Urlaubsserie

Scharbeutz: Einst verschlafen – jetzt angesagt

Feiner, weißer Sand soweit der Blick reicht – die Ostsee und der Strand in Scharbeutz.

Feiner, weißer Sand soweit der Blick reicht – die Ostsee und der Strand in Scharbeutz.

Foto: picture alliance

Die schönsten Urlaubsorte an Nord- und Ostsee. Teil 16 der Serie. Die Alternative zu Timmendorfer Strand hat sich herausgeputzt.

Scharbeutz. Negativ ausgedrückt könnte man formulieren, Scharbeutz sei ein kleiner Streber. So viel richtig gemacht in der letzten Zeit und immer den Finger gehoben, als es darum ging, Zusatzprojekte zu stemmen. Positiv gesprochen: Wohl kein anderer Ort an der Ostsee hat eine so wunder­bare Verwandlung hingelegt von „total verschlafen“ bis zu „echt angesagt“.

Den superfeinen Strand hatte Scharbeutz schon immer, aber nun gibt es dazu „Salsa on the Beach“, wo plötzlich normale Strandmenschen auf Südamerikaner machen, eine Station für Stehpaddler direkt an der Seebrücke, eine Promenade mit unverbautem Blick aufs Meer, Liveklaviermusik, einen Optiker, der Brillen aus maritimem Plastikmüll herstellt, eine Frau als Bürgermeisterin – sie wurde bundesweit bekannt, als sie Pfingstmontag den überfüllten Strand für Tagesgäste sperren ließ –, Plätze, an denen sich Cocktails wohlfühlen. Die Lounge des Grande Beach Cafés (früher Café Wichtig) etwa oder die Roof Bar des Bayside-Hotels.

Scharbeutz war für den Hamburger „ein Kulturschock“

Ein Aperól Spritz kann überall zu Hause sein, aber in der richtigen Umgebung schmeckt er einfach besser. Jemals einen Schirmchen-Drink in beispielsweise einem überfüllten EC Richtung Bottrop getrunken? Sehen Sie. Besser mit dem Auto in nur einer Stunde nach Scharbeutz fahren und dort Geschmack erleben und beweisen. Oder sich fortbilden.

Nirgends kann man so gut liegen lernen wie beispielsweise in den schicken schwarzen Strandkörben mit Picknickkorb-Service am Grande Beach oder auf den Daybeds vor dem Restaurant Hamptons. Wenn man sich an einem sonnigen Tag hier mit einer Veggie-de-luxe-Roll und einer Flasche Weißwein zurückzieht, besteht die Gefahr, dass man nie wieder aufstehen oder auf die Malediven reisen will (falls man das überhaupt je wollte).

„Man könnte schon fast von einem Hype sprechen“, sagt Meiko Lange. „Die Leute kommen zu uns, selbst wenn sie hier in den Sommerferien kaum mehr einen Platz für ihr Strandtuch finden.“ Der Hamburger Gastronom zog vor 16 Jahren aus der Schanze nach Scharbeutz, das sei zunächst „ein Kulturschock“ gewesen, doch inzwischen gehe hier so viel in die richtige Richtung. Lange baut gerade eine alte Fischkate groß aus; im Juni hat er die „Fischköppe“ wiedereröffnet. So hervorragend schmecken Omega-3-Fettsäuren nicht überall.

Drei Tipps:

  • Ferienresort, Hofküche und Weinbar Gronenberger Mühle: Schöne Unterkünfte und toller Brunch. Im Hinterland an einem Wald, Gronenberger Mühle 2. www.gronenberger-muehle.de
  • Strandcrêperie: 50 verschiedene Crêpe-Variationen von süß bis herzhaft zubereitet von einem echten Scharbeutzer. Direkt am Kurpark. www.strandcreperie-scharbeutz.de
  • Fischköppe: Fischbrötchen der Extraklasse mit selbst geräuchertem Fisch. Seit Anfang Juni wieder geöffnet, betreibt ein Hamburger. Strandallee 99a.

Lange räuchert den Fisch über Buchenholz in alten Öfen, er bietet 15 verschiedene Brötchensorten an (logisch, auch Dinkel), und die Fischbrötchen bleiben dabei bezahlbar. Ganz hilfreich, wenn man ständig hungrige Kinder dabeihat. Für den Nachwuchs auch super: der neue Skaterpark am Meer, die Ostseetherme (jetzt auch mit hübschem Spa), die Strandsafaris mit Kescher ab Haffkrug und die Eisbahn im Winter. Wer fast vergessene Hits von früher hören will, der ist hier definitiv richtig. Während Töchter und Söhne Pirouetten­ drehen, behauptet ein Typ aus den Boxen: „I am a Scatman.“ Ski-bi dibby dib yo da dub dub. Sofort gute Laune. Die Ostsee gibt sich sehr nachhaltig. „Hier hört man alles zweimal“, sagt Meiko Lange und lacht.

