Ostsee-Meeresarm

Die Schlei ist krank – Idylle mit gravierenden Problemen

Blick auf die Schlei bei Kappeln. 43 Kilometer weit erstreckt sich der Meeresarm ins Landesinnere. Das Gewässer leidet unter der Überdüngung der Äcker.

Blick auf die Schlei bei Kappeln. 43 Kilometer weit erstreckt sich der Meeresarm ins Landesinnere. Das Gewässer leidet unter der Überdüngung der Äcker.

Foto: imago stock

Nährstoffeinträge und Faulschlamm haben zu ökologisch bedenklichem Zustand geführt. Wie nun ein Umweltmanager helfen soll.

Schleswig-Holstein. „Sanfte Hügel, sattgrüne Wälder, idyllische Knicklandschaften, Raps- und Getreidefelder, Sandstrände und romantische Badebuchten – all das gibt es in der Schleiregion zu entdecken.“ Diese Werbung für den Naturpark Schlei hat gewiss ihre Berechtigung. Genauso richtig ist aber auch: Die Schlei ist krank, seit Jahrzehnten schon.

Der Nährstoffgehalt ist viel zu hoch, der Sauerstoffgehalt zu niedrig, auf dem Grund liegt eine immer stärker werdende Schicht aus Faulschlamm. „Gesamtbewertung: schlecht“ – so steht es in einem aktuellen Bericht des zuständigen Ministeriums zum Umweltzustand der Schlei. Nun wollen das Land und die Kreise Schleswig-Flensburg und Rendsburg-Eckernförde einen neuen Versuch starten, um aus der oberflächlichen Idylle ein ökologisch gesundes, artenreiches Gewässer zu machen.

Schlei in ökologisch bedenklichem Zustand

Das wird nicht leicht werden. Der Ostsee-Meeresarm ragt immerhin 43 Kilometer ins Landesinnere hinein. Das Einzugsgebiet, aus dem Wasser in die Schlei, ist 667 Quadratkilometer groß. Es wird zu 79 Prozent landwirtschaftlich genutzt. Die Böden sind gut hier oben an der Schlei. Landwirte, die dort ihre Äcker haben, können auf hohe Erträge hoffen. Trotz der Bodenqualität wird aber kräftig gedüngt, und das führt zu einem schlechten ökologischen Zustand des Gewässers. In dem Bericht des Umweltministeriums heißt es: „Die zu hohe Nährstoffkonzentration im Gewässer ist überwiegend auf zu hohe Nährstoffeinträge aus der Vergangenheit und aktuell aus der Landwirtschaft zurückzuführen.“

In der Vergangenheit hatten besonders die (mittlerweile modernisierte) Kläranlage und die (mittlerweile geschlossene) Zuckerfabrik in Schleswig die Schlei beschädigt. Die Anlagen hatten zur Bildung von Faulschlamm beigetragen. „Kommt es nun in den Sommermonaten zu Sauerstoffarmut am Grund der Schlei, wird aus diesem Faulschlamm Phosphor in erheblichen Mengen freigesetzt“, heißt es in dem Bericht. Dieser Vorgang ist neben der Überdüngung in der Landwirtschaft der zweite starke Schadstoffeintrag. Es ist gewissermaßen ein Teufelskreis: Die Schlei selbst produziert den Phosphor, von dem sie schon viel zu viel hat. Die Therapie muss also heißen: den Nährstoffeintrag verringern.

Idylle mit Problemen: Die Schlei ist krank

Beim Stickstoff gibt es dafür Zielwerte, die an der Schlei aber vermutlich noch nie eingehalten wurden. Flüsse sollen nicht mehr als 2,6 Milligramm Stickstoff pro Liter transportieren. Bei der Füsinger Au, die östlich von Schleswig in die Schlei fließt, sind es allerdings 4,2 Milligramm, bei der Koseler Au sogar 5,4 Milligramm. Sie ergießt sich östlich von Missunde in die Schlei.

