SHMF-Konzert

Wie eine Droge – Jonas Kaufmann berauscht Neumünster

Startenor Jonas Kaufmann bei seinem Auftritt in der Holstenhalle in Neumünster

Startenor Jonas Kaufmann bei seinem Auftritt in der Holstenhalle in Neumünster

Foto: Axel Nickolaus

Gerade noch auf der Waldbühne, jetzt in der Holstenhalle: Der Startenor singt Wagner-Hits, französische Arien und baut die Bühne um.

Neumünster. Über die berühmt-berüchtigten Freundlichkeitsdefizite der Sopranistin Kathleen Battle gibt es die ebenso schöne wie gemeine Anekdote, sie habe einmal aus einer Limousine mit Klimaanlage heraus ihr Management angerufen, damit jemand von dort aus ihren Fahrer anweist, jetzt mal subito die Lüftung zu drosseln.

Ganz, aber wirklich ganz anders verhielt sich der Publikumslieblingstenor Jonas Kaufmann in der Holstenhalle Neumünster vor seiner zweiten Arie: Gemeinsam mit seinem Dirigenten Jochen Rieder schob er eigenhändig dessen Podest etwas weiter nach hinten, damit die Besucher im sehr seitlichen Seitenrang nicht nur Rieders Rücken sondern ihn im Blickfeld hatten. Eine von Herzen nette Geste, aber auch ein Indiz für etwas anderes: Das Auge soll tunlichst immer mithören, wenn dieser Tenor auftritt und verlässlich Begeisterungsstürme auslöst.

Jonas Kaufmann mit französischen Arien und Wagner-Hits

Gerade noch auf der Berliner Waldbühne und im Fernsehen präsent, vor allem mit italienischem Repertoire, einer Begleit-Mezzosopranistin und einer Mitschnitt-CD für Herbst schon in Arbeit, präsentierte sich Kaufmann nun, bei seinem ersten Konzert im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals, ganz und gar solo. Mit französischen Arien vor und einigen Wagner-Hits nach der Pause.

Ein Live-Wiederbeleben seiner L’Opera-CD aus dem vergangenen Jahr also. Auf den ersten Blick eine durchaus interessante, herausfordernde Kombination aus heiklen Stil-Gegensätzen; gerade erst hat der französische Tenor-Kollege Roberto Alagna den Bayreuther Festspielen sehr kurz vor knapp einen Lohengrin-Korb gegeben.

Ausdruckswille überholt dann Gestaltungslust

Denn Kaufmanns unbestreitbar faszinierendes Können bewältigt zwar viele Aufgaben, wird damit aber nicht immer allem gerecht. Er hat schon etliches gesungen: deutsches Repertoire, italienisches und französisches, Operette, Canzoni, Verdi, Puccini, Verismo, Wagner, gerade erst sogar einen Parsifal in München; in Hamburg war er zuletzt mit Hugo-Wolff-Liedern in der Elbphilharmonie und bei einer illustren Tosca-Aufführung in der Staatsoper zu erleben, gänzlich problemfrei war beides nicht gewesen.

Mit der samtigen, baritonalen Eindunklung seiner Stimme, die ihr gleichzeitig immer mehr Kernigkeit verleiht, wurde es schwerer und schwerer, diesen eleganten, wie mühelos ausschwingenden, raffiniert weichen Charmeur-Tonfall zu treffen und zu halten, ohne den gerade französische Romantik schnell etwas Gewolltes bekommt und das Geschmeidige verliert. Ausdruckswille überholt dann Gestaltungslust.

Die Stimme steht präsent im Raum

Hier jedenfalls wurde man den Eindruck nicht los, dass Kaufmann bei allem Spaß und aller Hingabe ein wirklich harter Arbeiter ist. Was nicht sofort, unmittelbar und bestens passt, wird dann eben auf sehr hohem Niveau passend gemacht. Die Stimme funkelt dann nur bedingt, sie steht aber präsent im Raum und macht ungemein viel her. Sie verführt dabei nicht instinktiv, sondern überzeugt durch ihre Qualitäten. Die jeweils kurz angesungenen Charaktere wechselten, die generelle Wirkung blieb unverändert: Hier stehe ich und ich will es so. Und da Kaufmann natürlich längst weiß, was wie punktet, stellte er die größte saftig schmachtende Power-Ballade dieser Kollektion – das „Ô souverain, ô juge, ô père“ aus Le Cid – ans Ende.

Pause, Durchatmen, Fachwechsel. Nun war Kaufmann ganz und gar markig auftrumpfender Heldentenor, nun durfte, konnte, musste er es sein. Auch den Symphonikern Hamburg war, so klang es, die Geradlinigkeit Wagners herzens- und wesensnäher als die Spezialanforderungen und subtilen Klangfarbschattierungen in den Opern von Gounod oder Massenet.

Im französischen Abschnitt des Konzerts hatte das auch am Ende einer langen und kräftezehrenden Spielzeit noch nicht schlapp machende Orchester mit Saint-Saëns’ Bacchanale aus Samson et Dalila oder Chabriers Habanera einige luftig amüsante Baisers aufzutischen. Als Begleitung bei der Blumenarie aus Carmen oder einer Romeo-Arie aus Gounods Roméo et Juliette sorgen sie für eine angemessene Umrahmung des Solisten. All das kann bei solchen Konzert-Formaten auch viel uninspirierter passieren.

Walkürenritt pauschal heruntergewagnert

Nach dem Walkürenritt – von Rieder allerdings etwas pauschal heruntergewagnert – holte Kaufmann zum ersten Mal groß aus, mit Siegmunds „Ein Schwert verhieß mir der Vater“ und prächtig strahlenden, kraftstrotzend trotzigen Wälse!-Rufen, die nur so eine Art hatten. Und erahnen ließen, wie viel Präsenz und Überzeugungskraft Kaufmann haben kann, wenn er etwas singt, das ihm derart gut in die Stimme passt.

Nächste Wagner-Station: Nürnberg, Meistersinger, alle einsteigen und tief in die Musik fallen lassen. Nach dem Orchester-Vorspiel zum 1. Akt, ebenfalls handwerklich solide abgeliefert, glänzte Kaufmann mit Stolzings Preislied Morgenlich leuchtend im rosigen Schein: tolle, ausdrucksstarke Höhe, eine unmittelbare Charakterprägung, die schon in dieser Handvoll Minuten reinsten Wagner-Glücks zeigt, dass hinter dieser einen Arie ein Individuum mit Charisma, Ecken und Kanten erkannt wurde. Bei den Franzosen der ersten Konzert-Halbzeit waren es eher eingeübte Stereotypen gewesen.

Anrührend märchenhafte Gralserzählung

Je später dieser Abend, desto wonniger der Wagner, und die Holstenhallen-Akustik wurde unerheblich. Eine Woche vor der Bayreuther Lohengrin-Premiere mit Piotr Beczala in der Titelpartie zeigte Kaufmann mit seiner Version der Gralserzählung klar, wo dieser Rätsel-Ritter seiner Meinung nach den Schwan holt.

Das war so überzeugend und so anrührend märchenhaft, dass ein gesamtes Orchester sich beim "In fernem Land" von dieser Stimme führen und verführen ließ. Der schönste Moment? Die Textstelle, in der Kaufmann das Wort Taube mit einem Pianissimo als einen Höhepunkt markierte, den er lang und sanft auskostete, wie das Gottesgeschenk, um das es hier geht. Die Droge wirkte.