Schleswig-Holstein

Wie eine Yachtschule in Glücksburg durch die Krise kommt

| Lesedauer: 8 Minuten
Sophie Laufer
Idyllisch liegt die Yachtschule des Deutschen Hochseesportverbands Hansa in Glücksburg

Idyllisch liegt die Yachtschule des Deutschen Hochseesportverbands Hansa in Glücksburg

Foto: DHH / Georg Hilgemann

2020 drohte für Deutschen Hochseesportverband Hansa zum schwarzen Jahr zu werden. Doch engagierte Mitglieder retteten die Saison.

Glücksburg.  Es ist kurz vor 9 Uhr. Stück für Stück treffen immer mehr Kinder an diesem sonnigen Morgen vor der großen Bootshalle der Hanseatischen Yachtschule in Glücksburg ein. Jedes von ihnen trägt eine Maske und stellt sich in großem Abstand zu den anderen in einem Kreis auf. Das morgendliche Prozedere beginnt. Zuerst wird bei allen Jungen und Mädchen Fieber gemessen. Danach beginnt die Besprechung des Segeltages. Abstand, Fieber messen, Maske – für die Kinder war das Hygienekonzept von Anfang an eine Selbstverständlichkeit.

Und das war auch gut so: „Schon ein einziger Corona-Fall wäre eine Katastrophe für uns gewesen“, sagt Hans-Christian Bentzin, Vorsitzender des Deutschen Hochseesportverbandes Hansa, des Dachverbandes der Yachtschule in Glücksburg. Die Pandemie hat den DHH, der seinen Stammsitz in Hamburg hat, in seinen Grundfesten erschüttert. Bentzin berichtet von Monaten voller Angst und Hoffnungslosigkeit.

Aber auch vom großen Engagement der Mitarbeiter und Ehrenämtler. Und von einer Hilfsbereitschaft, die es schließlich ermöglicht habe, dass es den Schulen und dem Verein ein halbes Jahr nach dem Lockdown erstaunlich gut geht. „Im Moment herrscht erst einmal einfach nur eine große Freude, dass wir das bis hierhin so verantwortungsbewusst geschafft haben.“ Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Die Ungewissheit, wie es mit dem Virus und dem Segeln weitergeht, bleibt.

DHH meldete Kurzarbeit an, stornierte alle Kurse

Bereits Ende Februar, so berichtet Bentzin, sei ihm und seinem Team klar geworden, dass da etwas Heftiges auf sie zurollt. Ein Seminar mit dem Weltumsegler Bobby Schenk, das Mitte März in Glücksburg mit 150 Teilnehmern aus ganz Europa stattfinden sollte, wurde bereits in den ersten Märztagen abgesagt. „Irgendwie waren wir den bundesweiten Entscheidungen immer ein wenig voraus“, sagt Bentzin. Am 13. März, dem Tag, an dem die Schulschließungen beschlossen wurden, verkündete der Vorstand den Lockdown für den DHH. „Wir haben morgens alle zusammengerufen und mit sofortiger Wirkung an unseren drei Standorten die Mitarbeiter bis Ende Mai nach Hause geschickt.“ Schrecklich seien diese Tage gewesen. „Aber es gab keine Alternative.“ Der DHH meldete Kurzarbeit an, stornierte alle Kurse bis zum 30. Mai – und begann die gezahlten Gebühren zurückzuzahlen.

Für den Verein war das eine finanzielle Katastrophe. Zwei Millionen Euro Personalkosten hat er im Jahr, dazu kommen die laufenden Kosten für die großen und kleinen Schiffe. Insgesamt sind das rund sechs Millionen Euro. Dazu hatte der Verband gerade fünf neue Kleinboote bestellt und zwei große Masten. Und stand nun plötzlich ohne jegliche Einnahmen da.

Nur die Mitgliedsbeiträge von 1,1 Millionen Euro waren Anfang des Jahres eingezogen worden, der Rest sollte durch die unterschiedlichen Segel- und Theoriekurse verdient werden. Doch das ging auf einmal nicht mehr. Die Lage sei ganz plötzlich äußerst kritisch gewesen, mit weiterlaufenden Kosten ohne Einnahmen. „Da sitzt man zu Hause an seinem Schreibtisch und denkt, eigentlich wollte ich doch nur segeln“, sagt Bentzin. „Und plötzlich steckt man mittendrin in einer hochkomplexen wirtschaftlichen Aufgabe.“

Spendenbereitschaft der Mitglieder verhalf dem Verband über die schwierigen Monate

Die ehrenamtlichen Vorstände des Verbandes begannen Verhandlungen mit den Hausbanken über Überbrückungskredite. „Das ist als Verein normalerweise wirklich schwierig. Wir haben das Glück, wertige Grundstücke zu besitzen, die wir als Sicherheit anbieten konnten.“ Bentzin und seine Kollegen bekamen so einen Kredit von 1,5 Millionen Euro bewilligt. Parallel dazu begannen sie im April, die Zeit nach dem Lockdown genau zu planen. „Uns war klar, sollte es Lockerungen geben, müssen wir sofort auf alles eingestellt sein.“ So entwarf der Vorstand gemeinsam mit der Geschäftsführung verschiedene Szenarien, wie an den zwei Yachtschulen in Glücksburg und am Chiemsee Segelunterricht stattfinden könnte.

