Ostsee

So mischen die jungen Wilden Fehmarn auf

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Sport auf der Ostsee: Die neue Wakeboarding-Anlage in Wulfen auf Fehmarn ist beliebt.

Sport auf der Ostsee: Die neue Wakeboarding-Anlage in Wulfen auf Fehmarn ist beliebt.

Foto: Wakepark Fehmarn

Ein Mix aus Tiny Houses und Hippie-Camping, Braukunst und Wassersport: Gründer sind mit frischen Ideen auf der Insel erfolgreich.

Fehmarn. 20 Strände, 78 Kilometer Küstenlinie hat Fehmarn, dazu angeblich mehr als 2000 Sonnenstunden im Jahr. Der Wind und das Meer machen zusätzlich den Charme der drittgrößten Insel Deutschlands aus. Aber nicht nur. Es sind auch die Menschen, die „jungen Wilden“, die mit kreativen Ideen und Geschäftskonzepten an der Ostsee durchstarten und die Insel verjüngen. Sie brauen Bier, sind sportlich oder ein bisschen hippiemäßig unterwegs.

Fehmarn: Sie brauen das Inselbier an der Ostsee

Die Braumanufaktur Knust soll ihr zweites Standbein werden, und wenn es so gut weitergeht, wird es das schneller als gedacht. Denn hauptberuflich sind Kerstin Serck-Scheel und Jonathan Grünitz Landwirte in Avendorf auf Fehmarn. Aber von der Landwirtschaft allein in Zukunft leben? Da sind die beiden skeptisch und brauen daher seit 2019 zusätzlich ihr eigenes Bier. Jonathan, gelernter Landwirt, hat sich das Bierbrauen selbst beigebracht. 2014 fing er damit im Keller seines Hauses an.

Heute haben er und seine Frau sechs Sorten im Angebot, und es scheint den Leuten zu schmecken: Zur Hauptsaison, wenn besonders viel getrunken wird, produzieren sie wöchentlich bis zu sechsmal in ihrer eigenen Brauanlage – das sind rund 400 Hektoliter Bier im Jahr. Dort auf 180 Quadratmetern ist ein Drei-Geräte-Sudhaus mit sechs Lagertanks. „Das war erst eine Spinnerei“, erzählt der 38-Jährige. Aus der Spinnerei ist inzwischen viel mehr geworden. So wie an diesem sonnigen Herbsttag halten viele Urlauber während ihrer Radtouren an, um im „Knust“ Station zu machen und etwa ein Insel Pale Ale zu trinken. Am beliebtesten aber ist das klassische Pils.

Einige Rohstoffe ihres Craft-Bieres wollen Kerstin und Jonathan in Zukunft selbst anbauen, und den Energiebedarf für ihre Brauerei deckt bereits die hauseigene Biogas-Anlage ab. Das Paar schmiedet noch mehr Pläne. Freitags gibt es während der Saison Biertastings – und: „Wir planen mehr Livemusik an den Wochenenden während der Hauptsaison und noch mehr Veranstaltungen auch für die Einheimischen.“

Für seine Insel wünscht sich Bierbrauer Grünitz, dass die Infrastruktur den steigenden Gästezahlen gerecht wird. „Wir kommen an unsere Kapazitäten“, sagt er. Vor allem die Straßen seien in einem schlechten Zustand und die Internetverbindung könnte besser sein. Das sieht auch Fehmarns Tourismuschef Oliver Behnke so: „Die Infrastruktur, insbesondere die vielen Rad- und Feldwege, sind teilweise in der Tat in einem schlechten Zustand. Deswegen hat die Stadt eine Arbeitsgruppe initiiert, die Prioritäten für Sanierungen setzt, aber auch über Sperrungen diskutiert.“ Immerhin: In den letzten zwei Jahren wurden 20 Kilometer Radwege auf den Deichkronen optimiert und verbreitert. Infos zur Brauerei: www.knustbier.de

