Urlaub

Hinter den Kulissen des Beach Motels in Heiligenhafen

| Lesedauer: 14 Minuten
Alle wollen  diesen  Sommer Urlaub in Deutschland machen: Das Beach Motel Heiligenhafen ist schon fast komplett ausgebucht.

Alle wollen diesen Sommer Urlaub in Deutschland machen: Das Beach Motel Heiligenhafen ist schon fast komplett ausgebucht.

Foto: Roland Magunia

Wie aufwendig ist die Umsetzung der Corona-Hygieneregeln für die Mitarbeiter? Wir sind einen Tag lang mitgelaufen.

Heiligenhafen. Kerstin Johannsen hat an diesem Morgen schon einige Kilometer hinter sich. Corona macht nicht jeden dick, nein, wer derzeit in einem Hotel für das Frühstück der Gäste zuständig ist, der verbrennt viele Kalorien. Vor Corona bedienten sich die Gäste am Beach Motel in Heiligenhafen selbst am Büfett, jetzt bringen Schichtleiterin Kerstin Johannsen und ihre Kollegen es an den Tisch. Teller, Besteck, Brot, die gewünschte Frühstücksauswahl, Kaffee oder Tee. „Für jeden Gast laufen wir mindestens zweimal“, sagt Johannsen. Wer sich beispielsweise „Fit und Healthy“ ernähren möchte, bekommt von ihr Brötchen, Lachs, Honig und Obstsalat. Alle Zutaten sind auf einem mit Backpapier dekorierten Brett angerichtet. Haben Sie schon mal versucht, ein Glas relativ zügig auf einem Papier zu transportieren? Die ersten Frühstücke seit der Öffnung des Hotels Mitte Mai brachten dementsprechend viel Glück: „Uns sind reihenweise die Gläser runtergefallen“, erzählt Johannsen. Also fräste das Team kurzerhand eine Kerbe in das Brett, jetzt halten die Zutaten bombensicher, die Servicekräfte können noch schneller laufen.

Mitarbeiter in Hotels müssen derzeit grundsätzlich auf Zack sein. Die Hygienebestimmungen stellen sie vor neue Herausforderungen, da kommt es in der Findungsphase schon mal zu Stress. „Am Anfang herrschte Tohuwabohu, jetzt haben wir die neuen Abläufe verinnerlicht, es funktioniert super“, findet Johansen. Weil Gegenstände zur allgemeinen Verwendung wie Salzstreuer und Pfeffermühlen nicht mehr auf dem Tisch stehen dürfen, durchsuchten sie das ganze Hotel nach anderen Behältern, jetzt werden die Minerale und Gewürze in Saftgläsern gereicht. Ein weiteres Problem: Löffel. In jeder Bestecktasche muss einer sein, das erfordert mehr als an einem Büfett ausgelegt würden. Beim Abräumen werden die Löffel deshalb gleich aussortiert und als Erstes gewaschen. Durch Corona gibt es nun quasi eine Priority Class bei Besteck.

Jeder Gast hat 50 Minuten Zeit für sein Frühstück

„Ich vermisse die große Auswahl beim Müsli“, sagt ein Vater zu seiner Tochter; diese entgegnet: „Ist doch viel besser, wenn hier nicht schon 100 Leute vor mir an der Salami waren.“ Das typische Gewusel und Gedränge am Büfett vermisst niemand. Die Mitarbeiter haben mehr Kontakt zu den Gästen und empfinden sich nicht mehr nur als „Tellertaxi“. Trotz des Mehraufwands würden sie das À-la-carte-Frühstück auch nach der Virus-Gefahr am liebsten so belassen. „Wir können besser planen und werfen weniger weg“, sagt Johannsen.

