Tourismus

Nach dem Shutdown: Das ist das neue Sylt

| Lesedauer: 16 Minuten
Yvonne Weiß
Am Pfingstwochenende wird sich die Insel wieder füllen. Kommen darf aber nur, wer eine Reservierung für eine Unterkunft vorweisen kann.

Am Pfingstwochenende wird sich die Insel wieder füllen. Kommen darf aber nur, wer eine Reservierung für eine Unterkunft vorweisen kann.

Foto: Getty Images/iStockphoto

Insulaner gespalten zwischen Angst und Dankbarkeit über Rückkehr der Touristen. Doch alle fragen sich: Wie wird der Urlaub 2020?

Sylt. Schon viele haben sich auf den ersten Blick in diese Insel verliebt. Mag am Wind liegen, der einem jeden überflüssigen Gedanken aus Kopf und Herz bläst und dann nur das übrig lässt, was wirklich zählt. Liebe. Die Zuneigung zu dieser Nordsee-Destination war schon immer größer als zu jedem anderen deutschen Ferienort, und der erste Blick in Corona-Zeiten beruhigt: Die Geliebte hat sich nicht verändert. Sie ist wieder da, sie will uns noch.

Doch auf den zweiten Blick wird klar, die vergangenen Wochen sind keineswegs spurlos an ihr vorbeigegangen, und nun hält sie uns doch auf Abstand. Was soll sie anderes tun? Sie muss ja überleben und sich schützen.

Welche Emotionen im Spiel sind, erlebt man in der Schlange vor dem Café Wien in Westerland. In den ersten Tagen nach der Öffnung der Insel stehen sie teilweise 50 Meter in beide Richtungen auf der Strandstraße an. Wer eine Stunde lang geduldig in einer Schlange verharrt, der macht das nicht für zwei Stücke Erdbeertorte. Der möchte in Wirklichkeit ein „Alles wieder gut“-Gefühl kaufen, sich setzen in die gute alte Zeit vor Corona. Wenn man die Einlasskordeln, die Masken, das Desinfektionsmittel und die Tatsache übersieht, dass nur jeder zweite Tisch belegt ist, dann gelingt das sogar.

Manche Gäste haben Tränen in den Augen

Zucker funktioniert immer. Der ewige Trost. „Wir sind so glücklich, wieder da zu sein“, sagt ein Gast zu Hausherrin Tania Langmaack. Die 53-Jährige hörte solche Aussagen ihrer Kunden in den vergangenen Tagen ständig, manche hatten sogar Tränen in den Augen. „Ich habe dann vor Rührung und Dankbarkeit fast jedes Mal mitgeheult,“ sagt Langmaack, die mit der Öffnung der Insel eigentlich eine „eher schwierige Zeit“ erwartet hatte.

Die Sylterin hatte nicht mit einer so großen Disziplin und Demut der Gäste gerechnet. Wer hätte denn vor Corona eine Stunde lang ohne Meckern gewartet, bis ihm ein Tisch zugewiesen wird? Es mosert auch niemand mehr über die erforderliche Registrierung, das war vor dem Lockdown ganz anders. „Da beklagten sich viele wegen des Datenschutzes,“ sagt Langmaack und bespricht sich kurz mit ihrem ältesten Sohn, der eine Art Türsteher- und Einweisungs-Funktion übernommen hat. Zum Café links, zum Kuchenmitnehmen rechts rum, bitte.

Der Familienbetrieb hat heftige Wochen hinter sich. In den gut zwei Monaten der kompletten Abriegelung der Insel von der virusverseuchten Außenwelt verloren die Langmaacks rund 500.000 Euro. Alle Süßigkeiten für die Ostertage waren in ihrer Schokoladenmanufaktur bereits produziert worden, die Feiertage für Tania Langmaack bestanden darin, acht Stunden täglich Ware im Wert von Tausenden Euros an die Türen der Stammgäste zu hängen.

Sorge ist mit der Wiedereröffnung nicht gewichen

„Zum ersten Mal seit Jahrzehnten musste ich Ostern nicht arbeiten“, sagt die Café-Inhaberin. Es hat ihr nicht gefallen. Sie bekam Blumen und Anrufe, doch aufmunternde Worte trösten nicht hinweg über die Sorge, ein Lebenswerk zu verlieren. Diese Befürchtung ist mit der Wiedereröffnung nicht gewichen, schließlich darf nur die Hälfte der Gäste bedient werden. „Wenn wir Glück haben, schreiben wir am Ende der Saison noch eine schwarze Null. Thüringen gibt mir Hoffnung, dass die Restriktionen sich auch für uns lockern,“ so Langmaack.

