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Friedrichstadt und Bergenhusen: Zwei Schätze am Wegesrand

| Lesedauer: 7 Minuten
Matthias Schmoock
Die Häuserzeile an Friedrichstadts Marktplatz stammt noch aus den Gründerjahren der Stadt. Rechts: So viele Störche wie in Bergenhusen findet man in ganz Europa kaum.

Die Häuserzeile an Friedrichstadts Marktplatz stammt noch aus den Gründerjahren der Stadt. Rechts: So viele Störche wie in Bergenhusen findet man in ganz Europa kaum.

Foto: picture alliance/Montage: HA

Geheimtipps an Nord- und Ostsee: Bezaubernde Kleinstadt mit holländischem Flair und eine der größten Weißstorch-Kolonien Europas.

Friedrichstadt/Bergenhusen. Man muss mal ehrlich sein: Der Reiz der Landschaft westlich der Autobahn 7 Richtung Schleswig und der Küste erschließt sich nicht jedem auf Anhieb. Land der Horizonte – ja, das kann hier niemand bestreiten. Es gibt viel flaches Gelände, viele dunkelgrüne Wiesen, und weil es auch viel Wind gibt, stehen hier viele Windräder. Und wenn man dann irgendwann irgendwo das Meer erreicht hat … Naj a, sagen wir es mal so: Der Weg nach St. Peter-Ording kann ganz schön weit sein. Doch der Kreis Schleswig-Flensburg hat mehr zu bieten, als es scheint. Wer sich mal etwas Zeit nimmt, das Tempo drosselt und mit offenen Augen vom Weg abweicht, kann einige Schätze finden, die der Gegend einen besonderen – für viele unerwarteten – Zauber geben. Friedrichstadt ist ein Beispiel.

Erstaunlich wenige Hamburger kennen diese bezaubernde Kleinstadt, deren ungewöhnlich schönes Erscheinungsbild sie eigentlich in die erste Liga der Tourismus-Highlights katapultieren müsste. Die Stadt ist im holländischen Stil angelegt und wirkt mit ihren Grachten und Kaufmannshäuern wie ein Mini-Amsterdam. „Friedrichstadt. Die Holländerstadt“, lautet dann auch ganz offiziell der Titel dieses Kleinods auf der gut gemachten Homepage, die viele originelle Tipps bietet.

Das holländische Flair hat eine lange Geschichte

Bürgermeisterin Christiane Möller – von Lübcke ist eine zugereiste Hamburgerin, die sich zwischen schnurgeraden Gassen, Brücken und schmalen Häusern mit Treppengiebeln längst heimisch fühlt. Anders als in anderen Orten der näheren Umgebung gibt es in Friedrichstadt gerade in Marktplatznähe beim Mittelburggraben viel Außengastronomie, die dem Städtchen an schönen Tagen ein fast südliches Flair verleiht. Kaffeekontor und Kaffeerösterei, Trattoria und Holländische Stube (mit Genever und Poffertjes im Angebot) – das hat schon was. „Im Café fühle ich mich hier oft wie in Ottensen“, sagt die ehrenamtliche Stadtchefin – ein besonderes Kompliment, das ins Schwarze trifft.

Das holländische Flair hat eine lange Geschichte: Im 17. Jahrhundert gewährte Friedrich III. von Schleswig-Gottorf religiös verfolgten Holländern in seinem Herzogtum Exil und Religionsfreiheit. Im Gegenzug ließ er sich das hübsche Städtchen inklusive kleinem Hafen am Zusammenfluss von Eider und Treene errichten. Die Remonstrantenkirche vor Ort ist die einzige Kirche dieser Gemeinde außerhalb der Niederlande.

Viele Manufakturen

Bemerkenswert an Friedrichstadt ist auch, wie intensiv das klassische Handwerk hier betrieben und gepflegt wird. In der kleinen Stadt gibt es eine unerwartet hohe Dichte an Manufakturen, darunter Tischler und Keramiker. Manche von ihnen lassen sich – nach Voranmeldung – bei der Arbeit über die Schulter schauen, andere schaffen lieber im Stillen. Eine genaue Übersicht dazu vermittelt ein Flyer bei der Touristinformation.

