Corona-Krise

Tourismus im Norden kommt mit einem "blauen Auge" davon

Der Ostseestrand von Scharbeutz im August: Zeitweise wollten sich dort so viele Badegäste erfrischen, dass der Zugang begrenzt werden musste.

Der Ostseestrand von Scharbeutz im August: Zeitweise wollten sich dort so viele Badegäste erfrischen, dass der Zugang begrenzt werden musste.

Foto: Georg Wendt / dpa/Georg Wendt

Deutlich weniger Übernachtungen im ersten Halbjahr. Doch der Juni lief für Campingplätze und Ferienhäuser besser als 2019.

Kiel.  Die schlimmsten Erwartungen haben sich nicht bestätigt: Schleswig-Holsteins Tourismusbranche ist nach Einschätzung von Wirtschafts- und Tourismusminister Bernd Buchholz (FDP) bisher im Durchschnitt mit einem „blauen Auge“ durch die Corona-Krise gekommen.

Tourismus-Katastrophe im Norden blieb aus

Im März sei eine Katastrophe zu befürchten gewesen, sagte der Minister am Mittwoch in Kiel. „Die ist es nicht geworden.“ Dennoch: „Eine solche Halbjahresbilanz hat es noch nicht gegeben.“

Das „blaue Auge“, von dem Buchholz sprach, lässt sich in eine Zahl übersetzen: Bei den Gästeübernachtungen in Schleswig-Hostein hat es in den ersten sechs Monaten einen Rückgang in Höhe von 37,9 Prozent gegeben.

Das ist nicht überraschend, denn von Mitte März bis Mitte Mai, der Zeit des Corona-Lockdowns, durften keine Touristen ins Land zwischen den Meeren reisen. Dennoch markiert diese Zahl einen Einbruch, den es so noch nicht gegeben hat.

Buchholz: keine größeren Corona-Ausbrüche an Touristenorten

Doch Buchholz mochte sich bei diesem veritablen Tiefpunkt des Tourismus nicht lange aufhalten. Ihm ging es darum, trotz allem positive Signale zu senden. Der Norden stehe im Vergleich der Bundesländer doch ausgesprochen gut da, sagte der Minister.

Zwar sei die Zahl der Übernachtungen im ersten Halbjahr auf neun Millionen gesunken. Aber dies sei das geringste Minus aller Bundesländer. Im Juni betrug der Rückgang zum gleichen Vorjahresmonat nur noch 10,8 Prozent, bei fast 42 Prozent in Deutschland insgesamt.

Einreiseverbot für Touristen im Mai aufgehoben

Das Land hatte am 19. Mai das Einreiseverbot für Touristen wieder aufgehoben und schrittweise Restriktionen gelockert. Buchholz hob hervor, es habe keine größeren Corona-Ausbrüche an Touristenorten gegeben, nur vereinzelt Infektionen. „Wir hatten kein Sommer-Ischgl in Schleswig-Holstein.“ Das Land habe bewiesen, dass man hier auch zu Pandemie-Zeiten sicher Urlaub machen kann.

Da die Zahlen für Juli und August voraussichtlich positiv ausfallen werden, rechne die Tourismus-Agentur Schleswig-Holstein für das gesamte Jahr mit einem moderaten Rückgang um fünf bis zehn Prozent zum Rekordjahr 2019 mit 36 Millionen Übernachtungen, sagte Geschäftsführerin Bettina Bunge.

Das zweite Halbjahr trage normalerweise 60 Prozent zum Gesamtvolumen bei. Laut Buchholz kommen auch verstärkt Gäste ins Land, die sonst nicht so stark vertreten seien. Als Beispiele nannte er Paare ohne Kinder und Touristen aus Bayern. Vom Andrang auf die Küstenorte an Nord- und Ostsee habe auch das Binnenland profitiert.

Ferienhäuser und Campingplätze waren gut besucht

Im Juni schaffte der Norden bei der absoluten Zahl der Übernachtungen sogar den Sprung auf Platz zwei nach Bayern, im ersten Halbjahr insgesamt belegte das Land Rang fünf. Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Niedersachsen lagen noch davor.

Während Ferienhäuser und Ferienwohnungen (plus 15,2 Prozent) sowie Campingplätze (plus 14,2 Prozent) im Juni sogar einen Anstieg der Gästeübernachtungen gegenüber dem Vorjahresmonat verzeichneten, gab es für die übrigen Betriebsarten zum Teil deutliche Rückgänge.

So sank das Übernachtungsaufkommen von Erholungs- und Ferienheimen sowie von Jugendherbergen jeweils um fast 80 Prozent. Auch der Städtetourismus büßte kräftig ein.

Nicht alle Betriebe werden überleben

Einigen Betrieben gehe es „super“, sagte Buchholz. „Campingplatzbetreiber kriegen das Glänzen gar nicht aus den Augen.“ Andere wie Landgasthöfe, die von Familienfeiern und sonstigen Veranstaltungen abhängig sind, seien in der Existenz bedroht. Nicht alle würden überleben.

Das Tourismusjahr hatte durchaus gut begonnen. Im Januar lag die Zahl der Übernachtungen gegenüber dem Vorjahresmonat mit sieben Prozent im Plus, im Februar waren es sogar 17 Prozent.

Dann der Absturz: Im März lag das Minus bei 44 Prozent, im April bei 95 Prozent, im Mai bei 54 Prozent und im Juni immer noch bei elf Prozent.

Binnenland musste am meisten leiden

Auch in Corona-Zeiten drängt es die Touristen an die Küste – auch das geht aus den Halbjahreszahlen hervor. Die Tourismus-Agentur teilt das Land in vier Regionen auf: Nordsee, Ostsee, Holsteinische Schweiz und „Übriges Binnenland“.

Und dieses Binnenland hat am meisten leiden müssen. Die Zahl der Übernachtungen ist dort im ersten Halbjahr um 48 Prozent zurückgegangen. An der Nordsee und der Holsteinischen Schweiz waren es nur 39 Prozent, an der Ostsee sogar nur 33 Prozent.

Die Tourismus-Agentur hatte schon in der Vergangenheit und will nun erneut verstärkt fürs Binnenland werben – mit zweifelhaften Aussichten.

Lübecker Bucht am besten von Corona-Krise erholt

Am schnellsten hat sich in der Corona-Krise die Ostseeregion mit der Lübecker Bucht und Fehmarn erholt. Dies lag laut Tourismus-Agentur auch an vielen Gästen aus dem nahen Hamburg. Weiter zurückgegangen ist in der Krise der allerdings ohnehin nicht hohe Ausländeranteil an den Touristenübernachtungen, und zwar von sieben auf vier Prozent.

Da es mit Fernreisen erst viel später wieder vorangehen werde als mit dem Inlandstourismus, gebe es für Schleswig-Holstein auch deshalb wachsende Chancen, sagte Buchholz.

Mit einem zweiten landesweiten Lockdown mit Reisebeschränkungen wie im März und April rechne er für den Herbst nicht. Das Land steuere erfolgreich regional gegen aufkommende Infektionen.