Norddeutschland

Wie Corona den Tourismus an Nord- und Ostsee verändert

| Lesedauer: 23 Minuten
Matthias Popien
Scharbeutz im Sommer 2020: Zahlreiche Badegäste tummeln sich bereits vormittags an der Ostsee. Auch deshalb werden Zugangsbeschränkungen erlassen. 2021 könnte die „Strandampel“ zur neuen Normalität gehören.

Scharbeutz im Sommer 2020: Zahlreiche Badegäste tummeln sich bereits vormittags an der Ostsee. Auch deshalb werden Zugangsbeschränkungen erlassen. 2021 könnte die „Strandampel“ zur neuen Normalität gehören.

Foto: Georg Wendt / dpa

Erst war wegen des Lockdowns alles leer, dann wurde es übervoll: Diese sonderbare Urlaubssaison wird Folgen haben.

Kiel. "Es war wunderwunderschön“, sagt Markus Gieppner, der auf Sylt eine Facebook-Seite für Fans der Insel betreibt. „Es war surreal, einfach verrückt“, sagt David Schneider, der in Büsum das Hotel Küstenperle betreibt.

Plötzlich war Büsum leer, plötzlich war Sylt leer: im März, als der Lockdown kam. Die Tourismusbranche an Nord- und Ostseeküste hat eine Achterbahnfahrt hinter sich, eine Saison der Extreme. Zwei Monate lang durften keine Touristen ins Land. Schleswig-Holsteins Küsten waren plötzlich wieder die Küsten der Schleswig-Holsteiner.

Corona-Sommer: Hotels ausgebucht, Strände überfüllt

Manchem kam es vor wie eine gesellschaftspolitische Versuchsanordnung, ein soziologisches Experiment. Verändert sich das Land, wenn die Touristen wegbleiben? Dann der abrupte Wechsel: Im Sommer waren die leeren Hotels plötzlich ausgebucht, die Strände und Fußgängerzonen überfüllt. Sonnenhungrige auf der Suche nach einem Parkplatz legten den Verkehr in den Bäderorten lahm, Strandampeln regelten den Zustrom zum Meer, Tagestouristen wurden gebeten, zu Hause zu bleiben.

Kurdirektoren, die jahrelang voller Überzeugung für ihren Ort geworben hatten, mussten nun mit ebenso großer Überzeugung vom Besuch abraten – oder, ebenfalls seltsam, auf den Nachbarort verweisen, der doch auch schöne Strände habe, die längst nicht so voll seien. Keine Frage: Diese sonderbare Saison wird Folgen für den Tourismus im Norden haben. Aber welche?

Das Hotel Küstenperle steht direkt an der Büsumer Lagune, dem künstlich angelegten Badesee an der Küste. Der sechsgeschossige, helle Bau ist ein Familienprojekt. 14,75 Millionen Euro haben das Ehepaar Isa und David Schneider sowie die Eltern von Isa, Andrea und Jürgen Kahlke, investiert. Vom Land kam ein Zuschuss von 2,2 Millionen Euro. In dem hauptsächlich von älteren Gästen geprägten Büsum sollte mit dem maritim dekorierten, in den Farben Weiß, Blau und Grau gehaltenen Küstenperle ein neuer Akzent gesetzt werden.

Corona beschert Hoteliers Millionenverluste

Im Sommer 2017 wurde das 216-Betten-Hotel eröffnet. Das Konzept ging auf. Dann kam Corona. „Es war nicht greifbar“, sagt David Schneider, ein junger Mann mit kurzem Bart und Sportlerfigur. „Plötzlich mussten wir unseren Gästen sagen, dass sie abreisen müssen.“ 79 Beschäftigte hat das Hotel.

Was tun ohne Gäste? „Im März haben wir Überstunden und Urlaub abgebaut, im April haben wir Kurzarbeit beantragt“, sagt Schneider. Das Ostergeschäft – dahin. „Das ist eines unserer umsatzstärksten Wochenenden“, sagt der Hotelier. „Corona hat uns einen Nettoumsatzverlust von einer Million Euro beschert. Das kann man nicht wieder aufholen.“

Schneider hat sich weiteres Geld leihen müssen, um durchzukommen – zusätzlich zu dem Kredit, den die Familie für den Bau des Hotels aufgenommen hat. Denn die Banken haben bei den Zins- und Tilgungszahlungen trotz Corona kein Erbarmen gezeigt. „Das dauert jetzt drei Jahre länger, bis alles abbezahlt ist“, sagt Schneider.

