Urlaubsserie

Die Schlei – noch viel schöner als im Fernsehen

Kappeln mit seinem legendären Heringszaun in der Schlei ist ein unterschätztes Urlaubsziel.

Kappeln mit seinem legendären Heringszaun in der Schlei ist ein unterschätztes Urlaubsziel.

Foto: dpa Picture-Alliance / Sabine Lubenow / picture alliance / DUMONT Bildar

Die schönsten Urlaubsorte an Nord- und Ostsee – Teil 17. Ein Geheimtipp, an dem auch der „Landarzt“ nichts geändert hat.

Kappeln. Eigentlich möchten wir diesen Text nicht schreiben. Denn warum sollten wir freiwillig auf eine wunderschöne und bisher weitgehend unterschätzte Urlaubsregion aufmerksam machen, die in den vergangenen Jahren nicht das erste Ziel von Touristen war? In der es keine Kurtaxe und kaum Strandkörbe, dafür aber weitläufige, idyllische Strände, liebenswerte Orte und unberührte Natur gibt? Und die sich im Schatten von Sylt, St. Peter-Ording, Timmendorfer Strand, also den ganzen angesagten und völlig überlaufenen Zielen, ihren originären Charme erhalten hat?

Wenn uns Leute fragen, wo wir am allerliebsten Urlaub machen, sagen wir meistens: in der Nähe von Kappeln. Dann kommen schon keine Nachfragen mehr, wahrscheinlich, weil alle anderen Kappeln ausschließlich mit dem „Landarzt“ verbinden und für ziemlich spießig halten. Manchmal will einer wissen, ob das nicht diese Stadt an der Schlei sei, dann sind wir vorsichtig. Denn wenn Freunde und Bekannte das Wort „Schlei“ hören, werden sie aufmerksam. Einer, der sich mit Tourismus auskennt, hat neulich gesagt, dass „die Schlei-Region das neue Sylt“ werden könnte. Wir hoffen sehr, dass er unrecht hat.

Beim Erholungswert hat die Schlei das höchste Potenzial

Nun wäre es aktuell wirklich vermessen, die Region rund um die Schlei sowie den Landstrich zwischen Arnis, Kappeln und Gelting, unseretwegen auch bis hoch nach Glücksburg, mit Sylt zu vergleichen. Allein schon, weil es hier kaum Hotels und Restaurants gibt, die gehobenen touristischen Ansprüchen gerecht werden. Doch was die Landschaft, was Reetdach-Architektur und Erholungswert angeht, hat die Gegend das mit Abstand höchste Potenzial von allen Regionen, von denen in diesem Heft die Rede ist.

Das beginnt mit der „Hauptstadt“ selbst, also mit Kappeln, die direkt an der Schlei liegt und mit ihrem Panorama jedes Mal und sofort Urlaubs- und Heimatgefühle in uns auslöst, wenn wir mit den Familien über die spektakuläre Hebebrücke fahren. Die wird übrigens einmal pro Stunde geöffnet, damit die Schiffe in Richtung Schleswig beziehungsweise Schleimünde, dort geht es raus auf die Ostsee, passieren können.

Kappeln ist sowieso ein guter Ausgangspunkt für Schiffstouren, man kann hier prima einkaufen (einer unserer Favoriten: die Buchhandlung Gosch) und zunehmend auch anständig essen gehen. Und in der unmittelbaren Gegend gibt es so viel zu entdecken, dass dieser Text dafür nicht einmal reichen würde, wenn er doppelt so lang wäre. Zu den Höhepunkten zählt die kleine Hafenstadt Maasholm, nicht nur, weil es im legendären Imbiss der Familie Petersen (die waren auch schon in der TV-Sendung „Kitchen impossible“ mit Tim Mälzer zu sehen) die besten Currywürste und Fischbrötchen Norddeutschlands gibt.

Drei Tipps:

  • 1. Ein Bummel durch Kappelnbietet viel mehr als nur die Landarzt-Kneipe: die bezaubernde Kirche auf der Anhöhe; niedliche Gassen hier und dort; die wunderbare Buchhandlung Gosch; den kleinen Laden Hathi. Hier gibt es ausgefallene Klamotten, schöne Buddhas, aber auch Lampen und Edelsteine. Am schönsten ist es aber natürlich am Wasser.
  • 2. Der Leuchtturm Falshöft wurde 1910 gebaut und hat bis 2002 den Schiffen auf der Ostsee den Weg gewiesen. Danach kaufte das Amt Gelting den unter Denkmalschutz stehenden Turm. Dort werden Hochzeiten abgehalten, der Turm kann besichtigt werden.
  • 3. Essen lässt sich richtig urig in der Möwe Jonathan im Pommerby. Hier gibt es Schwäbische Küche. Vegetarier kommen auf ihre Kosten. Nur Vorsicht, die Portionen sind sehr groß! (www.moewe-jonathan.com). Wer lieber gehobenere Küche mag, sollte nach Flensburg in die Hafenküche fahren. Jeden Tag gibt es andere Gerichte. Dafür ist die normale Karte recht klein gehalten. Das Essen ist absolute Spitzenklasse, der Service auch. (www.hafenkueche-flensburg.de)

