Ostsee

Kritik an Wracktauchern: Stören sie die Totenruhe?

| Lesedauer: 8 Minuten
Matthias Schmoock
Christian Lübcke vom Volksbund Kriegsgräberfürsorge kritisiert Störung der Totenruhe. Er hat viele „Beweisfotos".

Christian Lübcke vom Volksbund Kriegsgräberfürsorge kritisiert Störung der Totenruhe. Er hat viele „Beweisfotos".

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Obskure Firmen bieten Expeditionen zu versenkten Flüchtlingsschiffen an. Makabre Szenen sorgen für viel Kritik. Die Hintergründe.

Hamburg. In den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs spielten sich überall im Deutschen Reich unzählige Flüchtlingsdramen ab. Besonders viele Opfer forderte der Exodus Tausender aus Ostpreußen, denen erst viel zu spät genehmigt worden war, sich auf den Weg nach Westen zu machen. Als sich schließlich immer mehr Menschen zur Flucht über die Ostsee entschlossen, organisierte die Kriegsmarine von Ende Januar 1945 an deren Abtransport mit Schiffen der Kriegs- und Handelsmarine aus Häfen wie Memel, Pillau und Gotenhafen. Doch längst nicht alle dieser Schiffe erreichten ihre Ziele. Viele wurden versenkt – und mit ihnen gingen mindestens 20.000 Menschen in der eiskalten Ostsee unter.

Mehr als 76 Jahre später präsentiert der Hamburger Landesvorsitzende des Volksbunds Kriegsgräberfürsorge, Christian Lübcke, Fotos, die Betroffenheit und Wut auslösen: Sie zeigen Taucher, die sich an diversen Wracks zu schaffen machen. Die Schiffe haben traurige Berühmtheit erreicht – unter anderem sind es die „Wilhelm Gustloff“, die „Goya“ und die „Landshut“. Mehr als 75 Jahre liegen sie nun schon auf dem Grund der Ostsee – viele Jahrzehnte davon unentdeckt und unberührt.

Wracktaucher in der Ostsee: Kunden wird Nervenkitzel versprochen

Doch das hat sich geändert. Immer mehr Firmen bieten Tauch-„Expeditionen“ dorthin an und versprechen ihren Kunden Nervenkitzel, spektakuläre Fotomotive – und das eine oder andere Souvenir. Schockierend: Auf einem Bild sind deutlich große Knochen zu erkennen, daneben die Räder eines Kinderwagens, ein Schuh. Lübcke deutet auf einen Gegenstand, den er als Beinmanschette – vermutlich eines verwundeten Soldaten – identifiziert.

Denn mit den zivilen Flüchtlingen wurden 1945 auch zahlreiche Verwundete in den Häfen abgeholt, die unter anderem in Ostpreußen und dem Baltikum gekämpft hatten. Die wenigsten, die sich an diesen Tauchgängen beteiligen, werden sich für die Schicksale der vielen Ertrunkenen interessieren – und kaum einer von ihnen wird Begriffe wie Mitgefühl oder Pietät kennen. Ihnen geht es letztlich um den „Thrill“, um eine paar dürftige Fotos und großspurige Erzählungen im Bekanntenkreis. Im Grunde kann man sie mit Touristen vergleichen, die durch Naturschutzgebiete trampeln, seltene Tiere verscheuchen und Pflanzen als Souvenirs herausreißen. Und auch hier gilt: Die Aufregung ist zwar groß, aber es geschieht wenig bis gar nichts, um diesen Irrsinn zu stoppen.

Wracks gelten als Seekriegsgräber

„Das Problem hat massiv zugenommen, seit Tauchen immer beliebter wurde und die Tauchgänge dank verbesserter Technik auch in größere Tiefen angeboten werden“, erläutert Christian Lübcke. Lange konnten die Wracks nicht geortet und auch nicht für jeden erreicht werden. Die „Goya“ beispielsweise, die im April 1945, ganz kurz vor Kriegsende, mit circa 7000 Menschen an Bord versenkt wurde, liegt in 76 Metern Tiefe, die ebenfalls im April 1945 versenkte „Karlsruhe“ (mehr als 900 Tote) sogar in 88 Metern. Was viele Menschen nicht wissen: Die gesunkenen Schiffe gehören nach wie vor den Nationen, die sie einst in Dienst gestellt hatten, auch wenn sie in anderen Hoheitsgewässern liegen. Und: Sie gelten nach internationalem Recht als Seekriegsgräber, deren Ruhe nicht gestört werden darf.

Um diese Vorschrift zu umgehen und sich einen halbwegs seriösen Anstrich zu geben, deklarieren die Anbieter der Tauchgänge diese sehr oft als wissenschaftliche Exkursionen – vor allem als archäologische. Christian Lübcke wird deutlich: „Mit Wissenschaftlichkeit hat das überhaupt nichts zu tun. Da schwillt mir die Schlagader, wenn ich solche Märchen höre.“

Vor allem polnische, dänische und schwedische Anbieter

Beim Scrollen im Internet wird deutlich: Es sind vor allem polnische, aber auch dänische und schwedische Anbieter, die zahlenden Kunden versprechen, bis zu den Laderäumen der Wracks vorzudringen. Und während sich überall treuherzige Bekundungen finden lassen (auch von offiziellen Stellen), dass die Störung der Totenruhe auf jeden Fall unterbunden werde und auch eigentlich gar nicht möglich sei, sprechen die Fotos der selbst ernannten „Forscher“ in den sozialen Medien eine ganz andere Sprache.