Tourismus ist ein Milliardengeschäft. Wenn es ausfällt, hat der Norden ein Problem. In Niedersachsen ist der Anteil des Tourismus an der Wirtschaftsleistung des Bundeslandes größer als der der Landwirtschaft. In Mecklenburg-Vorpommern arbeiteten 2015 fast 18 Prozent aller Beschäftigten in der Tourismusbranche. In Schleswig-Holstein erwirtschaftet der Tourismus 5,9 Prozent des gesamten Volkseinkommens. Und das Schöne ist: Die Branche boomt – zumindest tat sie es bis März 2020.

Seit 2014 eine geradezu stürmische Entwicklung

Mecklenburg-Vorpommern zählte 2013 rund 28,2 Millionen Gästeübernachtungen, 2019 waren es schon 34,1 Millionen. In Niedersachsen gab es 2013 rund 39,9 Millionen Übernachtungen. Dann folgten sechs Rekordjahre in Folge. 2019 wurden 46,2 Millionen Übernachtungen gezählt – ein Zuwachs von gut 15 Prozent.

In Schleswig-Holstein freuten sich die Touristiker über besonders gute Geschäfte. Von 2014 an gab es eine geradezu stürmisch zu nennende Entwicklung. Die damals verkündete Tourismusstrategie des Landes dürfte dazu einen Beitrag geleistet haben. Bis 2025 wollte man die Zahl von 30 Millionen Übernachtungen erreicht haben.

Das klang ambitioniert, aber die Realität war noch ambitionierter. Schon 2018, sieben Jahre früher als anvisiert, hatte Schleswig-Holstein die Zielmarke deutlich überschritten: 34,5 Millionen Übernachtungen wurden gezählt. Im vergangenen Jahr waren es 36 Millionen. Im Vergleich zu 2013 ist das ein Zuwachs von rund 46 Prozent. Kein Wunder, dass das auch den Arbeitsplätzen im Tourismus guttat – 151.000 waren es 2018.

Die Boombranche wurde Jahr für Jahr zum verlässlichen Lieferanten von Jubelmeldungen. An Beispielen dafür mangelt es nicht. „Noch nie zuvor in der Landesgeschichte wurden in Schleswig-Holstein im ersten Halbjahr so viele Gäste und Übernachtungen gezählt wie in diesem Jahr“, freute sich Schleswig-Holsteins Tourismusminister Bernd Buchholz noch 2018 über die veröffentlichten Zahlen.

An Nord- und Ostsee ist viel Neues entstanden

Die Gästeankünfte lagen um 13,5 Prozent höher als im ersten Halbjahr 2017, bei den Übernachtungen gab es einen Zuwachs von 17,9 Prozent. „Die vielen Anstrengungen und Investitionen zeigen positive Wirkung“, so Buchholz damals. „Wir müssen weiter in Angebote und Qualität investieren, damit die bisherigen Urlauber gerne wiederkommen und neue Gäste unser tolles Urlaubsland kennenlernen. Wer jetzt gutes Geld verdient, hat auch die Mittel, um in die Zukunft zu investieren.“

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Die Investoren hörten es gern. An Nord- und Ostsee ist viel Neues entstanden in den vergangenen Jahren. Bettina Bunge, Chefin der Tourismus-Agentur Schleswig-Holstein, sprach von einer „Investitionswelle“. „Hier zahlen sich die vielen frischen Konzepte aus, die ganz auf die Bedürfnisse des Gastes ausgerichtet sind und den echten Norden als modernes Reiseland präsentieren“, sagte sie. Als Beispiele nannte sie die „Bretterbude“ in Heiligenhafen.

