Pandemie

Corona-Lockdown: Tourismusbranche ist in Not

Hotels an der Küste wie in Travemünde hatten weniger Einbußen als jene im Landesinneren oder in Städten.

Hotels an der Küste wie in Travemünde hatten weniger Einbußen als jene im Landesinneren oder in Städten.

Foto: picture alliance

80.000 Beschäftigte und Firmenchefs von Hotels und Restaurants im Norden stehen vor existenziellen Problemen.

Kiel.  Noch im September hat es so ausgesehen, als könnte Schleswig-Holsteins wichtigste Wirtschaftsbranche, der Tourismus, an der Krise vorbeischrammen. Man werde mit einem „blauen Auge“ davonkommen, versprach Wirtschaftsminister Bernd Buchholz (FDP) bei der Vorstellung der Halbjahreszahlen. Und Bettina Bunge, Chefin der landeseigenen Tourismus-Agentur, assistierte: Bei der Zahl der Übernachtungen werde das Jahr 2020 am Ende wohl nur um „fünf bis zehn Prozent“ hinter dem Jahr 2019 liegen. Also alles halb so wild, lautete die Botschaft. „Der Schleswig-Holstein-Tourismus behauptet sich trotz Pandemie“, bilanzierte Buchholz.

Doch gut zwei Monate nach diesem Auftritt hat sich die Lage deutlich verschlechtert. Der zweite Lockdown des Jahres reißt die Branche endgültig in die Depression. „Wir stehen vor existenziellen Problemen“, sagt Stefan Scholtis, der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) in Schleswig-Holstein. Er macht eine andere Rechnung als Buchholz und Bunge auf. Die Betriebe in erster Reihe am Strand, so sagt er, könnten am Jahresende auf 80 bis 90 Prozent des Vorjahresumsatzes kommen. Alle anderen hätten deutlich höhere Verluste hinzunehmen. Schon die Betriebe, die ein paar Kilometer im Landesinneren liegen, meldeten Umsätze bis maximal 40 Prozent des Vorjahres.

Stadthotellerie ist wegen Corona in großen Schwierigkeiten

Zappenduster sieht es bei der Stadthotellerie aus. „Das System der Geschäftsreisen, von dem diese Hotels gelebt haben, ist zusammengebrochen“, sagt Scholtis. Folge: Maximal 30 Prozent der Umsätze von 2019 seien noch drin. Und das hat Folgen für die rund 80.000 Beschäftigten in der Branche. Rund 80 Prozent von ihnen, so schätzt Finn Petersen von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), waren im Frühjahr in Kurzarbeit und sind es nun wieder. Kurzarbeit bedeutet: Wenn der Arbeitgeber nichts dazugibt, müssen Kellner im schlechtesten Fall von 700 Euro leben. Rund die Hälfte der in der Branche Beschäftigten bekommt weniger als 1100 Euro Kurzarbeitergeld.

Das Problem ist bekannt. Berechnungsgrundlage fürs Kurzarbeitergeld ist der Tariflohn – 60 Prozent des Nettoentgelts werden gezahlt. Lebensgrundlage der Beschäftigten ist aber der Tariflohn plus Trinkgeld – etwa 300 bis 400 Euro pro Monat. Das Extra fällt nun weg. In keiner anderen Branche liegt das Kurzarbeitergeld so weit unter den Regel-Einkünften wie in Hotellerie und Gastronomie. Finn Petersen, stellvertretender Landesvorsitzender der NGG-Bezirks Nord, fordert deshalb, das Kurzarbeitergeld auf 100 Prozent hochzusetzen – zumindest bei denen, die Anspruch auf nur sehr geringe Zahlungen haben. „Von 700 Euro im Monat kann man nicht leben“, sagt er. „Die Mitarbeiter brauchen finanzielle Hilfe.“ Außerdem sollte es ein Verbot für betriebsbedingte Kündigungen geben – zumindest bis März 2021.

Betriebe müssen in Vorleistung treten

Auf Bundesebene ist davon allerdings derzeit nicht die Rede. Die Bundesregierung hat lediglich eine „Novemberhilfe“ zugesagt, die an die Unternehmer ausgezahlt wird, den Arbeitnehmern also nicht hilft. Das Problem: Auch bei dieser Novemberhilfe hakt es. „Sie kann derzeit nicht beantragt werden, weil es das entsprechende Formular noch nicht gibt“, sagt Stefan Scholtis von der Dehoga. „Aus der Novemberhilfe wird wohl eher eine Dezember- oder gar eine Januarhilfe. Das hatten wir uns anders vorgestellt.“

Die Betriebe müssten jetzt in Vorleistung treten, zum Beispiel, um Waren zu kaufen, falls sie im Dezember wieder öffnen könnten. Allerdings sei ja auch das ungewiss. „Dabei sind November und Dezember eigentlich ganz gute Monate“, sagt Scholtis. Im Frühling sei das Ostergeschäft wegen Corona ausgefallen, nun seien selbst Weihnachtsfeiern und Silvesterbälle bedroht. „Alles nicht gut“, sagt er. „Die Novemberhilfe sollte wirklich bald kommen.“

Schon der Sommer war für viele Hotels nicht gut gelaufen

Ob sie dann noch hilft, ist unklar. Schon der Sommer war für viele Hotels nicht gut gelaufen. Zwar stieg die Zahl der Übernachtungen nach dem ersten Lockdown im Frühjahr wieder, blieb aber zunächst unter den Vorjahreswerten. Selbst im Juli wurde noch ein Minus von sechs Prozent registriert. Erst im August drehte die Zahl ins Positive. Das Plus von fünf Prozent fiel aber niedriger aus als erhofft. Von Januar bis August sanken die Übernachtungen gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 21,4 Prozent, die Ankünfte sogar um 30 Prozent.

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Im Oktober sorgte das umstrittene Beherbergungsverbot für neuerliche Einbußen. Gäste aus Risikogebieten durften nur einchecken, wenn sie einen negativen Corona-Test vorweisen konnten. Viel zu kompliziert, fanden nicht wenige Touristen. „Wir hatten eine Stornierungswelle von 50 Prozent“, sagt Scholtis. Anfang November folgte der Lockdown. Ist der Tourismus also tatsächlich mit einem blauen Auge davongekommen, wie Minister Buchholz unlängst bilanzierte? „Das können wir nun wirklich nicht bestätigen“, sagt Scholtis.

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