Ostseebad

Streit um den "Thomas Gottschalk" von Timmendorfer Strand

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Matthias Popien
Den Touristen zeigt Timmendorfer Strand jetzt sein schönstes Gesicht – aber in der Gemeinde brodelt es.

Den Touristen zeigt Timmendorfer Strand jetzt sein schönstes Gesicht – aber in der Gemeinde brodelt es.

Foto: picture alliance / Bildagentur-o

Politiker und Bewohner betreiben die Abwahl von Bürgermeister Robert Wagner. Sie sehen das Gemeindewohl in Gefahr. Die Hintergründe.

Timmendorfer Strand. Mit dem Versprechen, ein neues Miteinander zu schaffen, war er angetreten – doch nun wächst das Gegeneinander: Robert Wagner, seit April 2018 Bürgermeister der Gemeinde Timmendorfer Strand, muss sich möglicherweise im Herbst einem Abwahlverfahren stellen.

In nur zwei Jahren hat der Aachener nicht nur die Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung gegen sich aufgebracht, sondern auch einen Großteil der Gemeindevertreter. „Das Tischtuch ist zerschnitten“, sagt Jörn Eckert, der SPD-Fraktionschef. Am Strand mag die Ostsee träge plätschern – im Ort schlagen die Wellen der Empörung hoch.

Wagner wollte Bürgermeister auf Sylt werden

Die Vorgeschichte reicht länger zurück. Alle sechs Jahre wird in Timmendorfer Strand ein neuer Bürgermeister gewählt. Wer ins Amt kommt, entscheiden die Wähler – also die wahlberechtigten Timmendorfer und Niendorfer. 2018 mussten sie sich zwischen der Amtsinhaberin Hatice Kara (SPD), Robert Wagner und zwei Einzelbewerbern entscheiden.

Die Gemeindevertreter waren mehrheitlich gegen Kara. Sie wollten ihre Wiederwahl unbedingt verhindern, ihr wurde mangelnder Fleiß vorgeworfen. Schon 2017 nahmen Timmendorfer Politiker deshalb Kontakt zu Wagner auf. Denn der hatte bereits 2014 versucht, Bürgermeister zu werden – in Westerland auf Sylt. Dort war er allerdings nicht in die Stichwahl gekommen.

In Timmendorfer Strand einigten sich viele Fraktionen dennoch recht schnell darauf, Robert Wagner zu unterstützen. CDU, FDP und zwei Wählergemeinschaften machten mit, auch die Grünen waren gegen Kara. „Wir wollten damals gemeinsam einen Gegenkandidaten stellen, um so an Frau Kara vorbeizukommen“, sagt Andreas Müller, Fraktionschef der Wählergemeinschaft unabhängiger Bürger (WUB).

War Wagner nicht ausreichend qualifiziert?

Im Eifer der Kara-Gegnerschaft mag etwas untergegangen sein, über welche Qualifikation die Kandidaten verfügen – und über welche nicht. Wagner (42) hat lange Jahre im Bundeswehr-Dienstleistungszentrum in Aachen gearbeitet und war dort im Mittleren Dienst tätig. Für diejenigen, die sich in der Beamtenwelt nicht so auskennen: Mittlerer Dienst – das ist die Sachbearbeiter-Ebene.

In einem Bundeswehr-Dienstleistungszentrum werden Personalangelegenheiten bearbeitet und Immobilien in Schuss gehalten. Da geht es um den Sozialdienst für Bundeswehrangehörige, um die gärtnerische Pflege der Außenanlagen von Kasernen, um Bekleidungszuschüsse und die „Zuschussbewilligung für Selbsteinkleider“.

Die Schnittmenge mit den Aufgaben eines Bürgermeisters einer Bädergemeinde ist da durchaus überschaubar. Der muss sich im Tourismus auskennen und Erfahrung in der Führung einer Verwaltung haben. Im Timmendorfer Rathaus arbeiten immerhin rund 160 Menschen.