Die Liste ließe sich beliebig verlängern. In Büsum wurde im vergangenen Jahr das Lighthouse-Hotel des umtriebigen Hoteliers Jens Sroka eröffnet, in Travemünde ging kurz vor dem Corona-Lockdown das SlowDown Hotel an den Start. Neue Seebrücken entstanden, Promenaden wurden aufgehübscht und verlängert. Das Land Schleswig-Holstein begleitet solche Investitionen nicht nur wohlwollend, sondern gibt Geld dazu. In Scharbeutz waren es beim 2014 eröffneten Bayside-Hotel 2,8 Millionen Euro – bei einer Investitionssumme von insgesamt 25 Millionen Euro. Joachim Nitz, Kurdirektor in Timmendorfer Strand, fasst es so zusammen: „Die Küste hat sich runderneuert.“

Auch der Einzelhandel zählt zu Corona-Gewinnern

Von dem Boom profitieren viele Schleswig-Holsteiner. Zwar fließt rund die Hälfte der jährlichen Ausgaben der Touristen in die Kassen der Hotels und Restaurants (4,6 Milliarden Euro), aber zu den Gewinnern gehört auch der Einzelhandel: 2,8 Milliarden Euro geben die Touristen in den Supermärkten aus. Rund 2,3 Milliarden Euro landen bei Freizeit- und Kultureinrichtungen.

So gesehen ist Tourismus im Norden einfach lebenswichtig. Kuno Brandt, Bürgermeister von Heiligenhafen, sagt: „Was Heiligenhafen ohne Touristen wäre, haben wir in der Zeit des Lockdowns deutlich zu spüren bekommen. Erheblich ruhiger, aber auch verschlafener. Der Tourismus ist das für den Ort wirtschaftlich wichtigste Standbein und bildet für einen Großteil der Betriebe und auch deren Beschäftigten die Lebensgrundlage. Ohne den Tourismus wären die Kosten für Infrastrukturmaßnahmen und allgemeine Daseinsvorsorge nicht zu tragen.“ Mit anderen Worten: Die Stadt könnte viele Aufgaben nicht mehr erfüllen.

Dennoch regt sich Widerstand in den Bäderorten. Ja, sie können ohne Gäste nicht leben. Aber müsste man nicht doch auch anders leben können als so, wie es Sommer für Sommer bereits der Fall war, bevor Corona kam? Müssen die Parkplätze überfüllt sein, müssen die Mieten immer mehr steigen, müssen immer mehr Rollladensiedlungen entstehen für Häuser, die mit Zweitwohnungen vollgestopft werden?

Mit Wohnungen also, die nur selten genutzt werden – oder für viel Geld als Ferienwohnungen vermietet werden, weil eben nur so das Finanzierungskonzept für die teuer erworbene Wohnung aufgeht? In manchen Bäderorten sind Immobilien und Baugrundstücke zu Spekulationsobjekten verkommen – und die Kommunen sehen weitgehend untätig zu.

Sylter Tourismus-Chef will weniger Fremdenverkehr

Auf Sylt wollen sich das nicht mehr alle gefallen lassen. Markus Gieppner, Gemeindevertreter für die Fraktion Die Insulaner, sagt: „Die Insel gelangt gerade an ihre Kapazitätsgrenzen. Die Nachfrage steigt ständig weiter, sie könnte nur mit weiteren Betten erfüllt werden. Einigkeit herrscht darüber, dass wir genau das nicht wollen. Gleichzeitig werden aber immer mehr Ferienobjekte erstellt. Die Attraktivität für Investoren ist ungebrochen hoch.“ Er glaubt, dass die „leeren“ Wochen des Lockdowns, die die Menschen in den Hintergrund und die reizvolle Inselnatur in den Vordergrund gerückt haben, nachdenklich gemacht haben. Gieppner ist damit nicht allein.

Die Grünen in der Gemeindevertretung wollen eine „Kapazitätsgrenze“ für Touristen festlegen. Der Sylter Tourismus-Chef Peter Douven fordert, den Fremdenverkehr „hinsichtlich der Quantität abzubremsen“ und stattdessen die Qualität der Angebote anzuheben. Wie das genau geschehen soll, ist noch offen. Die Gemeinde Sylt hat nun immerhin nach einigem Hin und Her und mit knapper Mehrheit ein „Fremdenbeherbergungskonzept“ in Auftrag gegeben. Das soll unter anderem als Grundlage dafür dienen, Bauanträge auch einmal ablehnen zu können, wenn sie den Prinzipien dieses Konzepts widersprechen.

Der Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen (VNW) geht noch einen Schritt weiter. Er fordert, dass jede Kommune eine Obergrenze für die Zahl von Ferienwohnungen festlegen soll. „Die Verantwortlichen vor Ort können am besten einschätzen, wann es genug ist“, sagt VNW-Direktor Andras Breitner. Der Tourismus diktiere schon heute den kommunalen Alltag in den Nord- und Ostseebädern Schleswig-Holsteins.

