Urlaubsserie

Heiligenhafen: Das Sonnendeck der Ostsee

Malerisch schön – auch aus der Luft: Heiligenhafen.

Malerisch schön – auch aus der Luft: Heiligenhafen.

Foto: HVBKG

Die schönsten Urlaubsorte an Nord- und Ostsee – Serie, Teil 9. Vom verschlafenen Küstenort zum Hotspot auch im Winter.

Heiligenhafen. Man sollte sich nicht von Äußerlichkeiten abhalten lassen, denn sonst würde man richtig was verpassen. Was ist schon von einem Lokal zu erwarten, das in der „Industriestraße“ liegt – mitten im Gewerbegebiet, neben Supermarkt und Skandinavien-Läden, in denen sich Dänen und Schweden so gern mit Bier und Spirituosen eindecken?

Als Kenner peilt man die Industriestraße gezielt an, betritt die Fisch-Hütte, die weniger Hütte als Haus ist, und bestellt gebratene Scampi oder Dorsch mit Kartoffelsalat. Dann nimmt man im idyllischen Garten Platz, von dem von der Straße aus nichts zu ahnen ist. In der Fisch-Hütte hat sich im letzten Vierteljahrhundert wenig verändert, der Charme ist herb, der Fisch verlässlich köstlich.

An vielen anderen Ecken ist Heiligenhafen dagegen nicht wiederzuerkennen. Aus dem verschlafenen Seebad ist ein schicker Ostseeort geworden – mein Lieblingsort an der Küste, auch wenn andere deutlich schneller zu erreichen sind.

Ruhrpottslang und Männer mit Adiletten

Mein erster Kontakt Mitte der 1990er-Jahre mit dem „Sonnendeck der Ostsee“, wie es in der Tourismuswerbung heißt, war keine Liebe auf den ersten Blick. Bis dahin kannte ich nur das Mittelmeer – dort war es immer warm, und es gab keinen Seetang am Strand. Zugegeben, ein wenig fehlten mir an der Ostsee auch die Exotik einer fremden Sprache und die mediterrane Küche. Stattdessen gab es allerorten Ruhrpottslang und Männer mit Adiletten – lange bevor diese wieder salonfähig wurden.

Heiligenhafen und ich – das war ein wenig wie eine Zwangsheirat. Die Hamburger Familie, in die ich eingeheiratet habe, besaß dort ein Ferienhaus. Aber Liebe kann ja bekanntlich wachsen. Und sie geht durch den Magen. Ob in der Fisch-Hütte oder in einem der Restaurantklassiker am Hafen – Seestern und Käppen Plambeck: Von Anfang an liebte ich dort gebratene Scholle oder das Dorschfilet mit Bratkartoffeln, ganz ohne Schnickschnack.

Seit einigen Jahren sitzt man hier draußen auf Terrassen in Form eines Kutters. Erst hatte das eine Restaurant ein Schiff an Land, danach das andere. Wer an der See ist, kann eben nicht genug vom maritimen Umfeld bekommen. Sobald man die Restaurantkutter verlässt, pustet einem der Wind durch die Haare. Mütze und Jacke habe ich immer im Gepäck. Denn die Tage, an denen einem der Schweiß auf der Haut klebt, sind eben nicht so häufig wie am Mittelmeer.

Bummel zum Yachthafen ist ein Muss

Der erste Weg an einem Heiligenhafen-Wochenende führt mich üblicherweise auf den Wochenmarkt im Herzen der Stadt und danach auf die Terrasse der Altdeutschen Bierstube – weil man von dort einen so schönen Blick auf das Marktgewusel und das Rathaus von 1882 hat. Das nächste Muss ist ein Bummel runter zum Yachthafen. Das Kopfsteinpflaster und die Rotklinkergebäude an der Brückstraße waren schon immer sehenswert, doch am Hafen hat sich in den vergangenen Jahren vieles verändert.

Anreise und Infos

  • Mit dem Auto über die A 1 in Richtung Puttgarden bis Heiligenhafen (etwa 140 Kilometer). Weil es keine direkte Bahnanbindung mehr gibt, ist das Auto eine gute Wahl.
  • Ansonsten mit der Bahn bis Oldenburg (Holstein) und danach mit dem Anrufbus (tgl. 8 bis 19.30 Uhr) weiter nach Heiligenhafen (Infos zum Bus unter Tel. 04362/905 25).
  • Direkt am Hafen gibt es einen großen kostenlosen Parkplatz (Am Strande 8), der rund um die Uhr geöffnet ist.
  • Infos zum Urlaub bekommt man beim Tourismus-Service (Tel. 04362/90 72-0, heiligenhafen-touristik.de).

„Ende der 1990er-Jahre war Heiligenhafen relativ am Boden“, sagt Manfred Wohnrade, seit 17 Jahren Tourismuschef. Gäste kamen nur im Sommer, im Winter war wenig bis nichts los. Für junge Heiligenhafener gab es kaum Perspektiven, wenn sie einen Ganzjahresjob suchten. Viele Quartiere waren zudem bieder, es gab nur wenige Hotelbetten, und wer eine Ferienwohnung nicht mindestens eine Woche buchen wollte, hatte schlechte Karten.