"Wie ein Thomas Gottschalk über die Bühne getobt"

Aber in einem Wahlkampf – gerade auch bei einer Bürgermeister-Direktwahl – sind zunächst andere Qualitäten gefragt. „Er kann sich gut verkaufen“, sagt WUB-Mann Müller. „Er ist wie ein Thomas Gottschalk über die Bühne getobt“, sagt SPD-Mann Eckert. Der FDP-Fraktionschef Michael Berk sagt: „Da wurde das größte Showtalent gewählt.“ Wagner siegte in der Stichwahl.

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In der täglichen Arbeit war es dann mit der Show schnell vorbei. Ein Jahr lang ließ sich Wagner die komplette Hauspost vorlegen – um, wie er sagt, „die Arbeitsweisen und Leistungsfähigkeit der einzelnen Beschäftigten zu erkennen und messen zu können.“ Beschwerden der Rathaus-Mitarbeiter über Wagners Umgangston häuften sich. Der Personalrat wandte sich hilfesuchend an die Gemeindevertreter. Krankmeldungen in der Verwaltung nahmen deutlich zu, zeitweilig soll im Ordnungsamt nicht ein Schreibtisch besetzt gewesen sein.

Ärger um Alleingang bei neuer Gosch-Filiale

Auch viele Gemeindevertreter waren zunehmend unzufrieden mit der Arbeit des Bürgermeisters. Wagner habe eigenmächtig das gemeindliche Einvernehmen für den Bau einer Gosch-Filiale am Seebrückenvorplatz in Niendorf erteilt, sagen sie – ein Bau in allerbester Lage, mit dem die meisten Gemeindevertreter so nicht einverstanden waren.

Die Politiker in Timmendorfer Strand sind, das muss man wissen, ehrenamtlich tätig. Das bedeutet: Es gibt eine schmale Aufwandsentschädigung für viele Sitzungsstunden und viel Engagement nach Feierabend. Wenn die Verwaltung aus Personalnot wichtige Beschlüsse nicht vorbereiten und nicht ausführen kann, wenn es zwischen Rathauschef und Rathauspersonal hakt, wächst die Arbeitsbelastung der Ehrenamtlichen weiter an. Und da sind nun offenbar Grenzen erreicht. „Wenn Herr Wagner im Amt bleibt, trete ich zurück“, sagt der SPD-Fraktionschef.

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Der Bürgermeister sieht das alles ganz anders. Der Öffentliche Dienst im Ort sei „nicht wirklich entwicklungs- und veränderungsfreundlich“, heißt es in einem Offenen Brief an die Bürger. Und die Politik würde gern einmal „das Bürgermeisterbüro umgehen“ und sich direkt an die Verwaltungsmitarbeiter wenden. Im Übrigen: „Meine Wesensart und mein Naturell waren allen durch meine Wahlkampfauftritte bekannt.“

Wagner lässt sich nicht mehr im Rathaus blicken

Am 3. Juni kam es zum Showdown. Alle Fraktionen bis auf die CDU hatten die Abwahl beantragt. Aber sie scheiterten an der erforderlichen Zwei-Drittel-Mehrheit. Eine Stimme fehlte. Wagner selbst hatte in der Sitzung beklagt, er habe einen Stallgaul übernommen und solle damit Galopprennen bestreiten, bekomme aber kein Kraftfutter, keinen Trainer und keine Rennbahn. Bald darauf ließ er sich krankschreiben, bis heute soll er im Rathaus nicht mehr gesehen worden sein. Die Folge: In der Verwaltung füllten sich die Reihen wieder.

Dennoch ist ein Ende des Streits nicht abzusehen. Wagner will auf seinen Posten zurückkehren. Bürger aus der Gemeinde sammeln mittlerweile Unterschriften, die in einen Bürgerentscheid über die Abwahl münden könnten. 1300 Bürger haben schon mitgemacht, in diesen Tagen soll die erforderliche Zahl von 1509 Unterschriften erreicht werden. Im Herbst könnte abgestimmt werden.