Tourismuschefin Carolin Kühn empfiehlt Anreisenden, möglichst am Vormittag, ab 9 Uhr, einzutreffen, und sich die Stadt unbedingt vom Wasser aus zu erschließen. Dazu lassen sich Tret- und E-Boote mieten, seit einiger Zeit ist auch Stand-up-Paddling möglich. Wer es lieber etwas ruhiger angehen lässt, kann eine Grachtenfahrt buchen und sich circa eine Stunde lang per Boot chauffieren lassen.

Nur rund 17 Kilometer von Friedrichstadt entfernt liegt auf einem Geest-rücken in der Eider-Treene-Sorge-Niederung Bergenhusen. Der hübsche Ort erhebt sich relativ hoch übers platte Land und ermöglicht den Blick über die weite, herbe Landschaft, die den Kopf frei und die Seele leicht machen kann. Weil hier strenge Naturschutzauflagen gelten, bewirtschaften die Bauern ihre Wiesen und Felder sehr zurückhaltend, Windräder sind nicht zu sehen. Bekannt ist der Ort vor allem als „Storchendorf“, denn hier liegt eine der größten Weißstorch-Kolonien Europas. Fünf ehemalige Seen, die vor 300 Jahren trockengelegt wurden, bilden heute die fünf Köge, aus denen die Tiere ihre Nahrung holen.

Landschaft scheint sich seit 200 Jahren nicht verändert zu haben

Überall spazieren Störche ungestört durch die Wiesen, und im Ort kann man ihr Familienleben in zahlreichen Nestern gut beobachten. Die Horste werden regelmäßig liebevoll hergerichtet, und in der Gemeinde brüten jährlich bis zu 14 Paare der „Hoier Boier“, wie sie hier genannt werden. Durch die spärliche Bebauung der Gegend wirkt hier alles, als sei die Landschaft seit 200 Jahren unverändert. Wie aus der Zeit gefallen – und damit umso erholsamer. In den 1980er-Jahren erkannte man glücklicherweise die besondere ökologische Bedeutung der Flusslandschaft Eider-Treene-Sorge, und die schleswig-holsteinische Landesregierung forcierte den Schutz dieses einmaligen Gebiets.

Der Naturschutzbund (Nabu) Deutschland unterhält vor Ort die Außenstelle Michael-Otto-Institut. Die Storchenausstellung ist aktuell sonnabends und sonntags von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Führungen gibt es täglich um 10, 13 und 15 Uhr. Die Führungen sind kostenlos, eine Spende wird erbeten. Individuelle Rundgänge sind buchbar (Homepage: bergenhusen.nabu.de). Im Ort gibt es die Gaststätten Hoier Boier und Bistro Storchenschnabel. Eine telefonische Anmeldung ist zu empfehlen. Sehenswert ist auch die 1712 erbaute barocke Saalkirche, deren Errichtung nach anfänglichen Schwierigkeiten über eine Kirchbaulotterie zustande kam.

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Ein Insidertipp: Als absoluter Wohlfühlort mitten in diesem Paradies gilt die Badestelle an Bergenhusens südlichem Zipfel. Der Fluss Alte Sorge, ein Nebenarm der Sorge, bildet hier eine Schleife. Man kann unbeschwert durchs blitzsaubere, von hohem Schilf umstandenen Wasser kraulen und sich dabei fühlen, als sei die Zeit stehen geblieben. Die rund 17 Kilometer Strecke zwischen Friedrichstadt und Bergenhusen ist ideal für Radtouren. Nur noch selten kann man durch eine derart unverbaute, schöne und doch einsame Landschaft radeln (mehr dazu im Internet unter: www.sh-tourismus.de, Stichwort: Eider-Treene-Sorge Radweg).

Friedrichstadt kann über die A 23 per Auto in etwas mehr als anderthalb Stunden erreicht werden. Die Zugfahrt dauert genauso lange. Die Anfahrt per Auto aus Hamburg dauert nach Bergenhusen circa anderthalb Stunden. Wegen seiner geschützten, naturbelassenen Lage ist der Ort etwas umständlich zu erreichen. Am besten fährt man über die A 23 Richtung Heide/Husum und verlässt die Autobahn bei Albersdorf. Dann geht es weiter über die Landstraße 146 bzw. 148 Richtung Tellingstedt, danach über die 172 Richtung Erfde. Von dort über die B 202 bis Norderstapel, dann über die Landstraße 39 Richtung Wohlde. Nach circa fünf Kilometern weist ein eher kleines Schild den Weg rechts ab.

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Lesen Sie am Sonnabend: Kollmar.