Eine Infektion fürchtet sie nicht, denn nach dem Biike-Brennen, einem großen Fest der Sylter Gemeinden im Februar, lagen sie und ihr Team mehrere Tage komplett flach. „Ich glaube, wir hatten Corona alle schon, leider finde ich keinen Arzt auf der Insel, der einen Antikörpertest anbietet“, so Langmaack. Schon als sie eine komplett verbrannte Pizza nicht mehr roch, wollte sie sofort einen Rachenabstrich machen lassen, aber es gab keine Covid-19-Tests. Die Abgeschiedenheit der Insel, die vielen Urlaubern derzeit als größter Pluspunkt erscheint, ist zugleich ihre Achillesferse wegen des Fehlens einer umfangreichen medizinischen Versorgung. Inzwischen steht ein genaues Konzept, wohin Schwerkranke im Notfall ausgeflogen würden.

Auf der Friedrichstraße herrscht Maskengebot

Gedanken über solche ­Worst- ­Case-Szenarien erschweren das Urlaubsgefühl, möchte man meinen, doch in Westerlands Fußgängerzone flanieren die Leute genauso zahlreich wie zuvor. Auf der Friedrichstraße herrscht Maskengebot, die Abstandsklebebänder vor den Fischbrötchen-Buden und in vielen Geschäften stechen deutlich hervor, aber man soll seinen Blick ja nicht nach unten, sondern nach vorne richten.

Lächelnde, glückliche Gesichter kommen einem entgegen. Mit Ausnahme der „Abstandscoaches“ vielleicht, die eigentlich Bademeister sind und ihre Umschulung zum Aufpasser aufgrund ihrer geschlossenen Arbeitsstätten anscheinend wenig begrüßen. Dafür strahlen die Stiefmütterchen und vor der Kurmuschel nehmen die Touristen Platz, als träte gleich Helene Fischer auf. Hallo? Hier gibt es auf absehbare Zeit nichts zu sehen.

Das Urlaubsgefühl sei aber dennoch vorhanden, findet Nikolas Häckel. Sylts Bürgermeister ist bereits persönlich mit dem Ordnungsamt Streife gelaufen, um das Risiko für Einheimische und Gäste einschätzen zu können. Noch wirkt alles entspannt, doch viele erwarten einen großen Run auf die Insel in diesem Jahr. Als bekannt gegeben wurde, dass Sylt ab 18. Mai wieder besucht werden dürfte, startete ein regelrechter Buchungsboom.

Alle Läden schließen um 22 Uhr

Noch nie wurden auf der Internetseite www.sylt.de in einem so kurzen Zeitraum so viele Buchungen generiert. Das Meer, der Horizont – die Sehnsucht nach Freiheit, die wir alle nach wochenlanger Isolationen in uns tragen, wird anscheinend nirgendwo besser gestillt als auf einer Insel. Da können Berge nicht mithalten. „Gerade am Strand hat jeder ausreichend Platz. Sonne tanken geht auch mit Abstand,“ sagt Häckel.

Ferien auf Sylt werden in diesem Jahr so unaufgeregt wie nie zuvor. Zu Pfingsten bietet die Partygastronomie in Kampen beispielsweise nichts an, alle Läden schließen um 22 Uhr, und die Tagesgäste müssen wie schon zu Christi Himmelfahrt draußen bleiben.

„Partys und Remmidemmi darf es in diesem Jahr nicht geben, da sind sich alle einig“, sagt Moritz Luft von der Sylt Marketing GmbH. Der größte Unterschied zwischen dem Urlaub 2020 zu allen Jahren zuvor liegt seiner Ansicht nach in der fehlenden Spontanität. „Aus Gästesicht gibt es nicht mehr die Freiheit, aus dem Augenblick heraus zu entscheiden. Essen gehen, ein Fahrrad mieten, in ein Museum gehen, das alles ist jetzt mit Planung verbunden.“

Schlangestehen vor der Sansibar

Auf einer Insel lassen sich die Urlauber aber gerne von Wind und Wetter leiten. „Jetzt müssen wir unseren Tag um eine Tischreservierung herum gestalten“, sagt Bärbel Terwellen, die sich mit ihrem Mann und einem befreundeten Paar aus Gladbeck bei Gosch eine Flasche Blanc de Blanc teilt. Seit 54 Jahren kommen sie nach Sylt, jetzt sollen sie plötzlich um 16 Uhr schon zu Abend essen, weil nichts anderes mehr frei war. „Aber das ist bislang der einzige Nachteil, ich hätte es mir schlimmer vorgestellt,“ sagt Terwellen, die sonst gerne mit dem Bus fährt, jetzt steigt sie lieber aufs Rad.

