Urlaubsserie

Ferien mit Retro-Charme auf der Hochseeinsel Helgoland

Die bunten „Hummerbuden“ am Hafen sind das Wahrzeichen der Insel.

Die bunten „Hummerbuden“ am Hafen sind das Wahrzeichen der Insel.

Foto: Imago

Die schönsten Urlaubsorte an Nord- und Ostsee. Teil 10 der Serie: Die Insel lebt auch von der Architektur der 50er-Jahre.

Helgoland. Urlaub, wie er früher einmal war – wer das sucht, der ist auf Helgoland richtig. Denn viele Entwicklungen, die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten Seebäder an Nord- und Ostsee verändert haben, fanden auf Deutschlands einziger Hochseeinsel so nicht statt. Schicke Restaurants? Eher nicht. Mondäne Boutiquen, Beach-Bars, Events am Strand? Eher auch nicht. Stattdessen: die wunderbare Ruhe auf der „Düne“, jenem vorgelagerten Eiland, das so etwas wie die Badeinsel Helgolands ist. Nur mit einem kleinen, schaukelnden Boot lässt sie sich erreichen, Tagestouristen hält das weitgehend fern.

Der Blick schweift über den herrlichen breiten Strand mit dem feinen, weißen Sand, schweift über die Weite der Nordsee. Robben tauchen wie selbstverständlich zwischen den Badenden. Wer sucht, findet im Sand tolle Muscheln, besondere, rote Steine („Helgoländer Feuersteine“) und im Dünenrestaurant eine Portion Pommes frites oder auch ein Fischgericht. Manchmal surrt ein Propellerflugzeug heran, im Landeanflug auf den kleinen Dünen-Flugplatz. Auch das stört die Ruhe nicht, die Robben auch nicht, war vermutlich schon immer so.

Wer nach Helgoland fährt, begibt sich auf eine Zeitreise. Das merkt jeder, der die kleine Schiffspassage hinter sich gebracht hat, schon am Hafen, der an die Kurpromenade grenzt. Eigentümlich schlicht und etwas bieder wirken die einheitlich gestalteten Hotelfassaden, auf denen Namen wie „Seeblick“ oder „Hanseat“ stehen. Fast schon antiquiert wirken Tafeln, die anzeigen, ob Zimmer „frei“ oder „belegt“ sind. Keine Frage: Verglichen mit aufstrebenden Urlaubsorten wie St. Peter-Ording ist Helgoland so etwas wie Deutschlands Freiluftmuseum für die Architektur der 1950er- und 1960er-Jahre – fast jedes Haus auf der Insel steht unter Denkmalschutz.

Helgoland als Übungsziel für die Bomberpiloten der Royal Air Force

„Jahrzehntelang war das ein absoluter Hemmschuh für die touristische Entwicklung“, sagt Detlev Rickmers, dem auf der Insel mehrere Hotels und Apartmenthäuser gehören. Doch inzwischen gebe es eine Trendwende, „die Architektur wird für uns ein Alleinstellungsmerkmal“. Erste Gäste kämen nicht trotz, sondern gerade wegen des besonderen Ortsbildes.

Ein frischer Nordseewind weht, und die Sonne scheint, als wir Max Mai­länder an der Kurpromenade treffen. Für Touristen bietet er Führungen zur Baugeschichte an. Aus seiner Tasche holt er einige Schwarz-Weiß-Fotos, die eine Mondlandschaft mit Kratern zeigen – es ist Helgoland nach dem „Big Bang“, wie er sagt. Damals, am 18. April 1947, sprengte die britische Armee das unterirdische Bunkersystem der Insel in die Luft. Es war die größte nicht nukleare Sprengung aller Zeiten. In den Jahren darauf war Helgoland Übungsziel für die Bomberpiloten der Royal Air Force. Erst 1952 ging es an den Wiederaufbau der komplett zerstörten Insel. Eine Kommission unter der Leitung von Otto Bartning plante die Neubebauung – er war Präsident des Bundes Deutscher Architekten und hatte 1918 mit Walter Gropius die Ideen des Bauhauses formuliert. „Genau diese Ideen lassen sich heute auf Helgoland besichtigen“, sagt Mailänder.

