Ostsee

"Kein Respekt mehr vor Regeln": So leiden die Strandaufseher

Der Strand von   Pelzerhaken  an der Ostsee.

Der Strand von Pelzerhaken an der Ostsee.

Foto: Imago

Illegale Camper, renitente Hundehalter, zerstörungswütige Kinder. Auf Patrouille mit den Strandaufsehern von Neustadt in Holstein.

Neustadt. Um 7.30 Uhr ist die Welt noch in Ordnung. Die Wellen rauschen, die Sonne hat sich noch nicht dagegen entschieden, und keiner meckert rum. Das kann sich bald ändern. Niemand weiß es so gut wie Bernd Döring und Wolfgang Wittmers. Die Strandaufseher stehen vor Oostings Koophus an einem Tisch. „Moin!“ „Moin, Moin!“ Ihre Teambesprechung halten die beiden jeden Morgen vor diesem Mini-Supermarkt ab, der nur von der Größe her als „mini“ tituliert werden darf; seine Auswahl umfasst mehrere Produktkategorien und Jahrzehnte. Fisch-Aschenbecher, Schnorchel, Groschenroman, Butter, Kleidchen oder eben Kaffee. „Bitte blond!“ ruft Bernd Döring der Frau hinter dem Verkaufstresen zu, die ruft zurück: „Weiß ich doch.“

Der Kaffee mit Milch geht aufs Haus. Tag für Tag. Ein Zeichen von Respekt gegenüber den Strandaufsehern, denn ihre Arbeit ist gleichermaßen wichtig wie unbeliebt: den Urlaubern hinterherputzen, sie bei Fehlverhalten ermahnen und dafür regelmäßig Beschimpfungen kassieren. Wer möchte tauschen? Eben.

„Das ist der beste Job der Welt“, sagt Döring. „Ich bin dort, wo die Leute ihr Geld ausgeben, und ich kassiere es ein.“ Sein Kollege Wolfgang lacht. Sowieso lachen die beiden die ganze Zeit. Über einander, über sich selbst und manchmal auch über andere. Es geht nur mit Humor. „Wer sich nicht veräppeln kann, geht kaputt“, findet Döring. Seinen Kollegen nennt er „meinen Zwilling“, und gemeinsam sind sie die bestgelaunten Kontrolleure der Welt. Außerdem so liebenswürdig, dass man ihnen sofort ein Strafticket für fünf Euro abkaufen möchte.

Acht Kilometer sind eine lange Strecke

Die gelben Tickets warten in Dörings Bauchtasche – neben einem gigantischen Schlüsselbund – auf denjenigen, der keine Strandkarte gelöst hat. „Oh, wo hätte ich die denn kaufen müssen?“ „Am Automaten am Strandeingang, Sie sind gerade direkt daran vorbeigegangen.“ „Ach, echt?“ Drei Meter zurück hätte der Tourismusbeitrag noch 2,50 Euro gekostet, jetzt wird der doppelte Betrag als Nachlösegebühr fällig. Sei vielen aber egal, erklärt Wittmers. Wahrscheinlich, weil Döring und Wittmers so höflich sind. Das Duo Deeskalation.

„Hab ich nicht gesehen“ und „Hab ich nicht gewusst“ sind die häufigsten Ausreden der Urlauber. „Aber wie groß sollen wir die Schilder denn noch machen?“, fragt Döring. Das sei doch auch nicht so schwer zu lesen: „Hier endet der Radweg.“ Oder: „Abstand am Strand mindestens drei Meter zu Körben und anderen Strandbesuchern.“ Gut, nicht jeder hat ein Maßband dabei, und die meisten rücken schon von alleine auseinander, wenn sich die Strandaufsicht nähert. Anders als in einigen anderen Ostsee-Orten können sich die Gäste am Strand von Neustadt-Pelzerhaken-Rettin gut verteilen. Acht Kilometer Sand reichen, um coronakonform zu bräunen.

Acht Kilometer sind allerdings auch eine lange Strecke für diejenigen, die sie kontrollieren müssen. Um die 15 Kilometer täglich wandern die Zwillinge, das erübrigt jedes Fitnessstudio. Zum Glück verfügt das Team inzwischen über E-Roller, so kann man rasch am Konfliktherd sein und sich gegenseitig helfen. Zuletzt bat ein Kollege um Hilfe, weil direkt in der Badezone fünf Boote lagen, deren Besitzer so lautstark Party machten, dass die Touristen an Land schon mit Steinen auf sie warfen. Im Corona-Sommer liegen die Nerven häufiger mal blank. „Gerade an sehr sonnigen Tagen“, sagt Wittmers. „Die Hitze steigt manchem zu Kopf.“

