Letzte Habseligkeiten aus dem Konzentrationslager

Friedrich Tischer war inhaftiert im Konzentrationslager Neuengamme, NS-Haftkategorie: „Schutzhäftling“ Er starb am 13.11.1944 in Neuengamme, wurde beerdigt auf dem Friedhof der Ev.-Luth. Kirchengemeinde Kaltenkirchen.

Friedrich Tischer war inhaftiert im Konzentrationslager Neuengamme, NS-Haftkategorie: „Schutzhäftling“ Er starb am 13.11.1944 in Neuengamme, wurde beerdigt auf dem Friedhof der Ev.-Luth. Kirchengemeinde Kaltenkirchen.

Foto: Arolsen Archives

Das Archiv in Bad Arolsen zeigt Effekten und sucht Nachfahren von Häftlingen aus Kaltenkirchen, eine Außenstelle des KZ Neuengamme.

Kaltenkirchen/Bad Arolsen. José Lopez hatte viele Fotos bei sich. Sie zeigen fröhliche junge Menschen, schöne Frauen und Kinder, manche vermutlich auch ihn selbst, ein anderes seine geliebte Freundin Pierrette. Auch einen Schlüssel und eine Uhr musste der Spanier vor 76 Jahren abgeben. Die Gestapo hatte den jungen Mann im März 1945 im Außenlager Kaltenkirchen des Konzentrationslagers Neuengamme inhaftiert. Als der damals 23-Jährige wenige Wochen später befreit wurde, war er so geschwächt und krank, dass er kaum eine Chance zum Überleben hatte. Doch nur Wochen später heiratete er seine Pierrette und ließ sich mit ihr in ihrer Heimat Frankreich nieder. Die Fotos, Schlüssel und die Uhr blieben zurück. Sie werden bis heute in den Arolsen Archives in Hessen verwahrt.

Effekten nennen Historiker die persönlichen Gegenstände, die die Wachmannschaften den Gefangenen abnahmen. Jede Uhr, jedes Bild, jedes Portemonnaie trugen sie penibel in Listen ein. Auch bei einem der schlimmsten Verbrechen der Geschichte, der Inhaftierung und Ermordung von Millionen in Konzentrationslagern, bestanden die Täter auf eine funktionierende Verwaltung.

Die Effekten wurden den Häftlingen bei ihrer Einlieferung ins Konzentrationslager abgenommen. Es handelte sich um Brieftaschen, Ausweispapiere, Fotos, Briefe, Urkunden sowie vereinzelt Modeschmuck, Zigarettenetuis, Eheringe, Uhren oder Füllfederhalter. Bei den meisten Besitzern handelte es sich um Menschen aus Osteuropa.

Das sind die weiteren KZ-Häftlinge aus Kaltenkirchen

In den Arolsen Archives lagern nur wenige Gegenstände von jüdischen Inhaftierten sowie von Sinti und Roma. „Angehörige dieser Verfolgtengruppen wurden oftmals sofort in Vernichtungslagern ermordet und ihr Besitz nicht verwahrt, sondern konfisziert und weiter verwertet“, heißt es auf der Homepage des Archivs, das bis vor wenigen Jahren den Namen International Tracing Service (ITS) trug. Bis heute sucht das Archiv Nachfahren der NS-Opfer, um ihnen die Effekten zu übergeben.

Die Arolsen Archives verwahren Millionen Daten von Opfern des Nationalsozialismus

Lopez ist einer von 21 Häftlingen, die im Lager Kaltenkirchen zur Zwangsarbeit gezwungen wurden und deren Effekten immer noch im Archiv in Bad Arolsen lagern. Zumeist war Kaltenkirchen nur eines von mehreren KZ, in denen die Menschen aus ganz Europa unter unmenschlichen Bedingungen eingesperrt waren.