Er führt uns zur Bremer Straße, die ein Stück abseits der Touristenströme liegt. Die sogenannten Versuchshäuser stehen hier, betont funktional gestaltete, schlichte Rotklinkerhäuser mit asymmetrischen Giebeln. Der Hamburger Architekt Georg Wellhausen konzipierte sie für die ersten Helgoländer, die auf die Insel zurückkehrten. „Achten Sie auf die Dachschrägen“, sagt Mailänder. „Die haben genau 32 Grad.“ Der Sinn: In alle Zimmer der dahinterliegenden Häuser sollte die ausreichende Dosis Tageslicht fallen, der Philosophie des Bauhauses folgend.

Helgoländer hatten bei der Gestaltung ihrer Häuser wenig mitzureden

Die Helgoländer hatten bei der Gestaltung ihrer Häuser wenig mitzureden. Wir gehen weiter in die Friesenstraße, hier stehen die Versuchshäuser der zweiten Generation, deren Gestaltung – nach heftigen Protesten der Einwohner – schon etwas konventioneller ausfiel. Dem Zufall überlassen wurde aber auch hier nichts. Mailänder zeigt das Bild einer Farbpalette, hält es an eine taubenblaue Fassade und erklärt: „14 Farbtöne – das ist die Helgoländer Palette. In diesen Farben sind alle Häuserfassaden auf der Insel gestaltet.“ Eher zarte Töne nahm man für das Oberland, kräftige Töne für das Unterland. Ein Resultat sind die bunten „Hummerbuden“ im Hafen, heute Wahrzeichen der Insel.

Im Jahr 1993 wurde die gesamte Bebauung unter Denkmalschutz gestellt. Helgoland sei die „Blaue Mauritius der 50er-Jahre“, sagte der damalige Landeskonservator von Schleswig-Holstein, Johannes Habich. Auch wenn die Bewohner ein gespaltenes Verhältnis dazu hätten, wie Max Mailänder sagt. „Die Häuser sind zwar schön, doch viele stört, dass sie nichts verändern dürfen.“ Oft seien die Gebäude und die Zimmer auch zu klein, deshalb hätten manche die Häuser komplett entkernt.

Die Aura der Nachkriegsjahre erleben auch Übernachtungsgäste, zum Beispiel im Hotel Helgoländer Klassik oder in der Jugendherberge. Sie entstand in den späten 50er-Jahren, heute stehen Teile der Inneneinrichtung, wie etwa eine Wand mit hölzernen Spinden, unter Denkmalschutz. Und dann die Düne: Hier begann nach dem Krieg der Tourismus, zunächst mit Zelten. Den Campingplatz gibt es nach wie vor – zudem hölzerne, mehrere Jahrzehnte alte Bungalows, die sich hinter die Sanddünen kauern. Diese spartanischen Unterkünfte ohne Wasser- und Stromanschluss können gemietet werden, werden allerdings nach und nach abgerissen. Dafür ist seit 2006 ein neues „Bungalowdorf“ auf der Düne entstanden, dessen bunte Holzhäuser den heutigen Standards in puncto Größe und Ausstattung entsprechen.

Manchmal fällt die Fahrt zur Hochseeinsel aus

Damit die Tourismus-Bilanz für Helgoland stimmt, braucht es auch Tagestouristen. Zollfrei einkaufen - das geht auch 2020 noch. Doch der Strom der Tagestouristen konzentriert sich auf wenige Hauptstraßen, dem idyllischen Urlaubserlebnis tut es keinen Abbruch. Dass Helgoland weit mehr ist ein „Fuselfelsen“, dass es viel mehr zu entdecken gibt als Spirituosen und Zigarettenstangen, hat sich auch bei Kurzurlaubern längst herumgesprochen.

Ist allerdings die Nordsee öfters gar zu stürmisch, fällt die Fahrt zur Hochseeinsel aus. 2019 war das häufiger der Fall – und das machte sich bei den Gästezahlen bemerkbar. „Wir hatten neun Prozent weniger Gäste als im Jahrhundertsommer 2018“, sagt Tourismusdirektor Lars Johannson. Insgesamt kamen 355.783 Gäste. Von ihnen blieben 88.000 Gäste über Nacht – immerhin ist die Zahl der Übernachtungen mit 330.000 leicht gestiegen. Johannson sieht noch viel Potenzial. „Wir haben ganz viel vor“, sagt er, eine Reihe von Infrastrukturmaßnahmen sei geplant oder kurz vor dem Abschluss – unter Berücksichtigung des Denkmalschutzes.