Eine Idylle, die vielleicht nicht mal alle Einheimischen kennen

Scharbeutz bedeutet übrigens nicht nur Strand. Zehn Fahrradminuten vom Wasser entfernt befindet sich eine Idylle, die man am liebsten gar nicht verraten will. Wahrscheinlich waren noch nicht einmal alle Einheimischen dort, so versteckt liegt sie, die Gronenberger Mühle aus dem 17. Jahrhundert. Für drei Millionen Euro ließ Birte Friedländer die denkmalgeschützte Immobilie im skandinavischen Stil renovieren. „Ich wusste beim Kauf nicht, was mich erwartet, ein Bach ging unter dem Gebäude hindurch und hatte die ganze Substanz weggeschwemmt“, erzählt Birte Friedländer, die derlei Herausforderungen jedoch mit norddeutscher Gelassenheit wuppte. Sie und ihr Mann Jens sind sehr bauerfahren und kennen sich aus mit den Wünschen von Touristen.

So kommen Sie nach Scharbeutz:

  • Mit dem Wagen: Über die Autobahn 1 dauert die rund 90 Kilometer lange Fahrt von Hamburg nach Scharbeutz gut eine Stunde. Alternativ geht es auf der A 7 bis zur Abfahrt Bad Bramstedt, dann weiter auf der B 206 und der B 432. Die Fahrt dauert etwas länger.
  • Mit der Bahn braucht man vom Hamburger Hauptbahnhof aus rund 1 Stunde 20 Minuten. Fahrgäste müssen in Lübeck umsteigen.
  • Informationen: Die Touristinfo in Scharbeutz finden Sie an der Strandallee 134. Telefon: 04503/77 94-100. Im Netz: www.luebecker-bucht-ostsee.de

Jetzt plätschert der kostspielige Bach lauschig vor sich hin. Eine 100 Jahre alte Blutbuche thront stolz auf dem drei Hektar großen Gelände, das inzwischen als offizieller Heiratsort anerkannt wurde. Rund um den Mühlteich stehen 21 kleine Designhäuschen für bis zu vier Personen, bis zum Sommer sollen zehn weitere Unterkünfte hinzukommen.

Außerdem plant Birte Friedländer eine Sauna und Seminarräume. „Dieses Projekt wird wahrscheinlich nie zu Ende sein“, sagt die Frau, deren künstlerische Handschrift man im Gastraum der Mühle überall findet. Da hängen Lampen aus Einmach­gläsern und Holzfässern über dem Tresen, vergoldete Kuhbilder im Treppenhaus, und in der Weinbar im Feldsteingewölbe lagern mehr als 300 Weine. Hier fanden vor Corona regelmäßig Weinseminare statt – und das wohl auch künftig wieder. In der Hofküche kann man hoffentlich bald wieder an Abenden essen oder an spannenden Koch-Events teilnehmen. Und sonntags in Nach-Corona-Zeiten ein leckeres Frühstück genießen. „Es handelt sich wirklich um ein magisches Grundstück, selbst wenn alle Ferienhäuser belegt sind, wird es hier nie laut“, sagt Birte Friedländer. Die Gastgeberin hat recht. Selten eine solche Ruhe gehört.

Ausfallen muss bedauerlicherweise das geplante Straßenkünstlerfestival, bei dem internationale Artisten, Jongleure, Seiltänzer, Akrobaten, Feuerartisten, Clowns und Tänzer gegeneinander auf der Promenade antreten sollten. Doch wenn die Corona-Krise mal ganz vorbei ist, soll sich der Fokus wieder auf Familien und junge Leute richten.

Worum sie die Timmendorfer beneiden

Das sagt auch Uwe Wenig – ihm gehört seit einer gefühlten Ewigkeit die Strandcrêperie neben dem Kurpark. An der Wand hängt ein Schild: „No Shirt. No Shoes. No Problem.“ Neuerdings bietet der Gas­tronom auch vegane Crêpes ohne Ei und mit Hafermilch an, seine Tochter brachte ihn auf die Idee. Die Familie Wenig hatte bereits 50 unterschiedliche Variationen von süß bis herzhaft im Programm, doch auch eine alteingesessene Institution muss ja mit der Zeit gehen.

Ein Kollege vom Grande Beach kommt in dem kleinen Crêpeladen vorbei. Er hat eigentlich noch gar nichts gesagt, da fragt Uwe Wenig: „Brauchst du Bananen?“ und reicht die gelben Früchte rüber. Man hilft sich. „Darum beneiden uns die Timmendorfer“, sagt Gastronom Wenig. „Wir sind sehr familiär hier. Wir Konkurrenten hätten uns ja auch fragen können, ob es für alle reichen wird?“ Taten sie aber nicht – oder, wenn doch, nur heimlich.

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