Hotel-Projekt

Bahnhofswald in Flensburg: Letzte Aktivisten verlassen Bäume

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Bahnhofswald in Flensburg: Polizisten sichern am Montag die Räumung des Baum-Camps der Demonstranten, die gegen einen Hotelneubau und die Abholzung von Bäumen protestieren.

Bahnhofswald in Flensburg: Polizisten sichern am Montag die Räumung des Baum-Camps der Demonstranten, die gegen einen Hotelneubau und die Abholzung von Bäumen protestieren.

Foto: dpa

Vermutlich Anschlag auf Auto eines Hotel-Investors. Polizei ging gegen Demonstranten im Bahnhofswald vor.

Flensburg. Das Baum-Camp wurde geräumt: Außer in Sachen Handball steht Deutschlands nördlichste Stadt Flensburg nie so im Fokus wie in diesen Tagen. Und das hat nicht nur mit der Corona-Pandemie, der weit verbreiteten britischen Mutante, den Ausbrüchen und Inzidenzen zu tun. Zu allem Überfluss kommt ein umstrittenes Hotel-Projekt am Bahnhof in Flensburg hinzu.

Im Bahnhofswald, der von dem geplanten Bau betroffen sein soll, hatten sich Demonstranten in den Bäumen versteckt. Noch am Montagabend verteidigten sie das letzte Baumhaus. Am Dienstagmorgen teilte die Polizei schließlich mit, dass auch die letzten Personen den Bahnhofswald verlassen haben.

Letzte Aktivisten verlassen Flensburger Bahnhofswald

"Am Abend haben die beiden Personen die Bäume freiwillig verlassen", so Christian Kartheus von der Polizeidirektion Flensburg. Sie wurden nach Angaben der Polizei von den Beamten am Boden in Empfang genommen, versorgt und nach Abschluss der polizeilichen Maßnahmen entlassen. "Noch befinden sich Polizeikräfte am Bahnhofswald, die die restlichen Arbeiten sichern", so Kartheus am Dienstagmorgen. Nennenswerte Vorkommnisse gab es in der Nacht jedoch nicht.

Die Aktivisten twitterten am Montagabend, da die Bäume gefallen seien, „haben wir hier und heute aber nicht für immer verloren und gehen auch angesichts der aktuellen Covid19-Lage #B117, um den Großeinsatz zu beenden“.

Die Polizei hatte die Räumung des Bahnhofswaldes wegen der fortgeschrittenen Tageszeit am Montagnachmittag bis Dienstagmorgen unterbrochen. Alle Baumhäuser seien zu diesem Zeitpunkt bereits zurückgebaut worden, teilte die Polizei mit. Zwei Baumbesetzer seien demnach am Montag aus den Bäumen geholt worden, zwei weitere hielten sich zu dieser Zeit weiterhin in den Bäumen auf.

Räumung des Bahnhofswaldes "vorsichtig und mit Bedacht"

Am Montagmorgen hatten acht Demonstranten versucht, über den Zaun auf das Gelände des Bahnhofswaldes einzudringen. Alle waren in Gewahrsam genommen worden – auch ein weiterer Unterstützer der Baumbesetzer, der wenige Stunden später versucht hatte, durch die Absperrung zu gelangen.

Die Polizei hatte schließlich angekündigt, die kurzzeitig ausgesetzte Räumung wiederaufnehmen zu wollen – obwohl noch "mindestens drei Personen" in den Bäumen vermutet wurden, wie es hieß. Man werde "vorsichtig und mit Bedacht" vorgehen. Die Sicherheit aller stehe im Vordergrund. Am Nachmittag waren nach Angaben eines Polizeisprechers Spezialkräfte im Einsatz, um die verbliebenen Demonstranten aus dem letzten Baumhaus zu holen. Insgesamt sei die Lage aber ruhig gewesen.

Am Sonntag hatte, vermutlich durch einen Brandanschlag, ein Firmenfahrzeug eines Hotel-Investors Feuer gefangen. Dazu wurden die Ermittlungen bereits aufgenommen.

Flensburg: Proteste am Bahnhofswald

Die Nacht zuvor war ruhig verlaufen, aber von der ZOB-Kreuzung habe sich ein Aktivist gegen 5.40 Uhr abgeseilt. Am Morgen hatten dann acht Aktivisten gegen 9.30 Uhr versucht, einen Zaun zu stürmen. Sie waren in Gewahrsam genommen worden. Zwei Stunden später hatte es erneut einer der Baum-Retter versucht. Auch er wurde festgesetzt. Die Mahnwache blieb bestehen. Behördenvertreter hatten auf die corona-konformen Abstände geachtet.

Ausdrücklich hatte die Polizei darauf hingewiesen, dass man die Proteste und die "friedliche Ausübung des Versammlungsrechtes gewährleisten" werde. Dennoch weise man auf die Hygiene- und Abstandsregeln während der Corona-Pandemie hin.

Die Demonstranten verbreiteten per Mail und Twitter, dass sie die "Vernichtung" des Waldgebietes nicht hinnehmen wollten. Der Investor sei mit einer "Privatarmee" gekommen und wolle das Camp auflösen. Die Besetzer hätten zwischen den Baumhäusern nicht gewechselt, dadurch sollten offenbar mögliche Corona-Infektionen vermieden werden.

Baumbesetzer bei Twitter aktiv

Die Deutsche Hospitality (Steigenberger, IntercityHotels) wies auf Twitter darauf hin, dass man mit dem Unternehmen das Vorgehen nicht abgesprochen habe. "Die Räumung wird zwischen dem Bauherrn und der Stadt abgestimmt. Es gibt auch keine von uns gesetzte Frist. Wir sind als möglicher zukünftiger Pächter auf den Bauherrn zugegangen und haben um eine schnelle einvernehmliche Lösung gebeten."

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Die Stadt hat nach eigenen Angaben lange Gespräche mit den Besetzern des Bahnhofswaldes geführt. Die Baumbesetzer bekannten sich auf Transparenten zur anarchistischen und Antifa-Szene. Sie hatten im Herbst mehrere Bäume besetzt, um gegen die Rodung für einen Hotel- und Parkhausneubau zu demonstrieren.

Kritik an Flensburgs Oberbürgermeisterin Simone Lange

Oberbürgermeisterin Simone Lange (SPD) hatte zuvor erklärt: „In Flensburg gilt Kontakt- und Ausgangssperre für alle. Ausnahmen sind allein die in der Verfügung angeführten Gründe.“ Der Infektionsschutz habe Priorität. Wegen hoher Corona-Infektionszahlen war am Sonnabend eine verschärfte Verordnung der Stadt in Kraft getreten.

Der Linken-Bundestagsabgeordnete Lorenz Gösta Beutin aus Kiel warf Lange vor, die Öffentlichkeit und die Klimaaktivisten getäuscht zu haben. Sie habe das Infektionsschutzgesetz vorgeschoben. „Im SPD-Wahlkampf von Klimaschutz reden, aber dann Klimaschützer*innen in den Rücken fallen, ist unanständig und schadet dem Ansehen der Politik.“

In Flensburg liegt die Corona-Inzidenz derzeit bei über 160. Zum Vergleich: In Hamburg beträgt der Wert knapp unter 70 (Stand Sonntag). Die Ausgangssperre zwischen 21 und 5 Uhr bleibt vorerst bestehen.

( HA/ryb/lag/lno )