Manche Konflikte enden unter der Gürtellinie

Doch auch an eher regnerischen Tagen überwiegt die Uneinsichtigkeit. Als Wittmers einem Mann erklärt, er dürfe mit seinem Retriever nicht an den Badestrand, blafft der Hundehalter ihn an: „Was willst du denn von mir? Du hast doch gar keine Schulbildung!“ Von 0 auf 100 durch eine kleine Rüge. Doch die Strandaufsicht bleibt cool. Wittmers und Döring haben Kurse in Konfliktmanagement besucht, sie ballen die Fäuste nur in den Taschen und sagen ruhig: „Wir müssen Sie des Strandes verweisen, andernfalls gibt es eine Anzeige.“ Der Mann diskutiert, es sei doch gar nichts los, doch Döring weist darauf hin, dass kleine Kinder ungern im Pipi seines Tieres Sandburgen bauen.

Manche Konflikte enden auch unter der Gürtellinie. Vor Kurzem wollte ein Vater die Nachlösegebühr nicht zahlen und baute sich vor seinem Sohn auf: „Guck mal, wenn du nichts lernst, dann endest du wie die beiden Wichtigtuer hier und musst Klos putzen.“ Sich so einen Tiefschlag nicht zu Herzen zu nehmen und dann auch noch diese ansteckend gute Laune der Strandaufseher, wie geht das? Kann man Gelassenheit trainieren wie einen Muskel? „Ich bin stolz darauf, wie sauber unsere Toiletten sind. Die WCs sind das erste Aushängeschild eines Ferienortes“, sagt Döring.

Seit 13 Jahren ist der 59-Jährige für die Hygiene und die Ordnung am Strand von Neustadt zuständig. Wenn der gebürtige Berliner früher dreimal am Tag die Seifen aufgefüllt hat, dann macht er das seit Corona sechs- bis achtmal. Nun entdeckt er gerade jede Menge Zahnpasta im Waschbecken. Die Wildcamper nutzen die öffentlichen Toiletten als privates Badezimmer, Döring muss ihre Hinterlassenschaften wegputzen.

Worüber sich die Strandaufseher aufregen

Schade für alle anderen Urlauber, dass die warme Außendusche in der Nähe der Surfschulen wieder auf kalt umgestellt werden musste. Die illegalen Camper hatten sich dort eingerichtet. „Die waschen stundenlang ihre Haare, anstatt auf den offiziellen Campingplatz zu gehen,“ sagt Döring. Spricht er die Falsch-Zelter darauf an, verdrehen die ihre Augen. Doch auch das regt ihn nicht auf. Er kann es sogar erklären: „Die Leute sind aggressiver und wollen sich nichts befehlen lassen, weil sie durch Corona die ganze Zeit Auflagen hatten. Im Urlaub wollen sie sich jetzt nicht mehr reinreden lassen.“ Das sei schon verständlich, pflichtet ihm sein Kollege bei. Ihr Konflikt-Management-Seminar hatten sie wahrscheinlich bei Buddha persönlich.

Doch eine Sache gibt es, über die sich die Strandaufseher doch ein wenig aufregen: E-Bikes. Mit 25 Stundenkilometer brettern sie über die Promenade und sogar über die Laufwege im Sand. Wittmers fegt sie täglich, damit Rollstuhlfahrer und Kinderwagen gut durchkommen, doch ebenfalls täglich holt er dabei Gäste vom Rad. „Bitte steigen Sie ab, das ist kein Radweg.“ Große Augen, ungläubiges Kopfschütteln.

„Einige ältere Leute hören uns nicht mal zu und versuchen, uns zu ignorieren“, sagt Döring, der zwei Hunde und zwei Pferde hat und ursprünglich aus NRW kommt, genau genommen wohnte er viele Jahre direkt um die Ecke des Corona-Hotspots Heinsberg. „Irgendwo fängt jede Krise an“, sagt der Rheinländer und zeigt seinem Kollegen dann Handy-Fotos von den Fischen, die er auf dem heimischen Hightech-Grill gestern für seine Freundin zubereitet hat. „Toll, echt super“, lobt dieser und berichtet von der Party von 200 Jugendlichen am Neustädter Strandbad, bei der am nächsten Tag so viel Müll rumlag, dass er drei Stunden lang aufräumen musste. „Denen fehlt irgendwie das Bewusstsein“, sagt Döring und schüttelt mit dem Kopf.

