Nordseeinsel

Auf Sylt soll man nur noch Leitungswasser trinken

Foto: Sylt Marketing

Energieversorger und Marketing Gesellschaft werben um Einheimische und Urlauber. Abfüllstationen auf der Insel geplant.

Westerland. Wäre es nicht schön, etwas für den Klimaschutz tun zu können, indem man einfach faul ist und Geld spart? Das ist möglich! Einfach nicht in den Supermarkt gehen und dort Geld für Mineralwasser ausgeben, sondern das Wasser aus dem Hahn trinken.

Auf Sylt haben sich verschiedene Verantwortliche (die Sylt Marketing Gesellschaft , der Landschaftszweckverband und die beiden insularen Energieversorger EVS und VEN) nun zusammengetan, um den Konsum von Leitungswasser zu fördern. Das Argument liege klar auf der Hand: „Wir bewegen uns hier in einer einzigartigen Natur, die wir deshalb auch schützen wollen. Da braucht es keine Lkws, die Mineralwasser aus Italien ankarren,“ sagt Moritz Luft, Leiter der Sylt Marketing Gesellschaft. Seiner Ansicht nach wäre es fast sträflich, zur Plastikflasche zu greifen, wenn man vor Ort „das beste Wasser überhaupt“ bekäme.

Trinkwasserqualität auf Sylt hervorragend

Tatsächlich ist die Trinkwasserqualität der Insel hervorragend. Als reines Inselprodukt wird es aus dem durch Regen gespeisten Grundwasservorkommen im Inselkern gewonnen. Die Süßwasserlinse erstreckt sich auf einer Fläche von geschätzt 77 Quadratkilometern; gefördert wird das Wasser in einer Tiefe von 30 bis 60 Metern. „Keimfrei kommt es aus der Tiefe und ist mit keinerlei Schadstoffen belastet,“ erklärt Georg Wember von der EVS. Die Erdschichten gäben ihm Spuren von Mineralien wie Calcium, Magnesium und Natrium mit auf den Weg, es enthalte keinerlei künstliche Stoffe oder Chemikalien. Sogar Säuglinge dürfen es trinken, der Nitratgehalt liegt deutlich unter dem in der Trinkwasserverordnung fixierten Grenzwert.

Weil das Produkt so gut ist, hat der Verein „a tip: tap“ die Insel Sylt im kommenden Jahr zum Wasser-Quartier erklärt, was bedeutet, dass eine Teilzeitstelle auf der Insel geschaffen wird, die durch Aufklärungsarbeit den Konsum von Leitungswasser fördern soll mit dem Ziel, Klima und Ressourcen zu schützen. So könnten zum Beispiel Abfüllstationen für Leitungswasser in öffentlichen Gebäuden und an Knotenpunkten wie dem Bahnhof in Westerland oder an bestimmten Radwegen eingerichtet werden, an denen sich Einheimische und Gäste ihre Trinkflaschen kostenlos auffüllen können.

Sylt engagiert sich für den Klimaschutz

„Die Wasser-Quartiere nehmen eine Vorreiterrolle ein für einen wichtigen Entwicklungsschritt hin zu einem nachhaltigeren Deutschland,“ sagt Carmen Heilmaier vom Verein „a tip: tap“. „Sylt zeigt als Gastgeber den Urlaubern: man engagiert sich hier für Klimaschutz. Nachhaltiges Reisen wird immer gefragter, Sylt kann also bei den Urlaubern punkten, indem man sich für die Wasserwende engagiert.“

Auf Sylt will eine Initiative die Menschen dazu bringen, Leitungswasser zu trinken – statt Mineralwasser, das oft über lange Strecken transportiert werden muss. Eine gute Idee?

Im Wein mag die Wahrheit liegen, aber im Wasser steckt die Zukunft. Wenn man nur 1000 Leute im Jahr dazu bringen könnte, Leitungswasser statt abgefülltem Flaschenwasser zu trinken, dann könnte man 30 Tonnen CO2 sparen, rechnet Dr. Catharina Bayerlein vor. Bayerlein fungiert seit Mitte November als Klima- und Nachhaltigkeitsmanagerin von Sylt, was unterstreicht, dass dem Klimaschutz auf der Insel mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden soll.

Sylter Getränkelieferranten sind skeptisch

Um bewussten Konsum mit Sylt-feeling zu verbinden, will sie eine Glasflasche entwerfen, mit deren Kauf lokale Klimaschutz- und Nachhaltigkeitsprojekte unterstützt werden sollen. Die Umwelt-Expertin sieht Sylt auch als Mittler einer guten Botschaft: „Im Urlaub ist man bereit, Dinge auszuprobieren und mitzunehmen in den Alltag, wir können hier auf Sylt etwas bewirken.“ Moritz Luft gibt ihr Recht, was die Vorreiterrolle in Sachen Nachhaltigkeit angeht: „Wir waren schon bei den E-Bikes und den E-Autos Multiplikatoren.“

Die örtlichen Getränkelieferanten sehen seine Idee allerdings eher kritisch, schließlich lässt sich mit dem Verkauf von Mineralwasser viel Geld verdienen. Doch es gibt auch Gastronomen und Hoteliers, die den Vorschlag unterstützen. „Ich hätte kein Problem damit, in unseren Restaurants Leitungswasser auf den Tisch zu stellen“, sagt Christian Siegling, General Manager des Severin’s Resort & Spa in Keitum. „Veränderungen erfordern Mut. Und hier auf Sylt leben wir von der Natur.“

Wasserflaschen für 100 Unterkünfte in Kampen

Markus Wenzel von Appartements & Mehr hat bereits eigene Wasserflaschen herstellen lassen, mit denen er seine 100 Unterkünfte in Kampen und Umgebung ausstattet. Jeder Gast soll sie mit Leitungswasser befüllen und dann damit an den Strand oder auf Radtour gehen. „Eine Feriendestination ist ideal fürs Umdenken. Bei mir hat sich jedenfalls noch kein Urlauber beschwert, dass er Leitungswasser trinken soll,“ sagt Wenzel, der seit 30 Jahren auf der Insel lebt. Wer so viele Jahre lang jeden Tag auf die Wellen schaut, der wird wahrscheinlich zwangsläufig zum Beschützer der Meere. „Wir Insulaner haben eine andere Bindung zur Natur. Eigentlich sollten wir die Straßenseite wechseln, wenn uns jemand mit einer Plastikflasche entgegen kommt.“

Frage im Podcast: Soll man Mineralwasser nach Sylt liefern?

Um wirklich die Wasserwende zu schaffen, sei es aus Ansicht des Appartment-Vermieters wichtig, möglichst viele Leute von der Idee zu begeistern. „Denn auf Sylt muss immer alles ‚in‘ sein. Und wenn wir alle Leitungswasser trinken, dann wird es ‚in‘ und setzt sich vielleicht sogar bundesweit durch.“ Wenzel hat übrigens nichts dagegen, wenn man seine Glasflaschen klaut und mit nach Hause nimmt. Ein günstigere Marketing könne man nicht bekommen. „So denkt der Urlauber noch zu Hause an Sylt, was wollen wir mehr?“

Mehr Urlauber jedenfalls nicht unbedingt. Moritz Luft glaubt: „Wir werden durch unsere Aktion nicht die Welt verändern und wahrscheinlich keinen Touristen zusätzlich auf die Insel holen, aber neben Erholung sollten wir auf Sylt auch ein bisschen Aufklärung bieten.“