Drei Tipps:

  • Helgoländer Knieper: Wer auf der Insel zu Gast ist, muss diese Spezialität probieren. Es handelt sich um die Scheren von Taschenkrebsen, die vor Helgoland gefangen werden. Einst dienten diese nur als Köder zum Fang der ebenfalls vor Helgoland heimischen Hummer. Irgendwann entdeckten die Insulaner, dass auch der Knieper sehr schmackhaft ist.
  • Nierentisch und Toast Hawaii: Das Hotel „Helgoländer Klassik“ zelebriert den Retro-Charme. Einen Besuch wert ist „Melittas Sixties Lounge“ im Erdgeschoss. Die Lounge ist mit Original-Möbeln der 60er-Jahre gestaltet, auch Speisen und Getränke erinnern an längst vergangene Zeiten.
  • Vögel beobachten: Helgoland ist ein einzigartiges Habitat für Seevögel, viele Touristen kommen nur deshalb auf die Insel. Ein Rundgang zu Trottellumme, Tordalk und Eissturmvogel ist ein Erlebnis für die ganze Familie.

Der Umzug der Touristeninformation hat sich – vor Corona – bereits als Erfolg entpuppt. Seit sie an zentraler Stelle am Lung Wai im Ron­deel des ehemaligen Hotels Atoll untergebracht ist, wird sie deutlich stärker frequentiert. Die zwei Wikkelhouses, die im vergangenen Jahr auf der Helgoländer Düne errichtet wurden, sind ebenfalls ein Renner. „Wir wollen gern weitere 13 bis 15 aufstellen“, sagt Johannson. Auch wenn die kleinen Häuschen kein Bad haben, sind sie ansonsten voll ausgestattet – mit einer kleinen Küchenzeile samt Geräten, Sitzgelegenheiten, Betten und Heizung. Die Sanitäranlagen müssen die Mieter auf dem Campingplatz nutzen.

Auch die 57 Bungalows am Südstrand, die noch mehr Komfort bieten, vermieten sich laut Johannson gut. Schöne, komfortable Hotels gibt es auf der Insel auch, neben dem Helgoländer Klassik zählt das Vier-Sterne-Haus Rickmers Insulaner dazu. Das Schwimmbad Mare Frisicum bekommt gerade eine Frischzellenkur. Nachdem das frühere Aquarium geschlossen wurde, soll das Bluehouse, das sich der Nordsee widmet, eine neue Attraktion werden. Das denkmalgeschützte Aquarium ist baufällig und soll bis 2022 an derselben Stelle wieder aufgebaut werden.

Anreise und Infos:

  • Der Halunder-Jet ist ein moderner Katamaran, der bis 1. November täglich um 9 Uhr an den Hamburger Landungsbrücken ablegt. Er fährt mit Zwischenstopp in Cuxhaven in vier Stunden nach Helgoland. Hin- und Rückfahrt kosten für einen Erwachsenen zwischen 76 und 119 Euro. Eine Familie mit zwei Kindern zahlt zwischen 184 und 289 Euro. Tickets und Infos: helgoline.de
  • Der Ostfriesische Flugdienst (OFD) steuert Helgoland aus der Luft an. Montags und freitags startet eine Maschine ab Heide/ Büsum. Erwachsene und Kinder ab 2 Jahren zahlen pro Flug 129 Euro. Mehr: fliegofd.de

Der neue Binnenhafen und die Promenade werden ebenfalls neu gestaltet – sie sollen 2021 fertiggestellt werden. Die Insel modernisiert sich nach und nach, wird ihr markantes Gesicht aber nie grundlegend verändern – dafür sorgt schon der Denkmalschutz. Manchem erschließt sich er Charme der 1950er-Jahre erst auf den zweiten Blick, aber zu entdecken gibt es vieles.

Spannend auch für Familien mit Kindern ist die Führung durch die unterirdischen Bunkeranlagen, die es noch immer im Inneren des roten Felsens gibt – der „Big Bang“ vernichtete nämlich nicht alles. Führungen sollten allerdings vier Wochen im Voraus gebucht werden. Das Inselmuseum erzählt andere spannende Geschichten über die Insel, die auch englische Kolonie, Schmugglernest, Sommerfrische für Adlige oder Seefestung war. Ein gutes Programm für Regentage. Und wenn die Sonne scheint, braucht eigentlich niemand mehr als die Strände der Düne.

„Nord? Ost? See!“ Das neue Abendblatt-Magazin zum Urlaub an Nord- und Ostsee gibt es in der Geschäftsstelle, unter www.abendblatt.de/magazine sowie unter Telefon 040/ 333 66 999. Preis: 9 Euro, Treuepreis: 7 Euro (zzgl. Versandkosten)