Von 2009 an habe sich die Situation verändert, sagt Wohnrade – vom reinen Ostseebad mit Saisonbetrieb auf mehr ganzjährige Angebote. Die Stadt investierte viele Millionen – in neue Promenaden am Fischereihafen und am Yachthafen mit 1000 Liegeplätzen. Frischen Fisch vom Kutter kann man aber immer noch kaufen.

Crossover-Gerichte im Restaurant Tamatsu

Für mehr Attraktivität sorgte auch die neue Seebrücke auf der Halbinsel Steinwarder. In einer verglasten Lounge kann man heiraten, und auf dem integrierten Spielplatz beschäftigen sich Kinder, während die Eltern auf einer der Holzliegen entspannen. Gegen das StrandResort, das große neue Ferienhausdorf auf Steinwarder, gab es zwar Vorbehalte, doch es hat eindeutig Schwung gebracht. Die Ferienwohnungen haben Gärten oder Balkons, man flaniert zwischen den Häusern durch eine Fußgängerzone vorbei an vielen Geschäften und Cafés Richtung Seebrücke. Wer köstlich essen möchte, ist im Restaurant Tamatsu bestens aufgehoben. Es serviert Crossover-Gerichte – gehobene Küche mit entsprechenden Preisen zwar, aber man kann ja auch nur eine Poké Bowl bestellen, ein Curry oder einen Burger. Die Lage ist ebenfalls perfekt: Man sitzt direkt am Wasser – entweder draußen auf der Terrasse oder drinnen hinter Glas.

Drei Tipps:

  • Fisch-Hütte: Rustikaler Fischimbiss mit zauberhaftem Garten. Man bestellt am Tresen, wenn das Essen fertig ist, wird man gerufen. Auch Räucherfisch zum Mitnehmen ist zu empfehlen (Industriestraße 13 , fisch-huette.de).
  • Käppen Plambeck: Man sitzt in einem Boot mitten an Land – aber mit Blick auf den Hafen – und genießt leckere Fischgerichte, beispielsweise Pannfisch oder Scholle (Am Strande 1, kaeppen-plambeck.de).
  • Gut Görtz: Im Hofladen findet man Produkte aus eigener und regionaler Produktion und kann auch im gutseigenen Café und Restaurant einkehren (Görtz 1, Heringsdorf, gut-goertz.de).

Mit dem Hafenhotel Meereszeiten war schon ein guter Anfang gemacht, aber den echten Durchbruch schaffte dann „Heilsbringer“ Jens Sroka mit seinen Hotels Bretterbude und Beach Motel. Er leistete Pionierarbeit und brachte den Schick in das Ostseeheilbad, der vorher einfach fehlte. Inzwischen gibt es etwa 800 Hotelbetten, und selbst im Winter hat man am Wochenende Schwierigkeiten, ein freies (bezahlbares) Hotelzimmer zu finden. Denn auch das zahlungskräftige Publikum hat Heiligenhafen entdeckt.

Fantastischer Strand

Unübertroffen ist Heiligenhafen aber weiterhin im Sommer, denn es gibt einen fantastischen, mehr als vier Kilometer langen Strand und pittoreske Dünen, die sich vom Westen über die Halbinseln Steinwarder und Graswarder, einem Naturschutzgebiet im Osten, erstrecken. Wer auf Graswarder in einem der bezaubernden Häuser lebt, hat es entweder sehr früh gekauft, geerbt, oder er besitzt sehr viel Geld. Aber auch wer kein Haus am Strand sein Eigen nennt, kann mit den Füßen im Sand Cocktails trinken – am besten im Deck 7, dem Beach-Club direkt an der Seebrücke. Wer hierher kommt, kann auf Liegestühlen oder Loungesofas lümmelnd der Sonne beim Untergehen zusehen.

Nach langer Location-Suche ist auch die Fischrestaurantkette Gosch fündig geworden – an der Promenade am Yachthafen. Eröffnung demnächst. Und noch ein neues Angebot ist geplant: Weil nicht jedermann, der gern Schiff fährt, Lust auf Angelfahrten hat, will ein kleines Fahrgastschiff einen Bäderdienst nach Großenbrode und Fehmarn anbieten.

Wer länger hier in Heiligenhafen bleibt und Ausflüge in die nähere Umgebung plant, dem sei Gut Görtz im nahe gelegenen Heringsdorf empfohlen. Auf dem Gutshof gibt es ein Hofcafé, einen Hofladen und Kunsthandwerker, die ihre Erzeugnisse anbieten (www.gut-goertz.de). Auf dem Campingplatz in Sütel ist das Restaurant Spinnaker ein Geheimtipp. In dem Glaskubus oder auf der Terrasse davor hat man die Ostsee direkt im Blick.

„Nord? Ost? See!“ Das neue Abendblatt-Magazin zum Urlaub an Nord- und Ostsee gibt es in der Geschäftsstelle, unter www.abendblatt.de/magazine sowie unter Telefon 040/ 333 66 999. Preis: 9 Euro, Treuepreis: 7 Euro (zzgl. Versandkosten)