Bundestagswahl

Ralf Stegner: Wehmut und Neugier vor Wechsel nach Berlin

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Wolfgang Schmidt
Ralf Stegner (SPD) will nach der Wahl am 26. September in den Bundestag einziehen.

Ralf Stegner (SPD) will nach der Wahl am 26. September in den Bundestag einziehen.

Foto: dpa

Kantig, profiliert, gefürchtet, zuweilen auch verhasst – Sozialdemokrat Ralf Stegner lässt als Politiker kaum jemanden gleichgültig.

Kiel. Aus Niederlagen gestärkt hervorgehen – das schaffen wenige Politiker so wie Ralf Stegner (61). Von Gegnern, Gefährten und Journalisten wurde der langjährige Chef der Nord-SPD oft totgesagt, doch sie lagen immer falsch. Der Gastwirtssohn aus Rheinland-Pfalz und Harvard-Absolvent scheiterte bei Versuchen, Ministerpräsident und SPD-Bundesvorsitzender zu werden. Entmutigt hat ihn so etwas nie. „Ich habe immer Kampfgeist“, sagt er der Deutschen Presse-Agentur vor seinem Wechsel in den Bundestag, in den Stegner nach der Wahl am 26. September auf Platz drei der Landesliste sicher einziehen wird.

Der Abschied: „Das Landeshaus in Kiel ist meine berufliche Heimat seit über 30 Jahren.“ Ab 1990 hatte Stegner als Pressesprecher des Sozialministeriums seinen Chef und Mentor Günther Jansen zu Sitzungen der SPD-Fraktion begleitet, später war er dann Staatssekretär, Finanz- und Innenminister und Fraktionschef. „Da ist auch schon Wehmut vorhanden.“

Das Neue: Als Ex-Minister, Fraktions- und Landeschef, SPD-Bundesvize (2014–19) kennt er Berlin bestens. Nun will er dort kontinuierlich Akzente setzen, mit Gerechtigkeitsthemen, gegen Demokratiefeinde, mit Friedenspolitik. Die Wahlchancen? „Da dreht sich was: Die Leute gucken auf Kanzlertauglichkeit; da ist unser Angebot das beste, weil Olaf Scholz die mit Abstand beste Qualifikation hat. Auch die Geschlossenheit und Qualität unseres Programms unterscheiden uns von der Konkurrenz.“

Wiedersehen: Stegner wird im Bundestag alte Bekannte treffen: Grünen-Chef Robert Habeck war Umweltminister in der Koalition aus SPD, Grünen und SSW (2012–2017), schwenkte dann zu Jamaika mit CDU und FDP, obwohl auch eine „Ampel“ mit SPD und FDP drin war. Und dann ist da Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki. Mit ihm focht er im Landtag harte Sträuße aus, aber beide respektieren einander.

Über Habeck: „Für mein Dissertationsthema „Theatralik in der Politik“ ist er ein lebendes Beispiel, ein meisterhafter Inszenierer.“ Beide hätten gut zusammen regiert. „Ich glaube nur, dass Übertreibungen – sich so darzustellen, als könne man über Wasser gehen – falsch sind.“ In der Politik sei Authentizität wichtig. Er sei auch nicht sicher, ob Habeck ein besserer Kanzlerkandidat wäre als Annalena Baerbock.

Habeck über Stegner: „Drei Jahre ohne Ralf Stegner – länger hätte ich das kaum ausgehalten“, schmunzelt der Grüne. „Ich freue mich auf ein sportliches Ringen im Bundestag.“

Über Kubicki:Wetten gegen ihn habe er meist gewonnen. „Er ist ein anständiger Kerl, wettet, verliert und zahlt pünktlich“, sagt Stegner lachend. „Er ist ein leidenschaftlicher Parlamentarier, und wenn man Politik mit Leidenschaft macht, gehören dazu Gegner, denen man Respekt zollt – Kubicki ist so einer.“

Kubicki über Stegner: Dieser müsse sich in Berlin wieder neu behaupten, vor allem in eigenen Reihen. „Niemand in seiner Fraktion wird ihm den roten Teppich ausrollen.“ Er freue sich, wenn er ihm als Vizepräsident das Wort erteilen kann. „Das heißt nämlich auch, dass ich es ihm auch wieder entziehen kann“, sagte Kubicki augenzwinkernd.

Wahlkreis Pinneberg: Da habe er gemessen an den letzten Ergebnissen eher Außenseiterchancen, sagt Stegner. 2017 gewann die SPD mit Ach und Krach nur den Wahlkreis Kiel. „Aber zwei Eigenheiten spornen mich an: Es ist der einzige Wahlkreis, zu dem mit Helgoland eine Hochsee-Insel gehört. Und für ihn gilt seit 1953 als einzigem bundesweit: Wer den Wahlkreis holt, dessen Partei stellt den Kanzler. Wenn ich also gewinne, wird Olaf Scholz Kanzler.“

Stolz: „Mir hat unheimlich viel bedeutet, dass mein Vater noch voller Stolz miterleben konnte, wie ich 1996 Sozialstaatssekretär wurde. Ich musste mich ja nach oben arbeiten.“ Seine Ausbildung samt Harvard-Abschluss sei exzellent gewesen. „Dann habe ich mich beworben und bekam viele Absagen auch in Ministerien, zum Teil in rüder Form von Leuten, die später meine Mitarbeiter wurden.“ Besonders stolz sei er darauf gewesen, SPD-Landesvorsitzender zu sein (2007–2019) und dass Ministerpräsidentin Heide Simonis ihm ihre Nachfolge zugetraut habe.

Niederlagen: 2007 musste er als Innenminister auf Druck der CDU zustimmen, das Kabinett zu verlassen, 2009 verlor die SPD mit ihm als Spitzenkandidat die Landtagswahl („In der politischen Großwetterlage konnte die SPD damals faktisch keine Wahl gewinnen“), 2011 unterlag er dem damaligen Kieler OB Torsten Albig im Mitgliederentscheid um die Spitzenkandidatur zur Landtagswahl 2012. „Die Partei wollte damals sagen: Wir wollen mit jemandem nach außen antreten, der auch Zustimmung findet in nicht sozialdemokratischen Milieus.“ Und 2017 versemmelte die SPD mit Albig und Stegner die Landtagswahl gegen die CDU mit Herausforderer Daniel Günther. „Wir haben sie durch unnötige Fehler am Ende verloren, nicht durch schlechte Politik.“

„Heide-Mord“: Simonis wurde 2005 nicht als Regierungschefin bestätigt, weil ihr jemand aus den eigenen Reihen viermal die Stimme verwehrte. „Das war meine bitterste Niederlage, obwohl ich damit nichts zu tun hatte“, sagt Stegner. „Dass mir unterstellt wurde, ich sei der Verräter, ist komplett absurd. Das entspräche überhaupt nicht meinem Charakter, da ich nie hinterhältig bin und Simonis hatte mir auch gesagt, ich solle sie während der Wahlperiode ablösen.“

Enttäuschungen: „Ich habe mich gelegentlich im Charakter von Menschen geirrt und es schlecht verkraftet, wenn jemand nicht verlässlich war“, sagt Stegner. War seine Familie betroffen, habe ihn das weit mehr geschmerzt als politische Angriffe auf ihn. „Mein ältester Sohn wurde in der Schule schikaniert, weil sein Vater bestimmte Positionen hat. Wir mussten mehrfach die Schule wechseln und am Ende war es ein ganz konservatives Gymnasium, dessen Rektor so etwas nicht duldete.“