Mehr Ruhe, weniger Zeit und Flexibilität – so könnte man die Konsequenzen der Hygienebestimmungen für die Reisenden zusammenfassen. Wegen der vorgeschriebenen Abstände stehen ihnen weniger Tische zur Verfügung. Am Vorabend müssen sie sich bis 20 Uhr für eine Zeit entschieden haben; die Timeslots um 9 und 9.30 Uhr sind am schnellsten ausgebucht. „Bis 11 Uhr bin ich ja verhungert“, sagt eine Frau, die ohne Reservierung vorbeikommt, doch auch für sie gibt es eine Lösung: Frühstückstüten. Das „Breakfast to go“ kann man mit auf sein Zimmer oder an den Strand nehmen. In der Tüte befinden sich u. a. abgepackte Marmelade, Nutella, Margarine, Joghurt. Alles, was man braucht, jedoch ziemlich viel Plastikmüll. Immerhin das Einweggeschirr ist nachhaltig, und die „Mitnehmer“ müssen beim Frühstück nicht auf die Uhr gucken.

Im Restaurant ist die Zeit nämlich auf 50 Minuten begrenzt, danach werden Tisch und Stühle für den nächsten Gast gesäubert. Desinfektionsmittel auf den Rivièra-Maison-Sesseln? Manche Möbelstücke wurden nicht für Corona geschaffen. „Ich fürchte, sie verfärben sich bald“, sagt ein Kollege.

Strenge Richtlinien fallen im Beach Motel besonders auf

Die Mitarbeiter am Empfang müssen zwar nicht mehr laufen, dafür aber deutlich mehr reden. Jedem Anreisenden erklären sie die neuen Bestimmungen. Warum Tische vorab reserviert werden sollten, dass der Zimmerservice nur noch alle drei Tage kommt, weshalb die Flamingobar geschlossen bleibt (Alkoholkonsum führt gerne mal zu Nähe), und in welchen Bereichen der Mund-Nasen-Schutz zu tragen ist und in welchen nicht. „Hier in der Lobby nicht?“ fragt ein Mann, der sein Rollkoffer wie einen Abstandshalter vor sich herschiebt. „Erstaunlich.“

Jacky Galow sitzt hinter einer Plexiglasscheibe an der Rezeption und fühlt sich dadurch zwar geschützt, aber entfernt. „Das Ding baut eine Distanz zum Gast auf“, sagt die 28-Jährige. In einem Haus wie dem Beach Motel, in dem sich jeder duzt und das Lockere zum Image gehört, fallen strenge Richtlinien irgendwie besonders auf. Galow versucht den Abstand durch noch mehr Freundlichkeit wettzumachen: „Ihren Koffer darf ich zwar nicht mehr anfassen, aber ich begleite Sie sehr gerne zu unserem Aufbewahrungsraum.“ Miteinander gehen. Funktioniert auch ohne Berührung.

Neben Galows Tastatur steht Desinfektionsmittel, nach jedem Kundenkontakt desinfiziert sie sich die Hände. Heute fertigt sie 100 Abreisen und 100 Anreisen ab, das sind potenziell 200 verdeckte Covid-19-Überträger. Angst vor einer Infektion hat die junge Dame am Empfang nicht, doch der Mitarbeiterschutz steht derzeit über allem. „Würden Sie uns das ausfüllen, bitte?“ fragt Galow bei jedem Check-in. Gemeint ist ein Formular, in dem der Gast bestätigt, keine Symptome aufzuweisen oder Kontakt zu einer mit SARS-CoV2 infizierten Person gehabt zu haben.

Der Papierkram hat zugenommen. Jacky Galow deutet auf ein Klemmbrett, in dem sie stündlich unterschreibt, die Oberflächen und ihre Tastatur desinfiziert zu haben. Eine Vorgabe seitens der Heimat Hafen Hotels. „Fast unmöglich, sich stets daran zu erinnern, aber es dient unserer eigenen Gesundheit“, sagt Galow, die ursprünglich aus dem Harz kommt, aber das Meer so liebt, dass sie möglichst nah dran arbeiten wollte. In diesem Sommer weiß sie, wird alles anders als sonst. Die Gäste kommen nach wie vor, doch der Feierabend wird ein anderer sein. Gemeinsam ein Bier trinken mit mehreren Kollegen? Strandpartys? Wahrscheinlich unmöglich. Die Unbeschwertheit macht 2020 ein Sabbatical.