Professor Holger Gerth, der Naturschutzbeauftragte des Landes Schleswig-Holstein, plädiert deshalb für eine umweltschonende Bodennutzung. Dazu gehöre „dringend die Einrichtung von dauerhaften und ausreichend breiten Gewässerrandstreifen entlang aller Fließgewässer im Einzugsgebiet“, sagt er. „Ich empfehle dem Landtag, dem Schutz der Schlei Priorität einzuräumen, damit die Schlei nicht weitere Jahrzehnte in diesem schlechten Zustand verbleibt.“

Aufseiten der Landwirtschaft ist man da etwas zurückhaltender. In einer Stellungnahme des Bauernverbands heißt es: „Die Bauernfamilien im Einzugsgebiet der Schlei sowie der Füsinger, Loiter und Koseler Au müssen weiterhin auf ihren Grünland- und Ackerflächen ihr betriebliches Auskommen erwirtschaften können.“ Sollten die Betriebe Flächen für den Umweltschutz zur Verfügung stellen müssen, „sind den Flächeneigentümern an geeigneter Stelle mindestens gleichwertige Ersatzflächen zum Tausch anzubieten.“

Nun soll ein Umweltmanager der Schlei helfen

Das dürfte schwierig werden. Bauernland steht auch in Angeln nicht grenzenlos zur Verfügung. Die von CDU, Grünen und FDP getragene Regierungskoalition in Kiel will es nun erst einmal mit Überzeugung versuchen. Zu ihrem Projekt mit dem Titel „Modellregion Schlei“ gehört eine Art Umweltmanager, der zwischen Schleischutz und Landwirtschaft vermitteln soll.

„Viele Bauern sind bereit, beim Gewässerschutz mitzumachen“, sagt Marlies Fritzen, Landtagsabgeordnete der Grünen. Der Manager soll ihnen auch dabei helfen, Fördermittel zu beantragen, wenn sie Flächen aus der Bewirtschaftung nehmen. „Klar ist, dass das Geld kosten wird“, sagt Fritzen. Im Idealfall gehe es darum, bestimmte Flächen über Jahre hinweg nicht mehr zu bewirtschaften, also stillzulegen.

Noch ein Schlei-Problem: belastetes Grundwasser gerät in den Meeresarm

Das Faulschlamm-Problem wäre auch dann noch nicht gelöst. Das Wachstum dieser Schicht auf dem Grund der Schlei hat sich verringert, dennoch wird sie Jahr für Jahr stärker. Was dagegen unternommen werden kann, ist noch unklar. Unklar ist auch noch, wann ein weiteres großes Schlei-Problem gelöst wird. In Schleswig hat jahrelang eine Teerpappenfabrik den Untergrund kontaminiert, belastetes Grundwasser gerät von dort in den Meeresarm. Schon 1952 wurde die Fabrik geschlossen. Der Schaden ist bis heute nicht repariert. Grundsätzlich herrscht Einigkeit darüber, dass der verseuchte Boden ausgehoben und entsorgt werden muss. Nun muss nur noch eine Lösung für das Problem der Finanzierung gefunden werden.

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Und auch von der anderen Seite, der Ostseeseite, könnte der Schlei Gefahr drohen. Die Öffnung zum Meer hin ist nur eben 90 Meter breit. Die Lotseninsel und ein angrenzendes Naturschutzgebiet verengen die Mündung. Aber diese schmale Landzunge wird immer öfter überflutet. Eine Bürgerinitiative namens „Schleimünde retten“ hat sich gebildet. Sie verlangt von der Landesregierung, die Landzunge vor Überflutungen zu schützen. Sie könne sonst „durchbrechen“ befürchten sie, und dem Ostseewasser bei Sturm den Weg bis Maasholm und Kappeln freimachen. Bislang ist dies allerdings nur eine Annahme.