In diesen Tagen gilt es neben der Kurkarte viel Geduld einzupacken, sobald man seine Unterkunft verlässt. Vor der Sansibar etwa steht man bereits unten am Parkplatz an. „30 Minuten wird’s ungefähr dauern“, erklärt ein Mitarbeiter, der die Wartenden bei Laune hält, indem er regelmäßig Optionen in die Menge ruft: „Strandkorb im Beachbereich!“ Oder: „Zwei Plätze auf der Terrasse ohne Heizstrahler sind frei!“ „Nehmen wir!“ rufen zwei Frauen, die in der Schlange nach vorn rücken. Wer einen Tisch im Restaurant möchte, muss länger warten.

Doch die meisten sind mit einer Duldung draußen im Sand zufrieden. Corona schraubt die Ansprüche runter. Hauptsache, wieder eine Erdbeerbowle trinken an einem Ort, der als Synonym für Lebensfreude steht. „Endlich“, sagt ein Eppendorfer, als er anstößt. „Auf die Gesundheit“, antwortet sein Kumpel. Sie waren mit ihrer Clique in Ischgl, sie infizierten sich. Und alle hätten einen schlimmen Verlauf gehabt.

Wissenswertes über Sylt

  • Sylt ist mit einer Fläche von 99,14 km Deutschlands viertgrößte Insel und die größte deutsche Nordseeinsel
  • Die Insel ist durch den mehr als elf Kilometer langen Hindenburgdamm seit 1927 mit dem Festland verbunden
  • Sylt ist 38 Kilometer lang und an der schmalsten Stelle nur 320 Meter breit
  • Die Hin- und Rückfahrt mit dem Autozug von Niebüll nach Westerland und zurück kostet derzeit knapp 100 Euro
  • Eine einfache Fahrt mit dem Regionalzug von Hamburg-Altona nach Westerland kostet rund 32 Euro

Sylter kritisieren die Inselöffnung

Reif für die Inselöffnung sind derweil nicht alle Sylter. Am Bahnhof hängten Kritiker ein Schild auf „Willkommen in Ischgl“, und auch in den sozialen Netzwerken wird Panik geschürt. „Wenn ich das schon lese“, ärgert sich Lutz Sperr, der in Morsum und Westerland unter dem Namen Senhoog Ferienhäuser vermietet, die so schön aussehen, dass man darin am liebsten mehrere Quarantänen verbringen möchte. Der Hotelier versteht die Gefühle, die im Spiel sind, doch er weist auch darauf hin, dass Sylt ohne Touristen keineswegs die Insel mit dem Angebot wäre, die sie ist.

„Jeder hier profitiert von den Gästen, jeder.“ Und auch Moritz Luft meint, eine Abschottung über den Sommer wäre wirtschaftlich katastrophal: „Das würde die Insel nicht überleben.“ 15 Prozent der Jahresübernachtungen sind bereits futsch. Das kann schwer aufgeholt werden, selbst wenn die Nachfrage wie nun enorm steigt. Irgendwann sind 62.000 Gästebetten eben ausgebucht. Voll ist voll. „Wir dürfen nicht zulassen, dass das Missverhältnis aus Angebot und Nachfrage die Preisgestaltung in eine ungesunde Richtung dreht“, sagt Luft.

Vor allem Appartements und Ferienhäuser wie die von Lutz Sperr sind beliebt. In Zeiten von Corona bleibt jeder lieber für sich, das spielt den Vermietern in die Karten. Uneingeschränkte Freude darüber herrscht bei ihnen allerdings nicht. „Kein Gastgeber sagt den Leuten gerne ab,“ sagt Sperr. 89 Prozent aller Anfragen kann er nicht mehr bedienen, bis November sind seine Objekte ausgebucht.

Sommer ist eine Chance für deutsche Ferienorte

Mit den Appartementhäusern im Severin’s Resort und Spa in Keitum verhält es sich ähnlich. „So schlimm die Zeit auch war, dieser Sommer könnte eine Chance für deutsche Ferienorte werden“, sagt Christian Siegling. Der Hausherr im Severin’s verweist auf den Hygienestandard, der hierzulande im Vergleich zu ausländischen Destinationen schon immer an höchster Stelle stand und jetzt noch einmal perfektioniert wurde. Zwei Mitarbeiter Sieglings sind nun in ihrer neuen Funktion als „Hygiene-Duty“ den ganzen Tag lang im Einsatz, um öffentliche Bereiche wie Toiletten, Fahrstuhlknöpfe, Geländer, Türklinken etc. zu reinigen.