Youtube: So arbeitet das Archiv in Bad Arolsen

Thomas Käpernick, Historiker in der KZ-Gedenkstätte, schließt nicht aus, dass sogar Effekten von mehr als 21 Kaltenkirchener Häftlingen in Bad Arolsen archiviert werden. Dort sind Gegenstände verzeichnet, die möglicherweise 20 weiteren Männern zugeordnet werden könnten. Bislang fehlt jedoch der Abgleich von Daten. Die Archives verwahren Millionen Daten von Opfern des Nationalsozialismus. Immer wieder finden sich in den Karteien Menschen mit denselben Namen oder widersprüchlichen Angaben, weil die Verwaltung der Nazis nicht immer perfekt funktionierte. Namen wurden mit Fehlern übertragen oder falsch aus dem Russischen übersetzt. Hinzu kommen Flüchtigkeitsfehler.

Was sind die Arolsen Archives?

Die Geschichte von José Lopez gehört zu den am besten recherchierten eines Häftlings, der in Kaltenkirchen bei Kälte und Hunger zu Bauarbeiten auf dem Flugplatz der Wehrmacht gezwungen wurde. Auf dem Gelände im Westen der Stadt sollten die ersten Düsenflugzeuge der Luftwaffe, eine von Hitlers „Wunderwaffen“, starten. Heute ist das Gebiet als Flora- und Faunahabitat und Erholungsgebiet „Kaltenkirchener Heide“ bekannt.

Schwerkranke, Sterbende und Tote lagen in sogenannten Schonungsblocks

Am 24. Mai 1921 kam José Lopez als Sohn eines Eisenbahners in Tosas in Katalonien zur Welt. Vier Jahre später zog seine Familie in den südfranzösischen Ort Bessèges am Rande der Pyrenäen. Dort fand der Vater Arbeit im Kohlebergbau. Der junge José hatte viele Freunde mit spanischen Wurzeln; die Familie legte nie ihre Staatsangehörigkeit ab. 1942 berief die Franco-Diktatur ihn zum Wehrdienst, doch Lopez wollte im Bürgerkrieg nicht gegen die Antifaschisten kämpfen. Der gelernte Friseur desertierte und ging in die Résistance.

Im Frühjahr 1944 entdeckte die Gestapo die Gruppe und verhaftete die Mitglieder. Für Lopez begann eine Tour durch diverse Lager. Erste Station war Compiègne, dann folgte die Einlieferung als „politischer Häftling“ durch die Gestapo in Neuengamme. Lopez erhielt die Häftlingsnummer 30590. Die Brieftasche mit den Fotos von Familie, Freunden und seiner Verlobten hatte er bei sich. Wenige Tage später folgte der nächste Transport mit mehreren 100 anderen Spaniern in das neu errichtete KZ Watenstedt/Leinde bei Salzgitter. Im Stahlwerk Braunschweig mussten die Gefangenen Bomben produzieren.

Die Geschichte der Kaltenkirchener Effekten

Lopez magerte auf 38 Kilo ab. Als er nicht mehr arbeiten konnte, schickte die SS ihn ins Stammlager zurück, das sich immer mehr zu einem Sterbelager entwickelte. Schwerkranke, Sterbende und Tote lagen nahezu ohne Versorgung in den sogenannten Schonungsblocks. Die nächste Station hieß Kaltenkirchen. Am Bahnhof angekommen, mussten die abgemagerten Häftlinge unter den Augen der Bewohner der Stadt zum Lager marschieren. Ihre Aufgabe: Sie schütteten auf dem Flugplatz nach den Bombenangriffen der Alliierten die Krater zu.

SS stellte einen Räumungstransport zusammen

Als die britischen Truppen immer weiter nach Norden vorrückten, stellte die SS am 16. April einen Räumungstransport zusammen und brachte die Häftlinge mit einem Zug in das KZ-Außenlager Wöbbelin in Mecklenburg-Vorpommern. Am 2. Mai 1945 befreiten amerikanische Alliierte das Lager. José Lopez war stark geschwächt, doch er wollte so schnell wie möglich zurück zu Pierette und seiner Familie, deren Fotos er auf dem Transport nach Deutschland mitgenommen hatte. Unklar ist bis heute, wo Lopez die Effekten abgeben musste. Auf einer brauen Papiertüte aus dem Lager Neuengamme ist lediglich seine Uhr vermerkt. Weitere Hinweise fehlen.

