Pandemie

Covid-19-Studie: Kiel will Spätfolgen erforschen

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Elisabeth Jessen
Bildgebende Verfahren werden in der Covidom-Studie eine wichtige Rolle spielen.

Bildgebende Verfahren werden in der Covidom-Studie eine wichtige Rolle spielen.

Foto: Getty Images

UKSH will genesene Schleswig-Holsteiner untersuchen. Warum Erkenntnisse so wichtig sind, erklärt Prof. Stefan Schreiber.

Kiel.  Manchmal kann es ein Vorteil sein, wenn ein Land links und rechts vom Wasser begrenzt ist, oben von einen Nachbarstaat und unten von einem Stadtstaat. Die Schleswig-Holsteiner sind dadurch eine klar umrissene Gruppe und ganz unter sich bei der Covidom-Studie, die Professor Stefan Schreiber, der Direktor der Klinik für Innere Medizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), leitet. Damit sollen die möglichen Folgeerkrankungen von Covid-19 erkannt und erforscht werden. Denn die Hinweise mehren sich, dass es nach der Genesung zu Spätfolgen kommen kann, auch bei leichteren Krankheitsverläufen.

Die Kieler Wissenschaftler wollen das Phänomen jetzt systematisch erforschen, Häufigkeit und Schwere der Spätfolgen erfassen. Im Blickpunkt stehen Lunge, Herz, Niere, Leber, Stoffwechsel und Nervensystem. Das Wissen über mögliche Schäden sei sowohl für die einzelne Patientin und den einzelnen Patienten wichtig, um gegensteuern zu können, als auch für das Gesundheitssystem, sagt Schreiber.

„Den Schäden, die durch Covid-19 entstehen, liegen immer Entzündungen zugrunde. Damit sind wir durch den Exzellenzcluster Precision Medicine in Chronic Inflammation (PMI) und seine in der Entzündungsmedizin besonders erfahrenen und exzellenten Ärztinnen und Ärzte sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hervorragend für diese Forschung aufgestellt“, sagt Schreiber, der auch Sprecher des Exzellenzclusters PMI und Direktor des Instituts für klinische Molekularbiologie (IKMB) an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und dem UKSH ist. Er erwartet, dass sich mehr als 80 Prozent der infizieren Bürger des Landes freiwillig an der Studie beteiligen werden. 30- bis 50-Jährige haben seinen Angaben zufolge in Schleswig-Holstein bislang den größten Anteil unter den Infizierten.

Alle Patienten aus dem Land werden in Kiel untersucht

Die Gesundheitsämter schreiben laut Schreiber derzeit die Betroffenen an und informieren sie über das Angebot. Nach Schreibers dafürhalten ist es für jeden Genesenen eine tolle Chance, aber jedem stehe es natürlich frei, anzunehmen oder abzulehnen. Er habe noch keine Rückmeldungen von den Gesundheitsämtern über die Rückläufe.

„Wir rechnen damit, dass wir im Oktober, November starten, also etwa ein halbes Jahr nach der Infektion, und werden die Patienten im Block einbestellen“, so Schreiber. Das sei ein vernünftiger Zeitpunkt, in so großen Zahlen aber auch nicht früher organisierbar. Erste Ergebnisse seien im März 2021 zu erwarten.

Alle Untersuchungen aller Patienten aus dem gesamten Bundesland werden laut Schreiber in Kiel stattfinden, weil es einen hohen Grad der Standardisierung brauche. „Das ist ein Wahnsinnaufwand. 3000 Leute wirklich gründlichst durchzuchecken, einen Tag pro Person, da können Sie rechnen, da werden pro Tag 15 Behandlungsplätze blockiert.“ Schleswig-Holstein habe bereits Erfahrungen mit so großen Reihenuntersuchungen, sagt Schreiber. Durch das Exzellenzcluster für Entzündungsmedizin sei relativ viel Infrastruktur geschaffen worden.

Verschiedene Tests

Zunächst würden alle Genesenen gründlich befragt und körperlich untersucht, dazu würden verschiedene Tests durchgeführt, auch neuropsychologische Tests. „Es wird darüber geredet, dass Covid-19 depressiv macht, fatigue macht (chronisch erschöpft), Konzentrationsstörungen bringt, solche Sachen testen wir auch“, sagt Schreiber. Man werde zudem körperliche Untersuchungen machen mit funktionellen Tests – Ultraschall, Herz und Lunge und auch umfangreiche Blutuntersuchungen seien geplant. Bei einem zweiten Termin sollen hochauflösende bildgebende Untersuchungen (MRT) gemacht werden, bei denen man auch noch in Lunge, Herz und Gehirn „hineinschauen werde“ und die Patienten Belastungstests unterziehen. „Nach eineinhalb Jahren werden wir eine Idee haben, was da an Folgeschäden auftritt“, so Schreiber.

Reservierung per App soll überfüllte Strände in Schleswig-Holstein verhindern:

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Die 15 Millionen Euro teure Studie sei auf zehn Jahre ausgelegt, finanziert werde sie vom Land Schleswig-Holstein, und auch beim Bundesforschungsministerium seien Gelder beantragt worden. Das Besondere sei, dass jeder betroffene Patient ein individuelles Gesundheitsergebnis erhalte. „Wir werden natürlich, wenn sie etwas haben, die ganze hochmoderne Technik aufbieten, um rauszukriegen, was es ist“, so der Mediziner.

Es geht darum, was Corona mit dem Menschen im Alter macht

Warum Schreiber die Studie so wichtig findet? „Nicht nur, um ein paar Patienten zu helfen, das ist schon Grund genug, aber wir machen die Studie auch, weil wir davon ausgehen, dass Covid bei uns bleibt, dass sich noch mehr Menschen infizieren werden“, sagt Schreiber. „Wir gehen davon aus, dass es Folgeprobleme geben wird durch diesen massiven zerstörenden Einfluss und dass diese auch die normalen Erkrankungen des Alterns betreffen werden, also Herzinfarkte, Demenz, Parkinson.“ Das Altern könne nach der Krankheit anders verlaufen. Das sei die Hypothese. Es gehe auch ein bisschen um Post-Covid, aber im Wesentlichen darum, was die Erkrankung mit dem Menschen im Alter mache. „Die Frage ist, kriegen diese Menschen mehr Herzinfarkte, vielleicht eher Demenz oder eher Parkinson?“, so Schreiber.

Die Medizin sei fantastisch darin geworden, den Alterungsprozess zu verbessern: „Heute wird der Mensch über 80 und altert gesund. Damit das so bleibt, muss die Medizin sich darauf vorbereiten, dass solche Krankheiten jetzt unterschiedlich schnell kommen könnten. Denn nur wenn man sie früh erkennt, kann man sie früh behandeln oder stoppen.“ Um zu versuchen, dass auch Menschen, die sich mit Sars-CoV-2 infiziert hatten, gesund altern, sei die Forschung entscheidend wichtig, um nicht zehn Jahre später festzustellen, dass alle, die Covid hatten, etwa früh an Herzinfarkt sterben. Das dürfe nicht passieren.

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Laut Schreiber sind Kontrollstudien mit kleineren Fallzahlen in Frankfurt, Berlin, Würzburg und Freiburg geplant, um festzustellen, ob die Ergebnisse aus Schleswig-Holstein übertragbar seien.