Schleswig-Holstein

Leben auf 33 Quadratmetern – im ersten Tiny-House-Dorf

Jana Augener und Philip Kiefer vor einem bereits fertigen  Tiny-House in Lilleby.

Jana Augener und Philip Kiefer vor einem bereits fertigen Tiny-House in Lilleby.

Foto: HA

Auf wenig Raum mitten in der Natur leben: Für ein Lübecker Paar hat sich das Leben schon auf den Kopf gestellt.

Hollenbek. „Willkommen in Lilleby“, sagt Philip Kiefer, der zusammen mit seiner Partnerin Jana Melina Augener im strömenden Regen vor einem roten Minihaus steht. Gleich daneben steht ein zweites sogenanntes Tiny House in sattem Dunkelgrün, das sogar schon bewohnt wird. Sechs weitere Minihäuser sollen am alten Bahnhof in Hollenbek noch platziert werden – fünf von ihnen befinden sich bereits im Bau. In dem kleinen Ort vor den Toren Hamburgs entsteht Deutschlands erstes Tiny-House-Dorf.

Auch Kiefer und Augener werkeln derzeit an ihrem Traumhäuschen und wohnen seit Mai dauerhaft in dem dorfeigenen Gemeinschaftshaus, in dem alle Dorfbewohner ein WG-Zimmer mieten. Außerdem bietet Lilleby ein Co-Working-Space, eine Werkstatt; sogar ein Seminarzentrum und ein Beach-Bereich mit Whirlpool sind in Planung.

Tiny-House-Dorf am Schaalsee sucht "liebe Menschen"

Die Idee für diese neue Art des Wohnens stammt von Oliver Victor, der selbst seit mehr als 20 Jahren in einem umgebauten Eisenbahnwaggon im benachbarten Schmilau wohnt und die Erlebnisbahn Ratzeburg betreibt. Der 55-Jährige ist Gründer und Seele Lillebys, das mitten im Herzen des Naturparks Lauenburgische Seen, nur fünf Kilometer vom Schaalsee entfernt, liegt. Das Gelände misst 20.000 Quadratmeter entlang der alten stillgelegten Bahnstrecke.

Den Erlebnisbahnbetrieb hat Victor mittlerweile stark zurückgefahren. „Mir tat es immer weh, wenn meine Mitarbeiter mich nach der Saison wieder verlassen haben“, so Victor. Bei seinem Lilleby-Projekt gehe es ihm nun hauptsächlich um Kontakte: „Wir leben in einer turbulenten Welt, da muss jeder für sich entscheiden, wie wichtig Arbeit und Geld sind. Für mich ist es wichtig, mich mit lieben Menschen zu umgeben. Ob ich irgendwann alles, was ich bereits in das Projekt gesteckt habe, wieder rausbekomme, weiß ich nicht.“

Urlaub vor der Haustür: Im Bauwagen in Sülfeld
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Komplizierte Gesetzeslage für Tiny Houses

Oliver Victor träumt anscheinend nicht allein von einem Leben im Tiny-House-Dorf. Die Nachfrage ist groß: Ob als Ferienhaus zur Miete wie auf dem Campingplatz Nordsee in Büsum oder als Zweitwohnsitz wie in der Tiny-House-Siedlung Elborado an der Elbe bei Bleckede – Tiny Houses liegen voll im Trend. Wer schon einmal ernsthaft mit dem Gedanken gespielt hat, in ein Kleinsthaus zu ziehen, weiß, dass eine Reihe von baurechtlichen Vorgaben und Bestimmungen eingehalten werden muss.

Als Tiny House gelten Häuser mit einer Wohnfläche zwischen 10 bis 45 Quadratmetern, eine offizielle Größe gibt es laut Karl-Heinz Schneider vom Verband Privater Bauherren (VPB) in Deutschland jedoch nicht. Ursprünglich lassen sich Tiny Houses als Anhänger hinter einem Fahrzeug ziehen.

Gesetz unterscheidet zwischen Fahrzeug und Häusern

Der „mobile“ Trend aus Amerika stößt hierzulande aber an seine Grenzen. Denn das Gesetz unterscheidet in Deutschland zwischen Fahrzeug und Häusern. „Ein Tiny House mit Rädern gilt demnach offiziell als Wohnwagen und muss für den Straßenverkehr zugelassen werden. Steht das Haus dagegen dauerhaft auf einem Grundstück, wie das bei Modulhäusern, die vor Ort zusammengebaut werden, der Fall ist, muss es wie jedes normale Wohnhaus genehmigt werden“, sagt Schneider.