Niemand beachtet die Hinweise

Um den Gästen klarzumachen, wie wichtig es wäre, den eigenen Müll wieder mitzunehmen, haben sie nun kleine Zahlenreihen aufgehängt: Es dauert bis zu 20 Jahre, bis sich eine Plastiktüte im Meer zersetzt hat, Plastikbesteck benötigt sogar 100 bis 1000 Jahre, eine Zigarette zehn Jahre. Bei einer einzigen Feier kommen so locker Jahrhunderte von Umweltverschmutzung zusammen.

Das Problem liegt nur darin, dass niemand die Hinweise beachtet, und irgendwann müsste man jede noch so selbstverständliche Verhaltensweise verschriftlichen. „Für was sollen wir noch alles Schilder aufstellen? ‚Bitte nicht mit dem Kopf gegen den Baum laufen‘ wäre als nächstes dran“, sagt Stephan Reil vom Tourismus-Service, der Chef der Strandaufseher. Er sieht es als seine Aufgabe an, dass die Gäste in Neustadt sich wohlfühlen, doch in den vergangenen Wochen hat der 53-Jährige viele Szenen beobachtet, die er nicht nachvollziehen kann.

Sicherheitsdienste helfen im Sommer aus

Kürzlich etwa trat ein Kind mehrfach mit voller Wucht gegen eine Umkleide, die es anscheinend zerstören wollte. Der Vater stand unbeeindruckt daneben und sagte nichts. Oder als seine Mitarbeiter von einem Gast angerempelt wurden, weil sie ihn dabei ertappt hatten, wie er trotz Verwarnung wieder mit seinem Hund an den Strand ging. „Es scheint keinen Respekt mehr vor Regeln oder Ordnungspersonen zu geben“, sagt Reil. Eigentlich habe er geglaubt, Corona hätte die Leute demütiger und ruhiger gemacht, doch das Gegenteil sei der Fall: „Alle beharren ständig auf ihr Recht. ICH. ICH. ICH.“

Urlaub in Zeiten des Coronavirus
Urlaub in Zeiten des Coronavirus

Heute ist der schlimmste Tag in der Woche für Stephan Reil, denn heute ist Montag. Montag ist der Tag der Petzen. Dann beschwert sich der eine über den anderen, und alles, was am Wochenende gefühlt schlecht oder ungerecht war, landet im Posteingang des Tourismus-Managers. Ein Gast schreibt: „Warum dürfen Menschen ohne Hund am Hundestrand liegen?“ Oder: „Sie verlangen 2,50 Euro Touristenpauschale, aber wirklich viel bekommt man dafür nicht geboten. Was wird damit finanziert? Gar die Personen, die die Tickets kontrollieren?“ Reil würde gerne ausnahmslos alle Urlauber lieben, doch wenn jemand mit seinem Jetski durch die Badezone brettert, dann fällt ihm das verständlicherweise schwer. So ein Kinderköpfchen taucht nicht selbstverständlich bei Gefahr unter.

Um seine Strandaufseher zu unterstützen, hat Reil für die Sommermonate zusätzlich einen Sicherheitsdienst engagiert. Auch andere Feriendestinationen wie Scharbeutz und Sierksdorf setzen auf Hilfe von außen. In Scharbeutz pa­trouilliert der Sicherheitsdienst vorrangig in den Abend- und Nachtstunden. In Sierksdorf werden die festen Strandläufer flexibel je nach Wetterlage mit Aushilfen aufgestockt, und der Sicherheitsdienst kommt bei besonders guter Wetterlage am Wochenende hinzu. In Neustadt in Holstein ist die Security permanent im Einsatz.

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Die Jungs wirken allein von der Erscheinung her einschüchternd. Wie umfangreich dürfen Oberarme eigentlich maximal sein? Das Wort „Terminator“ kommt einem unweigerlich in den Sinn. Niemals würde man sich mit ihnen anlegen. „Doch, die Leute wollen uns trotzdem schlagen, die haben so ein unerklärliches Bedürfnis, sich zu messen“, sagt einer von ihnen, ein Großmeister im Kung-Fu. Er würde dann an die Vernunft der Leute appellieren. Gewalt anzuwenden sei nicht nötig.

„Na, ihr, gut gefrühstückt?“, fragt Döring, als er beim Patrouillieren auf die XXL-Oberarme trifft. Es wird gescherzt und gelacht, die Teams verstehen sich blendend. Ganz feine Jungs seien das, sagen die festen und die Teilzeit-Kontrolleure übereinander. Die Zwillinge müssen weiter. Sie gehen den nächsten Strandeingang runter und blicken aufs Meer. „Guck mal, die Möwe setzt sich hier frech direkt vor unsere Füße“, sagt Wittmers zu Döring. Der lacht: „Kannst ihr ja ein Ticket geben, die hat bestimmt nicht bezahlt.“