Verlierer sind diejenigen, die in Urlaubsorten wohnen

Wohnungsbauunternehmen bemängeln, dass die Bauämter dem Ferienwohnungsbau oftmals den Vorzug vor dem Bau von Dauerwohnungen einräumen. Wohnungsbauprojekte würden „in der Saison zurückgestellt und nach der Saison vernachlässigt“. „Verlierer sind diejenigen, die in den touristisch nachgefragten Orten arbeiten und dort eine Wohnung brauchen“, sagt Breitner.

Doch solche Obergrenzen sind bislang Zukunftsmusik. Wesentlich konkreter ist eine Neuerung, die schon in diesem Sommer den Tourismus in einigen Bäderorten einen Riegel vorgeschoben hat und womöglich ausgeweitet wird: die Strandampel. In der Lübecker Bucht gibt es sie schon. Scharbeutz hat dort den Vorreiter gemacht. Es könnte gut sein, dass nach und nach die gesamte Nord- und Ostseeküste nachzieht. Aus einem Corona-Provisorium könnte so eine Dauereinrichtung werden.

An der Lübecker Bucht hat man sich schon seit Längerem Gedanken über eine Besucherlenkung gemacht. „Wir stellen schon seit Jahren fest, dass die Strände zwar extrem gut besucht sind, aber die meisten Gäste das nicht gut finden. Es ist ihnen zu voll“, sagt André Rosinski, Vorstand der Tourismus-Agentur Lübecker Bucht (Talb). „Aber sie suchen sich natürlich, wenn sie erst einmal hier sind, keinen anderen Strand. Sie bleiben und sind unzufrieden.“

Schon im Mai habe man auf einer Videokonferenz erste Überlegungen ausgetauscht, wie sich das Problem lösen ließe. Der Idee eines Strandtickets, das man sich im Internet hätte besorgen müssen, wurde rasch verworfen. Sie war rechtlich nicht haltbar. Die Alternative heißt: Besucherlenkung. Und so wagte die Bürgermeisterin Bettina Schäfer am Pfingstmontag, als früh am Tag schon viele Parkplätze in Scharbeutz belegt waren, das Ungeheuerliche: Sie, die Bürgermeisterin eines vom Tourismus abhängigen Bäderorts, empfahl den Touristen via Internet und mit Rundfunkdurchsagen, genau diesen Ort zu meiden. Eine Aktion, die bundesweit aufhorchen ließ. Stößt der Tourismus an seine Grenzen?

Lübecker Bucht führt Strandampel ein

Mit Unterstützung des Tourismusministeriums entwickelten die Bäderorte an der Lübecker Bucht dann eine schnelle Internetlösung, die tatsächlich schon im Juli einsatzbereit war. Das Prinzip dieser Strandampel ist einfach. Auf einer Internetseite (www.strandticker.de) kann sich der Tourist darüber informieren, ob der Strand, den er ansteuern möchte, überlaufen ist oder nicht. Eine grüne Ampel signalisiert, dass es noch viel Platz gibt. Eine orangefarbene Ampel zeigt, dass es bereits eng wird. Und eine rote Ampel bedeutet: alles voll.

Besonders an den Wochenenden im Hochsommer wurde die Internetseite stark frequentiert. „Wir hatten innerhalb von vier­einhalb Wochen rund 3,5 Millionen Seitenzugriffe“, berichtet Agenturchef Rosinski. Der Zeitraum mit den höchsten Zugriffszahlen habe sich von Wochenende zu Wochenende nach vorn verlagert. Anfangs lag er bei 13 Uhr, später dann bei 9.30 Uhr. Tagestouristen haben begriffen, dass sie sich früh informieren müssen.

160.000 Euro hat die Ampel bislang gekostet, das Land wird sich wohl mit 80 Prozent an den Kosten beteiligen. Die Informationen zur Lage an den einzelnen Strandabschnitten kommen in der Regel von den Strandkorbvermietern. In Scharbeutz wurden Ende August in einem weiteren Modernisierungsschritt 22 Lasersensoren aufgestellt. Automatisch werden so die Menschen an den Strandübergängen gezählt.