Dann greifen verschiedene Vorschriften: Zunächst die Landesbauordnung, die bestimmte Forderungen an Wohnraum stellt, wie etwa Dusche, WC, ausreichend Raumhöhe, zweiter Rettungsweg. Dazu kommen noch kommunale Vorgaben, allen voran der Bebauungsplan, also das Baurecht der einzelnen Kommunen.

Lilleby-Bewohner: "Leben stellt sich auf den Kopf"

Victor glaubt, mit seinem Plan von Lilleby eine Lösung gefunden zu haben, die sich auch in anderen Städten umsetzen lässt. Denn auf dem Bahngelände darf man eigentlich ebenfalls nicht wohnen, sondern nur beherbergen. Nach sechs Monaten müssen die Dorfbewohner daher zumindest eine Nacht in ihrem WG-Zimmer im Haupthaus übernachten.

Augener und Kiefer, die ursprünglich mal von einem Baumhaus-Hotel träumten, haben lange nach einem legalen Stellplatz gesucht, im Internet sind sie auf Victor gestoßen. „Die sind vom Himmel gefallen. Und es hat einfach gepasst“, so der Dorf-Gründer.

Während des Corona-Lockdowns sind die 34 Jahre alte chemisch-technische Assistentin und der 38-Jahre alte Ingenieur aus ihrer 100 Quadratmeter-Altbauwohnung von Lübeck nach Lilleby gezogen. Bücher, Möbel, Küchenutensilien – den Großteil ihres Eigentums haben sie gespendet oder verschenkt. Das schmerzte manchmal: „Zumindest ich tue mich ein bisschen schwer, mich von Erinnerungsstücken zu trennen“, so Augener. „Es muss einem bewusst sein, dass sich sein Leben auf den Kopf stellt, und sich absolut alles ändert“, so Kiefer. Im Vorfeld hatten sie daher mehrfach in Lilleby Probe gewohnt.

Lübecker Paar baut Tiny House "so ökologisch wie möglich"

Derzeit bauen sie ihr in Teilen mobiles 33 Quadratmeter großes Traumhaus direkt neben dem Haupthaus ohne fremde Hilfe. „Man wächst mit den Aufgaben“, sagt Augener. „Natürlich läuft mal etwas schief, aber daraus lernen wir“. An den Wochenenden und nach der Arbeit hämmern, schleifen und planen sie. „Wir wollen das Tiny so ökologisch wie möglich bauen, aber trotzdem nicht leben wie in der Steinzeit“, sagt Kiefer.

Mitten in der Natur nachhaltig und minimalistisch leben und dabei trotzdem flexibel bleiben – in Lilleby können sie sich diesen Traum erfüllen: Ein Photovoltaik-Dach, ähnlich einem Carport, versorgt die Bewohner des Hauses mit Strom. In einem unterirdischen Wasserbehälter wird Regenwasser aufgefangen, das die Bewohner zur Bewässerung des Gartens oder für die Klospülung verwenden können. Zu ihrer Arbeit nach Dassow könnte Augener mit einem Elektroauto fahren, denn auch Ladestationen sind auf dem Gelände vorhanden.

Bullerbü lässt grüßen: Drei Plätze sind in Lilleby noch frei

Für Oliver Victor steht neben dem nachhaltigen Lebensstil vor allem die Gemeinschaft im Vordergrund. „Jeder soll sich freuen, im Tiny House zwar seine Privatsphäre zu genießen und trotzdem in drei Schritten in der Gemeinschaftsküche zu stehen.“

Zwischen den bisherigen sechs Lilleby-Bewohnern stimme die Chemie. „Es läuft schon alles sehr harmonisch hier, dabei sind wir alle unterschiedliche Charaktere“, sagt Augener. Wer jetzt noch nach Lilleby ziehen möchte, müsse in die Gemeinschaft passen. Auf die verbleibenden drei Stellplätze kann man sich auf der Homepage von Lilleby.

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Leben im Tiny House: "Sprung ins kalte Wasser"

Rund 300 Euro im Monat müssen die Dorfbewohner für einen Stellplatz, die Nebenkosten und das WG-Zimmer zahlen. Jana Augener und Philip Kiefer rechnen mit 50.000 Euro Materialkosten für ihr Tiny House. Ähnlich teuer sind die bereits fertigen Tiny Houses, die auf dem Gelände stehen und die Oliver Victor gerne an neue Bewohner seines kleinen Dorfes verkaufen würde.

Bisher seien etwa 150 Bewerbungen eingegangen, die meisten hätten es sich dann aber doch nicht getraut. „Am Ende geht es um den Sprung ins kalte Wasser. Entweder man macht es oder man macht es nicht“, so Oliver Victor.