Wakepark Fehmarn: Wassersport auf der Ostsee

„Ein bisschen in die Knie gehen und die Arme lang lassen“, ruft Kris Konrad dem Anfänger zu, der auf Bahn 1 seine ersten Versuche im Wakeboarding macht. Kris und sein Kumpel und Geschäftspartner Stefan „Wolle“ Schütz springen dort ein, wo sie gerade gebraucht werden. Eben noch hat Kris Cappuccino und Kuchen in dem neuen Café verkauft, jetzt gibt er Anfängern Unterricht im Wakeboarding. Über mangelndes Interesse an ihrer neuen Anlage in Wulfen können sich die beiden nicht beklagen. Ganz im Gegenteil. Wer einen Kurs während der Ferienzeit buchen möchte, sollte das am besten zwei Tage im Voraus machen.

Aus einer Leidenschaft haben die beiden ihren Beruf gemacht. Der 33-Jährige Kris und der 32-Jährige „Wolle“ sind seit 15 Jahren begeisterte Wakeboarder. Beide kommen aus Oldenburg in Holstein beziehungsweise aus Großenbrode, also aus der Gegend. Vor sieben Jahren hatten sie die Idee, eine eigene Wakeboarding-Anlage zu errichten. Pfingsten 2021 ist aus der Idee Realität geworden. Bis dahin war viel Risikobereitschaft und Durchbeißen angesagt. Ein Landwirt hat ihnen das 2,4 Hektar große Wiesengelände in Nachbarschaft zum Windsurfing-Paradies Wulfener Hals verpachtet.

Aus der abgetragenen Erde der heutigen Wasserbecken haben sie eine Hochterrasse in Südlage errichten lassen. Dort können die Gäste in der Sonne sitzen und bei Pommes, Kaffee, Kuchen oder Cocktails chillen – auch Nichtsportler. Ab Ende Oktober ist die Anlage mit ihren drei Bahnen, eine für Anfänger und eine weitere mit Rampen für Fortgeschrittene, mehr oder weniger geschlossen und nur auf Anfrage geöffnet. Im Januar und Februar wird es dann ohnehin zu kalt. Dann eignen sich die Wasserbecken eher zum Schlittschuhlaufen.
Infos: www.wakeparkfehmarn.de

Fehmarn: Der Campingplatz mit dem Hippie-Flair

Feste Parzellen und eine Platzordnung gibt es hier nicht. Denn das passt nicht in das Konzept vom Campingplatz Johannisberg im Norden der Insel in der Nähe von Puttgarden. Locker geht es dort zu, ein wenig hippiemäßig.

Marcus Klemp hat den etwas verschlafenen Campingplatz übernommen und ihn aus Dornröschenschlaf geweckt. Auf der grünen Wiese stehen an diesem sonnigen Oktoberwochenende die Gäste mit ihren Fahrzeugen, große Wohnmobile, kleine Bullis. Auch drei Tipis bietet der 32-Jährige auf dem Platz mit 30 Stellplätzen an sowie sechs Tiny Houses. Die Tipis möchte er ausbauen mit echten Betten für mehr Komfort, Glamping eben. Sein Traum ist es, dass sich die „Vanlife“-Szene hier zu Hause fühlt, also Menschen, die gern im VW-Bus reisen, Wassersportler und solche, „die es auch nicht stört, wenn wir hier abends noch am Lagerfeuer sitzen und etwas Musik machen“, sagt Klemp. Aber auch alle anderen Camper sind willkommen.

Die neuen Campingplatzbetreiber wohnen in Tiny Houses auf dem Platz, und zwar ganzjährig. Klemp, gelernter Zimmermann, hat früher auch als Kinder- und Familientherapeut gearbeitet und als Pizzabäcker. Und seine Chillaz Pizzabar auf dem Platz ist angesagt. „Das ist durch die Decke gegangen“, sagt Klemp. 16 Leute musste er einstellen, weil so viel zu tun ist.

Noch bis November ist der Campingplatz besetzt, dann geht es in den SB-Service über. Das heißt: Wer hier übernachten möchte, zahlt wie früher auf dem Campingplatz die Gebühr auf Vertrauensbasis.
Infos: www.campingplatz-johannisberg.de