Weinanbau

Zur Weinlese auf die Ostseeinsel Fehmarn

| Lesedauer: 6 Minuten
Ulrich Gaßdorf
Zu Gast bei der Weinlese auf Fehmarn: Juliane Sprunk aus Rostock hatte Spaß bei der Ernte und eine gute Ausbeute.

Zu Gast bei der Weinlese auf Fehmarn: Juliane Sprunk aus Rostock hatte Spaß bei der Ernte und eine gute Ausbeute.

Foto: Privat

Ein Hamburger Gastronom und ein Landwirt sind als Hobbywinzer auf der Insel aktiv. Ortstermin bei der Ernte.

Fehmarn.  Windsurfen auf der Ostsee, Strände, Reiterhöfe, Radtouren durch Rapsfelder – es gibt vieles, was die Urlauber mit Fehmarn verbinden. Aber es geht auch etwas exotischer: Auf der drittgrößten deutschen Insel wird Wein angebaut.

Dafür verantwortlich sind der hiesige Landwirt Joachim Witt und Thomas Pinçon. Der Franzose lebt in Hamburg und betreibt das Café des Artistes im Thalia Theater. Seit fast zwei Jahrzehnten ist Fehmarn sein Ruhepol, als Ausgleich zur stressigen Arbeit in der Gastronomie. Und dass Wein nicht nur in seiner Heimat Frankreich gut wächst, beweisen Pinçon und sein Partner auf einem Feld in der Ortschaft Wulfen im Südosten der Insel.

Vor vier Jahren haben die beiden dort die ersten Reben gepflanzt, inzwischen dürften es um die 2000 auf etwa einem Hektar Fläche sein. „Der Boden und die klimatischen Bedingungen sind ideal. Außerdem brauche ich nur etwa 90 Minuten mit dem Auto von Hamburg, und so kann ich ein- bis zu zweimal die Woche hier sein und mich um meine Reben kümmern“, sagt Pinçon. Er steht inmitten seines Weingartens auf Fehmarn. Es ist etwas surreal.

Grauburgunder, Weißburgunder und Solaris werden angebaut

Am Horizont sieht man die Kitesurfer und die Hochhäuser am Südstrand. Pinçon hat das Abendblatt zu einem Ortstermin an einem Sonnabend im Oktober eingeladen. Es ist für den Hobbywinzer der Höhepunkt des Jahres: Die Weinlese steht an, an diesem Tag werden die Trauben geerntet. Es hat ein bisschen etwas von Klassentreffen. Fleißige Helfer aus dem Bekanntenkreis aus Hamburg und Rostock sind angereist, alle sind ein wenig aufgeregt. Der Wind fegt über die Reben. Noch ist der Himmel bewölkt.

Erst mal erklärt Pinçon den Ablauf. Jeder ist mit einer Leseschere und einem Eimer ausgestattet. „Die Reben immer von unten abschneiden, sonst kann man sich leicht in die Finger schneiden – und Handschuhe tragen. Die faulen Trauben sofort aussortieren.“ Die Rebsorten Grauburgunder, Weißburgunder und Solaris werden hier angebaut – später wird Pinçon daraus eine Cuvée machen, die den Namen Sund trägt.

Helfer sind mit voller Konzen­tration bei der Arbeit

Zunächst sind die zwei Jahre alten Weinstöcke dran, später die vierjährigen. Gelesen wird zur zweit, jedes Team nimmt sich eine Reihe vor. Auch Juliane Sprunk ist mit ihrer neunjährigen Tochter Maxi dabei. „Als ich davon erfahren habe, dass hier die Weinlese ansteht, wollte ich sofort dabei sein. Das erlebt man ja im Norden eher selten“, sagt die Online-Antiquitätenhändlerin und Gesundheitsberaterin aus Rostock.

Die Helfer sind mit voller Konzen­tration bei der Arbeit. Aber zwischendurch wird auch mal ein kurzer Plausch gehalten. „Mich entspannt das. Hier ist man mitten in der Natur, und natürlich ist es außergewöhnlich, dass das Meer ganz nah ist und wir hier Wein ernten“, sagt Simone Krüger. Die Winterhuderin ist die Lebensgefährtin von Thomas Pinçon. Aus der Nähe von Ahrensburg ist Kerstin Haker angereist und stellt fest „Das ist mal eine ganz andere Wochenendbeschäftigung.“

Weinlese kann Spaß machen

Nach gut zwei Stunden kehrt Hobbywinzer Pinçon in den Weingarten zurück. Zwischendurch hatte er gemeinsam mit seinem Helfer Michael Nassoma, der sonst in seinem Restaurant im Thalia Theater arbeitet, bereits die roten Rondotrauben auf dem Hof von Joachim Witt in Blieschendorf gepresst, die am Tag zuvor geerntet wurden. Die ersten etwa 15 Kisten voller weißer Trauben werden auf einen Anhänger verladen. Mit der Ausbeute ist Pinçon zufrieden. Jetzt steht erst mal die Mittagspause auf dem Hof an. Dort gibt es Brötchen und eine Magnumflasche Crémant – damit die Helfer für die zweite Runde bei Laune bleiben.

Nach einer halben Stunde geht es zurück an die Reben. Später kommt dann auch die Sonne raus. Die Reihen lichten sich. Die großen Kisten füllen sich mit Trauben. „Wir waren schon richtig fleißig. Ich hätte gar nicht gedacht, dass Weinlese so viel Spaß macht. Vielleicht baue ich demnächst mal bei mir im Garten Wein an“, sagt Jurist Klaus zu Hoene, der in Ottensen lebt, lächelnd.

Der Weinanbau auf Fehmarn soll ausgeweitet werden

Gegen 15 Uhr ist es geschafft. Die Ernte wird auf den Anhänger gepackt, und es geht zurück auf den Hof. Während die Helfer bei Kaffee und Kuchen zusammensitzen, ist Pinçon in seinem Element. Kiste für Kiste wird in die Presse geschüttet, und unten kommt der Traubenmost raus. „Wir füllen den Most jetzt in die Stahltanks ab und fügen ein wenig Hefe hinzu. Wir arbeiten hier ohne weitere Zusatzstoffe, alles ist biodynamisch, und ich besprühe die Pflanzen zur Entspannung mit Hanf. Nach etwa zwei Tagen wird der Most in andere Tanks umgefüllt und dann setzt der Gärprozess ein, bei dem der Zucker im Most zu Alkohol wird“, erklärt Pinçon. Bis März lagert der Wein dann in einer Halle auf dem Hof und wird schließlich abgefüllt. Etwa 120 Flaschen wird die Ernte ergeben. „Wir sind in der Testphase. Noch ist alles für den Eigenverbrauch und nicht für die Vermarktung bestimmt“, sagt Pinçon.

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Das dürfte sich in absehbarer Zeit ändern, es gibt große Pläne: Der Anbau im Weingarten in Wulfen soll auf zwei Hektar ausgeweitet werden. Eine weitere Fläche mit zwei Hektar im Westen der Insel soll dazukommen. Auch ein Weinkeller mit Gastronomie ist geplant – und dort sollen dann die guten Fehmarner Tropfen ausgeschenkt werden.