W:O:A

Die plötzliche Stille im lautesten Dorf der Welt

| Lesedauer: 8 Minuten
Tino Lange
Eine einsame Kutte: Sonst ist hier alles schwarz hinter dem Ortseingang.

Eine einsame Kutte: Sonst ist hier alles schwarz hinter dem Ortseingang.

Foto: Thorsten Ahlf / HA

Wie ist es 2020 in Wacken ohne Wacken? Redakteur Tino Lange und Fotograf Thorsten Ahlf schauten sich um – zu hören war ja nichts.

Wacken. Das Erste, was bei der Autofahrt nach Wacken dieses Jahr auffällt, ist die fehlende Polizeikon­trolle in Nienbüttel. Dort, drei Kilometer vor dem Wacken Open Air auf dem „Holy Metal Ground“ wurden normalerweise stichprobenartig Autos und Transporter mit „W:O:A“-Aufschriften aus Klebestreifen oder unleserlichen Black-Metal-Bandlogos (Dark Fortress? Dark Funeral?) im Heckfenster herausgewinkt und das Gepäck nach Drogen gefilzt.

Gefunden wurde dort schon in den Jahren zwischen 1990 und 2019 wenig, der gemeine Metalfan hält es eher mit einem gepflegten Bierchen. Dieses Jahr aber ist gar nichts zu holen auf der Kreuzung zwischen Dorfstraße und Hauptstraße. Das Wacken Open Air 2020 wurde im April pandemiebedingt abgesagt.

Die Wacken-Fahnen wehen auf Halbmast

Und so hängen die Wacken-Fahnen in den Vorgärten hinter der Ortseinfahrt auf Halbmast. „Ich denke, das beschreibt die Stimmung ganz gut“, findet Thomas Jensen, mit Holger Hübner Urvater des Wacken Open Airs. „Es fehlt einfach etwas, mit dem sich die Menschen im Dorf natürlich auch ganz stark identifizieren, womit sie selbst ja wiederum zum Spirit und der Einzigartigkeit des Wacken Open Airs beitragen. Aber ich denke, wir sind uns alle einig: Angesichts der Situation ist das absolut richtig so.“

Eigentlich ist alles hier auf den so brülllauten wie friedlich-geselligen Wahnsinn eingestellt, der in den letzten Juli- und ersten August-Tagen die Einwohnerzahl Wackens von 1941 auf mehr als 90.000 hochschnellen lässt. 75.000 Metalheads aus aller Welt, zahllose Gäste, Medienpartner und Journalisten, 190 Bands und 5000 Helfer von den Aufbauteams über die Ordner bis zu den Sanitätsdiensten hätten schon seit Anfang Juli begonnen, sich nach und nach im lautesten Dorf der Welt einzurichten.

Nieten- und Kettengeklimper bleibt aus

Wer dann zum Festivalstart ankommt, findet sich wieder in einem Meer aus Schwarz. Die Straßen, Lädchen, Vorgärten, das Freibad, die Supermärkte und Gasthöfe gleichen einem Ameisenhaufen, über dem sich ein steter Bier- und Grilldunst bildet. Es gibt kein System in diesem Gewusel aus Bollerwagen und Gokart-Anhängern voller Rucksäcke, Dosenbier und Dosenfutter, aus böllernden tragbaren Anlagen, Nieten- und Kettengeklimper und dem stöhnenden Knarzen schief abgetretener Springerstiefelsohlen. Die einen ziehen vom Shuttle-Parkplatz zu den Zeltplätzen, die anderen von dort zurück ins Dorf für Einkäufe, neue und alte Bekanntschaften. Wie man sich Jahr für Jahr wiederfindet im Durcheinander schwarzer Shirts mit unleserlichen ­Death-Metal- Bandlogos (Konkhra? Krisiun?), ist schon ein kleines Wunder.

Das Gleiche gilt für das eigentliche Festivalgelände mit den endlosen Campingplätzen und den verschiedenen Arealen und Themengeländen mit drei großen und sechs kleinen Bühnen, Biergärten, Mampfmeilen, Pop-up-Discountern und Mittelaltermarkt. 300 Hektar umfasst das Wacken Open Air, und in der Zeit, in der man von einer der Hauptbühnen bis zum hinterletzten Zeltplatz marschiert, hat die Band Nightwish zweimal die Sängerin (Tarja Turunen? Anette Olzon?) ausgetauscht.

Maisfelder statt Menschenmassen

Dieses Jahr sind die Straßen und Wege leer. Auf den Wiesen und Weiden steht das Gras hoch, und wo sonst Zehntausende im Gasfackel-Lichtschein des meterhohen Kuhschädel-Wackenlogos ihre Lieblingsbands mit großen „Circle Pit“-Prügelpolonaisen um die Beleuchtertürme feiern, steht jetzt Mais. Der Dünger, der hier 30 Jahre lang in den Boden geflossen ist, war jetzt nicht der leckerste. Aber für Biogasanlagen dürfte die kommende Ernte noch durchgehen.

