Corona-Krise

Expertin im Landtag: Einen Monat komplette Ausgangssperre

Alexandra Barth, Leiterin des Gesundheitsamtes Neumünster.

Alexandra Barth, Leiterin des Gesundheitsamtes Neumünster.

Foto: Axel Heimken / dpa

Schleswig-Holsteins Parlament ließ sich einen ganzen Tag lang von Fachleuten beraten. Schlie (CDU): Novum mit Nachhaltigkeitscharakter.

Kiel.  Das Wissen von Experten zu nutzen ist immer eine gute Idee. Im Parlamentarismus ist das eine Binsenweisheit. Die Fachausschüsse der Landtage und des Bundestags laden immer wieder Wissenschaftler ein, die zu Fachfragen Stellung nehmen. Dass sich ein komplettes Landesparlament einen ganzen Tag lang beraten lässt, ist hingegen neu.

In Schleswig-Holstein war es Mittwoch so weit. Landtagspräsident Klaus Schlie (CDU) sprach von einem „Novum, das Nachhaltigkeitscharakter haben wird“. Es ging – natürlich – um Corona. Der Tag der Wissenschaft war durchaus erhellend. Und weil er im Internet verfolgt werden konnte, galt das nicht nur für die Parlamentarier, sondern für alle Bürger.

So berichtete Alexandra Barth, die Leiterin des Gesundheitsamts Neumünster, dass viele Kollegen in anderen Bundesländern vollkommen überlastet seien. Teilweise gehe es nur noch darum, Schadensbegrenzung zu betrieben. In Schleswig-Holstein sehe das anders aus. „Wir stehen besser da“, sagte sie. „Nicht, weil wir so gut sind, sondern weil der Eintrag der Infektionen zu Beginn der Pandemie aus dem Süden erfolgte.“ Da sei Zeit geblieben, um sich vorzubereiten.

Anderer Umgang mit der Pandemie

Das solle, so Barth, nicht als Anregung missverstanden werden, jetzt wieder bei den Maßnahmen nachzulassen. Im Gegenteil: „Wenn die Einschränkungen lasch bleiben, werden auch die schleswig-holsteinischen Gesundheitsämter bald nicht mehr handlungsfähig sein.“ Barth machte einen Vorschlag zu einem anderen Umgang mit der Pandemie: „Wenn wir für einen Monat eine komplette Ausgangssperre verhängen würden, würde sich die Pandemie totlaufen.“

Professor Philip Rosenstiel, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uni Kiel, betonte, dass es bei der Pandemiebekämpfung nicht nur um die Auslastung der Intensivstationen gehe, sondern auch um die Testauslastung: „Tests sind eine endliche Ressource.“ Könne man nicht mehr ausreichend testen, werde man blind bei der Pandemiebekämpfung, so Rosenstiel. Gabriel Felbermayr, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, beschrieb zunächst die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie.

Dramatische Einbußen

Sie seien beträchtlich. Felbermayr schränkte ein: „Es sind dramatische Einbußen, es sind aber auch temporäre Einbußen.“ Die Pandemie sei eine Naturkatastrophe, aber keine Weltwirtschaftskrise, die drei bis vier Jahre dauern könne. „Wir haben jetzt beispielsweise kein Problem mit der Massenkaufkraft.“ Die finanziellen Hilfsprogramme der Bundesregierung bezeichnet er als „sehr unsystematisch, teilweise sogar unausgegoren“. Insbesondere die „Novemberhilfe“ sei „handwerklich höchst bedenklich“. Mit dieser Hilfe sollen bekanntermaßen Hotels und Restaurants unterstützt werden.

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Sie bekommen bis zu 75 Prozent des Umsatzes des Vorjahres-Novembers. Felbermayr: „Der Umsatz ist kein guter Maßstab für finanzielle Unterstützung, das kann zu perversen Anreizen führen.“ Um 18 Uhr war Feierabend. Vielleicht das wichtigste Fazit: Gleich mehrere Experten empfahlen, über Corona-Maßnahmen besser zu informieren. So könne man verhindern, dass sich die Gesellschaft in Gegner und Unterstützer solcher Maßnahmen spalte. „Da können wir viel mit anfangen“, sagte Parlamentspräsident Schlie.

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