im Heim verschwiegen?“ Feddersens Bruder ist eines der acht Todesopfer, die der Ausbruch im Norderstedter Pflegeheim Haus Hog’n Dor forderte.

Der 80-Jährige war mit Atemnot und Fieber ins Krankenhaus eingeliefert worden. Wenige Tage später starb er an den Folgen seiner Covid-19-Infektion. Dass sein Bruder erkrankt war, hat Feddersen am Telefon niemand erzählt, als er sich wie immer im Heim nach der Gesundheit erkundigte. „Ich habe erst von der Klinik erfahren, dass mein Bruder Corona hat.“

Corona im Pflegeheim: Wie kam es zum Ausbruch in Norderstedt?

Der Ausbruch hat das Haus Hog’n Dor mit voller Wucht getroffen. 68 von 76 Bewohnerinnen und Bewohnern haben sich mit dem Virus infiziert. 22 von etwa 70 Mitarbeitern sind ebenfalls positiv getestet worden. Mehrere Wochen war das Heim abgeriegelt und stand unter Quarantäne. Am Mittwoch hatte der Infektionsschutz des Kreises Segeberg das Ausbruchsgeschehen offiziell für beendet erklärt.

„Nach einer weiteren Testung aller Seniorinnen und Senioren sind mit Ausnahme einer Bewohnerin alle anderen negativ beziehungsweise als nicht mehr infektiös geltend getestet worden“, teilte Kreissprecherin Sabrina Müller mit. Damit endete die offizielle Überwachung der Einrichtung durch den Kreis. Die noch infizierte Bewohnerin bleibt weiterhin in Isolation. Besuche sind wieder möglich.

Unverständnis: Warum wurden Angehörige nicht informiert?

Hartmut Feddersen hat keinen Angehörigen mehr, den er in der Einrichtung in Norderstedt besuchen kann. Nur um das Zimmer seines Bruders leer zu räumen, wird er das Heim noch einmal betreten. Kurz nachdem sein Bruder verstorben war, meldete sich Feddersen beim Abendblatt. Der 74-Jährige wollte wissen, wann der Ausbruch im Heim bekannt geworden ist.

Am Montag, 18. Oktober, verschickte der Kreis Segeberg die erste Mitteilung an die Pressevertreter. „Am nächsten Tag habe ich noch mit dem Heim telefoniert“, berichtet Feddersen. Er hält kurz inne. „Es kann nicht sein, dass fast 70 Bewohner infiziert sind und man nicht informiert wird.“ Ihm fällt kein Grund ein, warum man den Ausbruch hätte verschweigen sollen. „Ich verstehe es nicht. Daran habe ich am meisten zu knabbern.“

Insgesamt 22 infizierte Mitarbeiter

Auf Anfrage des Abendblatts bezieht die Einrichtung keine Stellung. Bereits vor zwei Wochen aber sendete Geschäftsführerin Martina Homfeldt einen Hilferuf an die Öffentlichkeit. Der hohe Personalausfall durch die zahlreichen erkrankten Mitarbeiter führe zu Engpässen in der Versorgung. Personalservicefirmen hätten ihre gebuchten Dienste abgesagt, weil sie ihre Mitarbeiter nicht der Gefahr aussetzen wollten. „Es gibt offensichtlich nach 19 Monaten pandemischer Lage keine Krisenintervention in Form von praktischer Unterstützung seitens der Behörden für Betriebe des Gesundheitswesens“, klagte Homfeldt.

Grundsätzlich sei es immer die Aufgabe der Einrichtungsträger, bei jeglichen Krankheitsausfällen dafür zu sorgen, dass Personal vor Ort ist, erklärt Kreissprecherin Sabrina Müller. „Die Einrichtung hat unserer Kenntnis nach Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus einer weiteren Einrichtung des Trägers zur Unterstützung hinzugezogen.“ Inzwischen befinden sich nur noch drei der 22 infizierten Mitarbeiter in Quarantäne.

Hartmut Feddersen möchte dem Heim keine Vorwürfe machen. Er habe Verständnis für die schwierige Situation. Aber um wieder Schlaf finden zu können, braucht er Antworten. Deswegen recherchiert er, nicht nur beim Abendblatt. Er telefonierte auch mit dem Infektionsschutz und der Kieler Staatsanwaltschaft. Die Kriminalpolizei Norderstedt hat sich für ein persönliches Treffen Zeit genommen. „Ich möchte das Geschehen für mich ordnen“, erklärt er.

Minister: Mitarbeiterin kam trotz Symptomen zur Arbeit

Der leblose Körper seines Bruders befindet sich derzeit in der Rechtsmedizin. Die Staatsanwaltschaft Kiel hat ein Todesermittlungsverfahren eingeleitet. Zum einen soll die Todesursache geklärt werden – ob die Heimbewohner an oder mit Corona verstorben sind. „Zum anderen müssen wir uns die Frage stellen: Gibt es hier eine strafrechtliche Verantwortung? Wurde der Tod der Menschen eventuell fahrlässig in Kauf genommen?“, erklärt der Kieler Oberstaatsanwalt Axel Bieler. Um diese Fragen zu beantworten, ermittelt die Staatsanwaltschaft zusammen mit der Kriminalpolizei, wie das Virus in die Einrichtung gelangen konnte.

Das Kreisgesundheitsamt hält sich bedeckt. Zur Ursache des Ausbruchs gebe es einen Verdacht, heißt es – diesen teilt die Behörde bislang aber nicht mit der Öffentlichkeit. Im Gegensatz zum Kieler Gesundheitsministerium, das mit seiner Vermutung vorpreschte: Nach bisherigen Erkenntnissen geht das Ministerium davon aus, dass eine ungeimpfte Mitarbeiterin trotz einschlägiger Symptome zur Arbeit gegangen ist.

Corona-Ausbruch: Bisher keine Aufklärung

Ob die Frau vor Dienstantritt nicht wie vorgeschrieben getestet worden ist, ermittelt derzeit der Infektionsschutz. Zum laufenden Verfahren möchte sich die Behörde „bis auf Weiteres“ nicht äußern. „Sollte es hier zu Verstößen gekommen sein, werden diese selbstverständlich entsprechend geahndet werden“, sagt Kreissprecherin Sabrina Müller.

Oberstaatsanwalt Axel Bieler will sich an den Spekulationen nicht beteiligen. „Wir brauchen einige Zeit, um herauszufinden, wo das Virus herkam. Wir wollen nicht vorschnell mit dem Finger auf eine Person zeigen.“ Man müsse abklären, ob es überhaupt einen „Patienten null“ gegeben habe oder ob sich das Ausbruchsgeschehen parallel verbreitete.

Die Untersuchungen an der Leiche sind abgeschlossen. Ein Beerdigungsinstitut aus Norderstedt holt nun Hartmut Feddersens Bruder von der Rechtsmedizin in Kiel ab. „Ich wünsche mir eine anständige Aufklärung“, sagt Feddersen. In der kommenden Woche wird sein Bruder beigesetzt.