Für den Landgasthof Zur Post alias Wackinger und Hotels und Pensionen in der Umgebung, für die Supermärkte und für die Pfandsammler dürfte die Absage Wackens hingegen ein böses Loch in die sonst so verlässliche Jahreskalkulation reißen. Auch die Autowerkstatt mit dem „Pommesgabel“-Metalgesten-Logo im Firmenschild hat jetzt nichts zu tun. Keines der sonst teilweise wirklich abenteuerlichen Gefährte, der alten Militärlaster, ausrangierten Löschzüge und abgeliebten Wohnmobile, die sich nach Wacken quälen, braucht fachgerechte Zuwendung.

Einige Metalfans sind trotz der Absage da

Und doch ist Wacken auch ohne Open Air das berühmte „Full Metal Village“. Vor dem geöffneten „Wacken Store & Info Office“ an der Hauptstraße neben dem markanten Siloturm steht am Mittwoch tatsächlich ein gutes Dutzend Metalfans, das sich trotz Absage auf den Weg auf das flache Land gemacht hat – in einer Mischung aus Gewohnheit, Trotz, Neugier und Solidarität: „Wir sind Pilger“, erzählen Rafaela und Hans-Ulrich Schröder, die sich mit vier ihrer Kinder und Enkelkinder von Berlin aus auf den Weg gemacht haben, um die dieses Jahr erstaunlich frische Wacken-Luft zu schnuppern.

Seit 2011 war es Tradition der beiden, sich im Hotel in Heide in stundenlanger Schmink- und Umzieharbeit in die KISS-Rocker „The Starchild“ und „The Demon“ (Paul Stanley! Gene Simmons!) zu verwandeln. Den ganzen Tag lang staksten sie dann auf turmhohen Absätzen in Lederpelle – alles von Rafaela handgefertigt – durch das Dorf und quatschten und posierten mit der Metalgemeinde. Jetzt sind sie in Zivil vor Ort.

KISS ist eine der wenigen großen Hartklang-Ikonen neben Metallica und Manowar, die noch nicht in Wacken gespielt haben und es wohl auch nie tun werden, die Abschiedstournee hatte schon begonnen. Die Schröders sorgten zumindest optisch für Ersatz und nahmen ihre Mission sehr ernst: „Auf dem eigentlichen Festivalgelände waren wir noch nie“, erzählt Hans-Ulrich, „die Absätze bringen uns um da“, ergänzt Rafa­ela im Gelächter der Umstehenden. Wacken ohne Wacken, es kann offensichtlich erfüllend sein. „Wer nicht irre ist, der ist auch nicht hier“, geben die beiden noch zum Abschied mit. Nächstes Jahr kommen – hoffentlich – alle Irren wieder, die Tickets für dieses Jahr sind jetzt für 2021 gültig, laut Veranstalter wollte kaum jemand das Geld für die Karten erstattet bekommen. Das nächste „W:O:A“ ist schon jetzt ausverkauft.

Wacken-Crew bedankt sich mit "Mixed-Reality"-Festival

Für Thomas Jensen ist das ein berührendes Zeichen der Solidarität, „und das gerade jetzt, wo viele von ihnen sicherlich auch mit eigenen Problemen aufgrund der aktuellen Situation zu kämpfen haben. So ein Vertrauen darf man nie als gegeben erachten, und das werden wir auch niemals tun. Im Gegenteil: Wir sind ihnen unendlich dankbar dafür, denn es gibt uns – und damit meine ich unser gesamtes Team – nicht nur Sicherheit, sondern auch jede Menge Kraft, Motivation und Zuversicht.“

Als Alternative und auch als Dankeschön hat die Festivalcrew zusammen mit Telekom, Studio Hamburg und weiteren Partnern „Wacken World Wide“ auf die multimedialen Beine gestellt, ein „Mixed Reality“-Festival mit 100 modernsten Mitteln produzierten und ambitioniert aufbereiteten Streaming-Konzerten, Interviews, Fan­aktionen und Archivperlen. So sieht man Body Count eben nicht wie im Vorjahr auf dem Wacken-Areal, sondern zu Hause in der schlamm- und staubfreien Wohnung.

Um den Start von „Wacken World Wide“ nicht zu verpassen, müssen wir das so ungewohnt stille lauteste Dorf der Welt wieder verlassen. Just in diesem Moment rauscht dem Kennzeichen BO nach (Bochum? Bocholt?) Christof Leim im Auto laut grüßend vorbei, einer der profiliertesten deutschen Metal-Journalisten und alter Trinkkumpan der Abendblatt-Wacken-Teams. Jetzt fängt die Festivalsehnsucht wirklich an wehzutun. Es beginnt heftig zu regnen, und das Wasser läuft wie Tränen an einem Plakat runter: „Freu dich, du bist in Wacken“.