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Auch in St. Peter-Ording gibt es solche Laser. Die Technik kommt von einer Norderstedter Firma, die Daten von Nord- und Ostsee laufen auf einem gemeinsamen Server zusammen. Mit diesen Informationen ließe sich auch noch mehr anfangen, als nur eine Strandampel auf Rot zu stellen. In Scharbeutz denken sie über eine Vernetzung mit dem Parkleitsystem nach. Rosinski ist sich sicher: „Die Strandampel hat sich bewährt, sie wird zur Dauereinrichtung.“

Die Ampel zeigt nur die momentane Lage an. Aber wäre es nicht viel besser, wenn man den Tagestouristen sagen könnte, wie voll der Strand in dem Moment sein wird, in dem sie ihn erreichen? Wenn also etwa der Hamburger Ausflügler schon am Sonnabend um 10 Uhr eine zuverlässige Prognose bekommen würde, wie es um 12 Uhr am Strand in Timmendorf aussieht?

Tagesgäste sollen vorher wissen, was sie erwartet

Das klingt nach Zukunftsmusik, nach Science-Fiction. Aber genau mit dieser Frage beschäftigt sich in diesen Tagen Professor Dirk Schmücker von der Fachhochschule Westküste in Heide. Gemeinsam mit dem Kieler Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa (NIT) und weiteren Projektpartnern will er eine Datenplattform entwickeln, mit der das Verhalten von Touristen beeinflusst werden kann. „Nudging“ lautet der Fachbegriff – das heißt so viel wie „anstubsen“.

„Wir wollen in den touristischen Hotspots Besucherdaten sammeln und aus ihnen zusammen mit anderen Daten eine Prognose erarbeiten“, erklärt der Tourismusprofessor. „Im Idealfall sollen Ausflügler schon am Freitagabend sehen können, ob es dort, wo sie am Sonnabend hinfahren wollen, voll wird oder nicht“, sagt er. Begleitet werden soll diese Prognose von Alternativvorschlägen. „Wir wollen den Ausflüglern sagen: Im Ort X wird es voll, aber in A und B sieht es ganz gut aus.“ Das Ziel ist klar: Tourismus entzerren. Gäste auch mal in Regionen leiten, die sie noch nicht kennen – etwa ins Binnenland.

3,7 Millionen Euro haben Schmücker und seine Mitstreiter beim Bundesumweltministerium für ihr Forschungsprojekt beantragt. Der etwas sperrige Titel lautet: „AI-basierter Recommender für nachhaltigen Tourismus“ (AI = Artificial Intelligence). Künstliche Intelligenz, so kann man es wohl umschreiben, soll den Tourismus künftig verträglicher machen. Vorarbeiten sind schon erledigt. Drei Jahre lang soll das Projekt dauern, St. Peter-Ording und Scharbeutz sind auch dabei. Die ersten Daten laufen also schon ein.

Strandampel soll Tagestouristen besser verteilen

Klar ist, dass diese Besucher­lenkung auf die Tagestouristen zielt. „Über sie kann man am schnellsten eine Lenkungswirkung erzielen“, sagt Schmücker. Er glaubt, dass die Strandampel bald von weiteren Bäderorten genutzt wird. Solche Lenkungssysteme seien zwar durch Corona forciert worden, hingen aber nicht ursächlich mit der Pandemie zusammen.

„Sie sind eigentlich eine Reaktion auf ein schon länger existierendes Pro­blem in den touristischen Hotspots. Die Leute fühlen sich einfach nicht wohl, wenn sie sich dicht bei dicht über die Promenade schieben müssen“, sagt Schmücker. Vereinfacht gesprochen: Wenn weniger Tagestouristen kommen, macht allen anderen der Urlaub mehr Spaß.

Die Ampel ist übrigens nicht nur etwas für Sonnentage. Sie erfüllt ihren Zweck auch in anderen Jahreszeiten. „Denken Sie nur an ein regnerisches Herbstwochenende an der Nordsee. Da können unsere Daten Ihnen dann sagen, wie die großen Hallenbäder ausgelastet sind oder das Multimar Wattforum“, sagt der Tourismusforscher.

Das Instrument der Besucherlenkung könnte womöglich sogar bundesweit Schule machen. Bayerische Tourismusorte haben schon in Scharbeutz vorgefühlt und Interesse an dem System gezeigt. Die Staatskanzlei des Landes Mecklenburg-Vorpommern hat sich gemeldet, ist dann aber für diesen Sommer einen anderen Weg gegangen und hat den Tagestourismus einfach bis Anfang September untersagt. Eine harte Maßnahme, kein anderes Bundesland hat derart lange die Ausflügler ausgesperrt. Gut möglich, dass die Mecklenburger 2021 nach eleganteren Lösungen suchen – und dabei dann auf Schleswig-Holsteins Ampel stoßen.