Youtube: Effekten im Arolsen-Archiv

Der schwerkranke Lopez fuhr mit einem Lastwagen des Roten Kreuzes bis in die Niederlande. Über Brüssel erreichte er zwei Wochen später die französische Stadt Lille. Mitte Juni traf er in seiner Heimat ein. Die Haft in Deutschland hatte verheerende Spuren bei ihm hinterlassen: Lopez litt unter Depressionen und dachte an einen Suizid. Keiner seiner Freunde, die mit ihm im KZ waren, hatte überlebt. Nur langsam halfen ihm die Gespräche mit Pierette, deren Foto er sorgsam in seiner Brieftasche gehütet hatte, das Grauen zu verarbeiten. Im September 1945 heiratete das Paar und Lopez gelang es, sich ins Leben zurückzukämpfen. Er eröffnete einen Friseursalon.

Seine Lebensgeschichte hat José Lopez 1993 in einem Interview für die Gedenkstätte Neuengamme geschildert. Fünf Jahre später starb er in seinem Heimatort Bessèges. José Lopez und seine Frau haben nie erfahren, dass die Fotos und anderen persönlichen in Bad Arolsen noch vorhanden sind.

Besatzer entdeckten in den Kreisen Dithmarschen und Steinburg weitere Depots

Warum besonders viele Effekten aus Kaltenkirchen überliefert sind, haben die Historiker Sebastian Schönemann und der Leiter des Archivs der Gedenkstätte Neuengamme, Reimer Möller, recherchiert. Die britischen Truppen entdeckten auf einer Kegelbahn in Lunden im Kreis Dithmarschen 7800 Umschläge mit persönlichen Effekten aus Neuengamme und den Außenlagern. Während bei der Evakuierung der KZ Hunderte starben, hatte der Kommandeursstab aus Neuengamme versucht, die Wertsachen der Inhaftierten in Sicherheit zu bringen. „Der Wert der Armband- und Taschenuhren, Fingerringe, Portemonnaies und Brieftaschen und sonstigen Gegenstände wurde auf 100.000 Pfund Sterling (heutiger Wert; knapp 2,9 Millionen) geschätzt“, schreiben die Historiker.

In den Tagen nach dem Fund in Lunden entdeckten die Besatzer außerdem in den Kreisen Dithmarschen und Steinburg weitere Depots, unter anderem mit Tonnen von Lebensmitten, die die Neuengammer Lagerleitung angelegt hatten. Die Kisten mit den Effekten verwahrte zunächst die Spar- und Leihkasse Husum. Von dort wurden sie nach Kiel zur Reichsbankfiliale transportiert. Zur selben Zeit schrieben die Besatzungstruppen Listen mit den Effekten, die sie Gefangenen zuordneten, und übergaben viele Gegenstände den Rot-Kreuz-Organisationen der jeweiligen Heimatländer. Andere Effekten gelangten auf unterschiedlichen Wegen über später entstandene Bundes- und Länderbehörden sowie Wohlfahrtsorganisationen nach Bad Arolsen.

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Das Archiv in Bad Arolsen hatte ab 1963 aktiv nach den Eigentümern von Effekten gesucht und Tausende Gegenstände zurückgegeben. Als zum Beginn der 80er-Jahre kaum noch Effekten zugeordnet werden konnten, stellte die Institution die Suche ein. Vermutlich hat das Ehepaar Lopez deshalb nie von den Fotos in der Brieftasche erfahren.

Bilder und Dokumente aus den Arolsen Archives

Erst ab dem Jahr 2007 mit dem Aufbau eines Online-Archivs und verstärkter Medienarbeit fanden sich wieder Angehörige, die die Habseligkeiten ihrer gequälten Eltern oder Großeltern in Bad Arolsen anforderten.

Die Geschichte des Kaltenkirchener KZ

Jedoch nicht im Fall Lopez. Bei den Recherchen für die Sonderausstellung „Überdauert! Effekten – Objekte – Erinnerungen“ in der KZ-Gedenkstätte Drütte bei Salzgitter gelang es den Organisatoren, Kontakt zu einem Angehörigen von José Lopez aufzunehmen. Er besuchte spontan Salzgitter und die Ausstellung, war aber an einer Rückgabe der Effekten nicht interessiert. Sie liegen weiterhin im Archiv in Bad Arolsen.