Das Frühstück im Hotel kommt in drei verschiedenen Schichten auf Etageren an den Platz, für den Roomservice (einschließlich Drinks von der Bar) wird kein Aufpreis berechnet, der Kids-Club findet im Freien statt, nur das Schwimmbad muss geschlossen bleiben. Bislang läuft alles gut, die Gäste spazieren lächelnd durch Keitum. „Wenn man sich das Treiben anschaut, frage ich mich schon, wo die letzten acht Wochen geblieben sind“, sagt Siegling, der fast erstaunt war, dass er so plötzlich alle seine Zimmer wieder anbieten durfte.

Für die Insulaner bedeutete der schnelle Shutdown genau wie die unerwartet plötzliche Öffnung ein Wechselbad der Gefühle. Von 100 auf null und dann wieder auf 100, vielleicht bald 120. Da kommt man kaum hinterher, erst recht nicht als Gastronom. Erst muss man alle Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken, jetzt fehlen sie an allen Ecken und Enden. „Alle Tore auf einmal wieder auf, der Wahnsinn. Wir machen erst mal ganz vorsichtig, bevor wir neu einstellen“, sagt Jens Lund, der die besten Erdbeertörtchen Norddeutschlands herstellt.

Mehraufwand durch die neuen Regeln ist enorm

Im Café Lund in Hörnum hat er Trennwände aus Dachlatten und Zellophan aufgestellt. Plexiglas war aus, dabei ist der 35-Jährige extra in Baumärkte aufs Festland gefahren. Die Zeit der Abschottung hat der Koch und Konditor genutzt, um seinen Onlineshop aufzubauen und ein Brottaxi für Einheimische ins Leben zu rufen. So konnte zumindest ein Teil der Belegschaft weiterarbeiten. Der Mehraufwand durch die neuen Regeln jetzt sei enorm, allein jeden Tag 60 bis 80 Kopien für die Adress-Abfragen der Kunden – doch anstrengend ist besser als nichts.

„Im April dachten wir, die Saison ist gelaufen“, sagt seine Frau Julia. Wie es für das Paar weitergeht, hängt auch von der Kooperationsbereitschaft der Kunden ab. Wie lange hält das Verständnis für Abstand und Maskenpflicht vor? Vor dem Café Lund steht unter den Hygienevorschriften eine deutliche Warnung: „Sollten Sie nicht in der Lage sein, diese kinderleichten Regeln zu befolgen, können sie uns gerne nach Corona wieder besuchen.“

Am anderen Ende der Insel steht Alexandro Pape vor seiner mit einem Absperrband dekorierten Zukunft. Pape hat als Küchenchef zwei Sterne im Gourmetrestaurant Fährhaus erkocht, einen Weg gefunden, der Nordsee Meersalz abzutrotzen, eigene Bier- und Pastasorten entwickelt, die er in seiner „Genussmacherei“ verkauft, und nun Millionen investiert, um in List ein gigantisches Food-Projekt aus verschiedenen Restaurants und einer Kochschule auf die Beine zu stellen. Mitte Juni soll eröffnet werden, die Pachtverträge unterzeichnete der Koch erst vor drei Wochen. Mitten in der Corona-Krise 875 Quadratmeter anzumieten, wer macht denn so was? „Das können nur bekloppte Köche,“ sagt Pape.

Die Hoffnung liegt in den Sylt-Reisenden, die immer einen Tick ausgelassener sind als anderswo, die gerne eine Schippe Lebensfreude und Konsum drauflegen. Sie könnten es richten. Doch was, wenn nur zehn von den zu Pfingsten erwarteten 100.000 Besuchern Corona haben und das Virus auf die Insel schleppen? Pape zuckt mit den Schultern. Es kommt wie es kommt. „Wie der Sylter Sommer wird, das wissen wir dann zehn Tage nach Pfingsten.“

„Nord? Ost? See!“ Das neue Abendblatt-Magazin zum Urlaub an Nord- und Ostsee gibt es in der Geschäftsstelle, unter www.abendblatt.de/magazine sowie unter Telefon 040/333 66 999. Preis: 9 Euro, Treuepreis: 7 Euro (zzgl. Versandkosten)