Ein herausgerissener Maschinentelegraf wird da präsentiert, ein verrottetes Gewehr und ähnliches mehr. Begeistert schreibt ein Taucher vom guten Zustand der aufgespürten Gebeine, andere teilen seinen Enthusiasmus. Kritik oder Mahnungen? Fehlanzeige.

„Karlsruhe“ im Fokus der Taucher

Aktuell im Visier der Taucher ist die „Karlsruhe“, in deren Laderaum angebliche Experten das legendäre Bernsteinzimmer vermuten – was Christian Lübcke für „ganz ausgeschlossen“ hält. „Die derzeit unter großem medialen Interesse stattfindenden Tauchgänge zur ,Karlsruhe’ erfolgen nach unserem Kenntnisstand ohne Erlaubnis irgendeiner deutschen Behörde und verstoßen in mehrfacher Hinsicht gegen internationales Recht“, sagt Christian Lübcke. „Der Umstand, dass die mehr als 900 Seekriegstoten dieses Schiffs vor allem Verwundete, Frauen und Kinder waren, empört mich hier besonders. Diesen Schatzsuchern ist dies offensichtlich herzlich egal.“

Das Hauptproblem: Zwar ist die Rechtslage eindeutig, aber Verstöße werden nur selten gemeldet, und die Zuständigkeiten sind nicht immer eindeutig. „Vieles läuft da unter dem Radar ab, und wo kein Ankläger, da kein Richter“, sagt Christian Lübcke, der immer wieder betont, dass er keinesfalls Tauch-Fans und Tauch-Tourismus generell verurteilen wolle.

Kriegsgräber werden immer wieder ausgeplündert

Fakt ist: In einigen Ländern wird die Schändung von Seekriegsgräbern streng geahndet, in anderen fast wie ein Kavaliersdelikt behandelt. „In der Seefahrernationen England kamen Wrackräuber kürzlich ins Gefängnis“, berichtet Lübcke, „andernorts gib es vielleicht eine Geldstrafe – wenn überhaupt.“ Vor Indonesien sei sogar mal ein komplettes U-Boot-Wrack verschwunden – angeblich völlig unbemerkt, versteht sich.

Die Ausplünderung von Kriegsgräbern ist generell ein deprimierendes Thema, das alle Landesverbände des Volksbunds beschäftigt. Immer wieder werden Gräber, beispielsweise in Russland, von Grabräubern und Souvenirjägern geöffnet und ausgeplündert. Im Internet bieten die Diebe dann beispielsweise Erkennungsmarken gefallener Soldaten an – für ein paar Euro.

Ertrunkene Flüchtlinge haben keine Lobby

„Bis vor wenigen Jahren konnten wir davon ausgehen, dass zumindest die Toten auf dem Meeresgrund in Frieden ruhen“, sagt Christian Lübcke, „aber damit ist es nun leider vorbei.“ Einer, der gehandelt hat, ist der renommierte Unterwasser-Archäologe Dr. Florian Huber, der schon 2015 Plünderer von Schiffswrack aus dem Ersten Weltkrieg vor Helgoland anzeigte. Immerhin: Damals konnten geraubte Gegenstände von der Bundespolizei sicher gestellt werden.

Eigentlich ist es völlig unverständlich, dass dem geschmacklosen Treiben unter Wasser nicht viel energischer Einhalt geboten wird. Denn in den meisten europäischen Ländern wird ein respektvoller Umgang mit Kriegsopfern gepflegt. Man dokumentiert namentlich die deutschen Kriegsverbrechen in Ausstellungen, Büchern und Filmen, es gibt Gedenkstätten, Zeitzeugenbefragungen und vieles mehr. Doch für die Totenruhe der ertrunkenen und erfrorenen Flüchtlinge – die meisten Frauen, Kinder und Verwundete – kämpft der Volksbund weitgehend alleine auf weiter Flur. Sie haben keine Lobby, mancher sieht sie nicht einmal wirklich als Opfer.

Tauchen zu Schiffswracks in der Ostsee als Problem erkennen

Wird sich das je ändern? Im kommenden Jahr will der Volksbund eine große Konferenz zum Thema veranstalten, bei dem unter anderem Vertreter von Marine und Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie und Experten wie Florian Huber mit dabei sein werden.

„Es muss darum gehen, endlich ein Problembewusstsein herzustellen“, sagt Christian Lübcke. „Und es muss auch darum gehen, diese Tauchgänge zu entmystifizieren. Denn dabei geht es weder um Abenteuer, noch um Wissenschaften, sondern um Straftaten.“