Pandemie befeuert den Tourismus in Deutschland

An der Küste finden allerdings auch viele, dass es mit der Strandampel und ein paar Beschränkungen für weitere Ferienwohnungen und noch mehr Hotelbetten dann aber genug sein sollte. Nur nicht zu viel verändern, sagen sie. Die alten Geschäftsmodelle funktionieren ja noch.

Der Hotelier Schneider in Büsum glaubt, dass die Pandemie den Tourismus in Deutschland befeuern wird. Das könnte bei ihm die Gästezahlen in die Höhe treiben – auch wenn „Corona bestimmt noch bis Mitte oder Ende des kommenden Jahres bestimmend sein wird“, wie er sagt.

Dennoch ist der Hotelier optimistisch. „Meine Buchungszahlen zeigen, dass es jetzt auch eine große Nachfrage für die Monate gibt, die bislang eher schwächer waren.“ Im Juni 90 Prozent Auslastung, im Juli 97 Prozent, im August 99,9 Prozent, im September 85 Prozent – vielleicht gibt es ja auch noch im Oktober schöne Buchungen, die die Verluste im März, April und Mai schrumpfen lassen. Schneider versucht zu scherzen: „Der Lockdown wäre im November und im Januar okay gewesen – da haben wir ohnehin nicht so viele Gäste.“

Axel Strehl, Chef des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands in Schleswig-Holstein, ist weniger zuversichtlich: „In den Hotspots läuft es wunderbar, aber in der Geschäftshotellerie ist Ebbe, in den Landgasthöfen ist auch nichts los.“ Keine Geburtstagsfeiern, keine Hochzeiten, keine Grünkohltage, kein Gänseessen. Die Insolvenzantragspflicht sei erst mal ausgesetzt, noch habe es deshalb kaum Pleiten gegeben, aber: „Das ist die Ruhe vor dem Sturm.“ Erst mit einem Impfstoff, so Strehl, könne man wieder zur Normalität zurückkommen.

Corona könnte Tourismus an Nord- und Ostsee langfristig verändern

Joachim Nitz, Kurdirektor in Timmendorfer Strand, prophezeit, dass der Tourismus ruhiger und zurückhaltender werden wird. „Weg von der großen Party, hin zum Genießen“, sagt er. Das sommerliche Unterhaltungsprogramm habe es diesmal nicht gegeben, aber es habe sich nicht ein Gast darüber beschwert. „Strandkino – und jeder auf seiner Decke: Das fanden die Leute toll.“ Die Strandampel passe in diese Stimmung gut hinein. „Nicht mehr dieser Massentourismus“, sagt Nitz. „Eher so ein bisschen ,back to the Roots‘.“

Kündigt sich da eine dauerhafte Rückbesinnung aufs Beschauliche an? Oder ist es nur ein vorübergehender Corona-Kollateralschaden? Der Touristikprofessor Dirk Schmücker ist skeptisch. „Ich glaube nicht an eine radikale Veränderung“, sagt er. „Sobald die Unsicherheitsgefühle bei den Touristen weg sind, setzen die alten Konsummuster wieder ein. Sicher, man schaut jetzt schon sehr darauf, wohin man reist, wie man reist und mit wem man reist.“

Darunter würden Flug- und Schiffsreisen sicherlich noch länger zu leiden haben. „Aber ich habe dennoch nicht viel Zutrauen, dass sich der Tourismus langfristig stark verändern wird“, sagt Schmücker. Vielleicht verschafft Corona der Küste also nur eine Atempause – bis der nächste Boom kommt.

Das neue Magazin:

Nach dem Erfolg im Sommer bringt das Abendblatt die zweite Ausgabe des Magazins „Nord? Ost? See!“ für Urlaub und Ausflüge an den Küsten im Norden – unter anderem mit den „Perfekten Tagen ...“ – in den Handel. Das 108-seitige Magazin kostet 9 Euro (Treuepreis 7 Euro) und erscheint am 1. Oktober. Vorbestellungen unter abendblatt.de/magazine und Telefon unter 040/333 66 999 (Mo–Fr 8–18 Uhr).