Leichte Verunsicherung der Touristen

Eine leichte Verunsicherung der Touristen zeigt sich im E-Mail-Eingang des Hotels. „Wir bekommen viel mehr Mails als vorher“, erklärt Galow. Die Fragen reichen vom Strandzugang („Muss ich vorab ein Ticket kaufen wie in Scharbeutz?“ bis zum Wellnessbereich („Kann ich Massagen buchen?) Außerdem bittet der Empfang jeden Gast, seine Ankunftszeit anzugeben, damit es nicht zur Schlangenbildung beim Check-in kommt. Dort schiebt die Rezeptionistin dann eine Mappe mit allen Unterlagen über den Tresen, weil sie die Schlüsselkarte, die Parktickets und die Infobroschüren nicht mehr per Hand überreichen darf.

Die häufigsten Fragen in einer Lobby lauteten vor Corona: 1. Wo ist das Klo? 2. Wie lautet das WLAN-Passwort? Jetzt geht es meistens um irgendetwas mit Corona. „Ich freue mich richtig, wenn ich mal wieder den Weg zur Toilette erklären darf, das kommt mir wie ein Stück Normalität vor“, sagt Jacky Galow und lacht.

Sei doch alles perfekt organisiert, findet Jörg Kleber. Der Hamburger findet die Planung, die ihm als Gast nun abverlangt wird, keineswegs störend, auch den eingeschränkten Aufräumservice hält er für sinnvoll: „Ein Plus für die Umwelt: So sinkt der Verbrauch von Reinigungsmitteln, und weniger Handtücher landen noch fast sauber in der Wäsche.“ Kleber sei allerdings jemand, der gerne lange beim Frühstück sitzt: „Diese Einschränkung nehme ich gerne in Kauf dafür, dass ich überhaupt hier sein darf.“

Ferien 2020 schienen ja zeitweise undenkbar. Bei den Gesprächen unter den Gästen geht es häufig um Plan A. Eigentlich wäre man gerade in Rom, auf Bali, bei Freunden in Frankreich. Jetzt Ostsee. „Wir wären eigentlich jetzt auf Korfu“, sagt Karin Nadolny, soeben mit ihrem Partner aus Düsseldorf angereist. Hier sei es genauso schön. Vielleicht könne man nicht das gleiche Urlaubsgefühl erwarten wie vor der Pandemie: „Doch wir lassen es uns gut gehen, mit oder ohne Corona.“ Ein Risiko sieht das Paar in der Reise nicht: „Wenn man aus Düsseldorf kommt mit einem Hotspot um die Ecke, hat man keine Angst mehr.“

Nicht mehr als sechs Leute gleichzeitig im Pool, bitte!

Alexandra Rojas lächelt. Gut gelaunte Gäste begrüßt die Hoteldirektorin gerne. Schade, dass sie dem Paar nicht wie üblich mit einem Eistee-Welcome-Drink beglücken darf. Die Getränke mussten den Spendern mit Infektionsmitteln im Eingang weichen. „Das aber bitte nicht trinken“, sagt Rojas. Mit jedem Scherz kehrt ein wenig Ferien-Feeling zurück.

Wie sehr Corona das Reiseverhalten der Deutschen verändert hat, merkt die Hoteldirektorin an den Buchungszahlen. Vor allem auf die Appartements im Beach Motel gibt es einen regelrechten Run. Doch die Einbußen im März und April waren enorm. „Die Verluste können wir nicht mehr einholen, wir haben einen Kredit für das Haus aufgenommen,“ sagt Alexandra Rojas. Sie wusste ja lange nicht, wann und unter welchen Konditionen das Haus wieder öffnen darf.

Rojas glaubt, selbst unter den strengen neuen Richtlinien sei es möglich, wirtschaftlich zu arbeiten. Ein Teil der Belegschaft befindet sich noch in Kurzarbeit, denn Massagen und Kosmetikanwendungen wurden gerade erst wieder zugelassen. Sogar der Pool darf benutzt werden, allerdings nur von bis zu sechs Personen gleichzeitig. „Bei schlechtem Wetter gibt es Diskussionen, weil alle gleichzeitig schwimmen wollen“, sagt Ricky Wünscher. Der Stellvertretende Spa-Leiter appelliert in solchen Situationen an die Eigenverantwortung der Gäste. Er kann niemanden dafür abstellen, im Schwimmbad die Badezeiten gerecht zu verteilen. Dieser Sommer verlangt ein bisschen Mitarbeit und Verständnis von allen. Und Ehrlichkeit. Sollte jemand in Wünschers Augen kränklich erscheinen, wird er ihn nicht behandeln: „Wir haben hier als einzige Hotelmitarbeiter direkten Kontakt zu den Gästen.“