Auch die Spendenbereitschaft der Mitglieder verhalf dem Verband über die schwierigen Monate. Der Hamburger Unternehmer Eberhard Wienholt, von dessen Stiftung der DHH sowieso jedes Jahr 150.000 Euro erhält, verdoppelte seine Zahlungen. Dazu kamen unzählige kleinere und größere Zuwendungen, die sich bis Ende September auf knapp 500.000 Euro summierten. „Die Bereitschaft, uns zu helfen, ist nach wie vor sehr groß. Diese Zuneigung trägt uns unheimlich durch diese Zeit“, sagt Bentzin.

Ende Juni starteten die Yachtschulen mit den Segelkursen

Ende Juni starteten die beiden Yachtschulen dann mit den ersten Segelkursen. Alles unter strengsten hygienischen Auflagen, siehe oben. Die haben Bentzin und sein Team an den Yachtschulen mit dem ehrenamtlichen Ausbilder Andreas Wessels erarbeitet, der an der Medizinischen Hochschule Hannover mit diesem Thema vertraut ist. „Wir haben gemeinsam die Abläufe beider Schulen analysiert, haben jeden Schritt der Teilnehmer genau nachvollzogen. Und daraus ein eigenes Hygienekonzept erarbeitet.“ Für die Aufenthaltsräume genauso wie für den Speisesaal, die Küche, die Büros oder die Schlafzimmer. Selbst für die Terrasse oder die Bootshalle gab es genaue Vorschriften. Es herrschte ein strenges Masken- und Abstandsgebot.

Ausbilder und Teilnehmer sind gut drei Monate nach dem Kursstart begeistert von dem reibungslosen Ablauf des Betriebes. „Wir bekommen durchweg positive Rückmeldungen. Alle sind glücklich, dass wir das gemeinsam so hinbekommen haben.“ Nicht wenige hätten spontan die Segeltage verlängert oder noch neue Kurse gebucht. „Wir waren vom ersten Tag an ausgebucht. Ausgebucht natürlich unter Corona-Bedingungen.“

Lesen Sie auch:

Bis Ende November bietet der DHH in diesem Jahr sein Programm an. Einzig die großen Segelreisen nach Skandinavien, England oder in den Süden mussten gestrichen werden. Die Reisen mit den Hochseeyachten. „Das ist wirklich traurig, aber mit mehreren Menschen auf solch einem engen Raum wäre das einfach nicht möglich gewesen.“ So wurden die Schiffe kurzerhand zu Wohnbooten umfunktioniert.

Die Saison 2020 scheint zu einem guten Abschluss zu kommen

Aktuell planen Bentzin und seine Kollegen die Saison 2021 weiter mit strengen Corona-Auflagen. „Aber natürlich werden wir auch hier wieder einen Plan B erarbeiten.“ Ein bisschen wird bereits über die Saison 2022 diskutiert. Schließlich sei entscheidend, wann die großen Yachten endlich wieder zum Einsatz kommen könnten. „Wir müssen mit aller Kraft verhindern, dass wir uns von den großen Schiffen trennen müssen“, sagt Bentzin. Sie seien das, was den DHH von anderen Segelschulen unterscheide.

Die Saison 2020 scheint dagegen zu einem guten Abschluss zu kommen. „Dank der Spenden und der Kursgebühren mussten wir den Kredit bis heute nicht anfassen“, sagt Bentzin. Eine Tatsache, die ihn und alle Mitarbeiter stolz macht. „Manchmal muss ich mich echt kneifen, weil ich nicht glauben kann, wie erfreulich diese Geschichte zumindest vorerst gelaufen ist“, so der 59-Jährige. Im November stehen die neuen Wahlen zum Vorstandsvorsitzenden an. Bentzin will wieder antreten. 15 Jahre füllt er dieses Ehrenamt nun bereits aus.

Ein Ehrenamt, das in Zeiten wie diesen eher zu einem Fulltime-Job geworden ist. „Die Yachtschule Glücksburg und der DHH sind ein unglaublich wichtiger Bestandteil meines Lebens“, sagt er. Mit allen seinen Höhen und Tiefen. „Hier habe ich meine Frau kennengelernt. Hier sind unsere Kinder groß geworden. Da ist es für mich eine Selbstverständlichkeit, dass ich dieser wunderbaren Institution auch etwas zurückgebe.“