Per Boot nach Schleimünde ins Naturschutzgebiet

Die schmalen Gassen Maasholms sind entzückend, im Sommer kann man in umgebauten Schiffsrümpfen an der Schlei sitzen oder sich mit dem Boot nach Schleimünde bringen lassen – mitten in ein Naturschutzgebiet direkt an der Ostsee. Ist man erst einmal da, kann man auch sehen, wie und wo der Tourismus hier oben langsam stärker wird: Gegenüber von Schleimünde liegt der ehemalige Marinestützpunkt Olpenitz, der zu einer Ferienhaussiedlung ausgebaut wird, mit teils spektakulären, teils gewöhnungsbedürftigen Gebäuden. Das Interesse ist groß, obwohl die Käufer die Ferienwohnungen überwiegend vermieten müssen – und gern mal einen siebenstelligen Betrag dafür bezahlen.

Wer von Schleimünde (unbedingt eine Kleinigkeit in der dortigen Giftbude essen!) den Strand an der Ostsee entlanggehen würde, könnte das kilometer- und stundenlang tun. Irgendwann kommt er dann an den Strand von Kronsgaard, von dem man an guten Tagen deutlich das gegenüberliegende Dänemark erkennen kann. Der Strand ist nicht nur lang, sondern auch breit, selbst im Hochsommer findet man hier locker ein Plätzchen, Hunde- und FKK-Bereiche gibt es auch.

Noch weiter Richtung Geltinger Bucht liegt der berühmte Leuchtturm von Falshöft, in dem nicht wenige Hamburger in den vergangenen Jahren geheiratet haben, Foto mit Blick über die Ostsee inklusive. Unweit davon hat vor nicht langer Zeit das Reetdorf in Nieby seinen Betrieb aufgenommen, eine aus mehr als 40 Reethäusern bestehende Ferienanlage auf Fünfsterne­niveau direkt an einem Naturschutzgebiet mit Blick auf die Ostsee. Die Besucher dort können zu Fuß oder mit Rad in wenigen Minuten eines der ungewöhnlichsten Restaurants erreichen, das man entlang der gesamten Ostseeküste finden kann.

Denn was gibt es in der Möwe Jonathan in Pommerby? Auf jeden Fall keine Pommes, so gut wie keinen Fisch – sondern, Achtung, schwäbische Küche! Seit Jahrzehnten ist die „Möwe“ dafür bekannt, seit mindestens zwei Jahren auch dafür, dass man auf jeden Fall frühzeitig reservieren muss. Wer das Glück hatte, sollte bei der Bestellung von Spätzle und Co. aufpassen, ob er eine normale oder eine große Portion will – die großen Portionen sind nämlich in Wahrheit riesig, übrigens ganz anders als die Preise … Noch ein Tipp: Probieren Sie den Grießbrei!

So kommen Sie nach Kappeln:

  • Mit dem Wagen: Die Fahrt führt auf der A 7 von Hamburg Richtung Kiel. Am Kreuz Bordesholm können Sie wählen: über die A 215 weiter nach Kiel, dann über B 76 und B 203 oder Sie bleiben auf der A 7 , von der man verschie­dene Abfahrten in Richtung Schlei nehmen kann. Die Fahrt (rund 150 km) dauert etwa zwei Stunden.
  • Mit der Bahn: Vom Hamburger Hauptbahnhof nach Kiel, weiter mit mit der Bahn nach Süderbrarup und mit dem Bus nach Kappeln.
  • Informationen: Touristinfo Kappeln in der Mühle Amanda, Schleswiger Straße 1, ostseefjordschlei.de

Das Fährhaus Missunde ist ein Treffpunkt von Hamburgern

Während die Gegend rund um die Geltinger Bucht sehr weitläufig ist, ist die Region entlang der Schlei verschnörkelter, geprägt von vielen pittoresken Orten wie Arnis oder Rieseby. Vor dem Fährhaus Missunde, einem der Treffpunkte von Hamburgern in der Region, kann man mit dem eigenen Boot anlegen und dann – diesmal landestypisch – essen gehen. Das Fährhaus bietet auch wenige, sehr stylish eingerichtete Zimmer, die allerdings nicht ganz billig sind.

Und so könnte es jetzt ewig weitergehen: Mit der Märchenerzählerin Anke-Marie Martensen etwa, die im Sommer jeden Montag in ihrem verwunschenen Garten in Pommerby Kinder (und deren Eltern) mit Geschichten unterhält. Mit Hans-Peter Scholz, dem Kneipenwirt-Original von Kappeln. Mit Monika Kemna-Horns, die mit ihrem Mann Uwe in ihrem Laden Hathi Buddhas verkauft und oben drüber auch denen einen oder anderen Gast massiert. Mit den riesigen Gorillas vor einem der größten Reetdächer, die es überhaupt in Norddeutschland gibt. Mit der Tolk-Schau, einem wie aus der Zeit gefallen wirkenden Vergnügungspark in der Nähe von Schleswig …

Aber, wie gesagt: Eigentlich wollen wir gar nicht, dass noch mehr Leute davon erfahren.

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