Wünscher massiert seit 19 Jahren, er merkt, wenn etwas nicht stimmt und spürt jetzt unter seinen Händen, wie sehr die Arbeit im Homeoffice vielen Leuten zusetzt. Verspannte Nacken ohne Ende, weil ein ergonomischer Arbeitsplatz fehlt, und die Arbeit am Notebook die Halswirbelsäule überstreckt. „Jeder Laptop ist der Tod des Nackens“, findet Wünscher, dessen Auftragsbuch gut gefüllt ist. Das Bedürfnis nach Berührung übersteigt die Furcht vor Nähe.

Behandlungen dauern maximal 40 Minuten

Alle Behandlungen dauern maximal 40 Minuten, denn mit Maske zu massieren – der Gast muss keine tragen, sobald er mit dem Kopf nach unten liegt – strengt an. Wünscher kennt von seiner vorherigen Anstellung auf Kreuzfahrtschiffen Arbeitstage von bis zu zwölf Stunden. Hat dem 35-Jährigen nie etwas ausgemacht, doch nun ist er nach sechs Stunden erschöpft. „Hätte ich nicht gedacht“, sagt Wünscher, der nach jeder Behandlung die Belüftung auf Hochtouren für 20 Minuten anstellt. Erst danach darf der Nächste seine Homeoffice-Folgen kurieren lassen. Andreas aus Niedersachsen beispielsweise. Ihn nerven die vielen seiner Ansicht nach verwirrenden Regularien und hat eine Massage namens „Freestyle“ gebucht. Klingt wie Disco. Aber vielleicht hört man auch gerne aus Sehnsucht das, was gerade verboten ist. Oder sieht es.

Micky Mäuse beispielsweise. Sie hängen an den Ohren von Nadine Mindt, die gerne mal ins Disneyland reisen würde. Aktuell unmöglich. Mindt kümmert sich im Beach Motel um die Sauberkeit der Zimmer, sie betritt den Raum erst, wenn der Gast draußen ist. „Wir dürfen nicht miteinander in Kontakt treten, ein bisschen schade“, sagt die Checkerin, die nur mit Handschuhen und Mundschutz arbeitet.

Lesen Sie auch:

Es fällt auf, dass die Kleinigkeiten in den Zimmern fehlen. Keine Stifte, keine Blöcke, keine Broschüren. Denn alles, was der Gast anfassen könnte, müsste anschließend desinfiziert werden. Sogar die Cola-Flaschen in der Minibar werden einzeln abgewischt. „Fast so steril hier wie im Krankenhaus“, sagt Mindt, die in ihrer Bauchtasche neben Handy und Gardinenhaken neuerdings Einwegmasken und Sterillium bei sich trägt. Die Corona-Schutzausrüstung. Plus – unsichtbar – Gelassenheit. Auf Nadine Mindts Unterarm prangt ein Tattoo: Bambi. Wie heißt es in dem Disney-Klassiker passend zur Krise noch gleich? „Jeder fällt mal hin. Aufstehen ist das, was du lernen musst, um voranzukommen.“

Coronavirus: Verhaltensregeln und Empfehlungen der Gesundheitsbehörde

  • Reduzieren Sie Kontakte auf ein notwendiges Minimum und halten Sie Abstand von mindestens 1,50 Metern zu anderen Personen
  • Achten Sie auf eine korrekte Hust- und Niesetikette (ins Taschentuch oder in die Armbeuge)
  • Waschen Sie sich regelmäßig die Hände gründlich mit Wasser und Seife
  • Vermeiden Sie das Berühren von Augen, Nase und Mund
  • Wenn Sie persönlichen Kontakt zu einer Person hatten, bei der das Coronavirus im Labor nachgewiesen wurde, sollten Sie sich unverzüglich und unabhängig von Symptomen an ihr zuständiges Gesundheitsamt wenden