Flensburg

17-Jährige erstochen: Opfer und Täter kannten sich gut

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Matthias Popien, mit dpa
Blumen und Grablichter stehen vor dem Mehrfamilienhaus, in dem die 17-Jährige lebte

Blumen und Grablichter stehen vor dem Mehrfamilienhaus, in dem die 17-Jährige lebte

Foto: Carsten Rehder / dpa

Die Polizei hat einen 18 Jahre alten Asylbewerber aus Afghanistan festgenommen. Beide wurden vom Jugendamt betreut.

Flensburg.  Ein 18 Jahre alter Asylbewerber aus Afghanistan steht im Verdacht, eine 17-jährige Flensburgerin getötet zu haben. Die Polizei hat den Mann am Montag in der Wohnung des Mädchens im Flensburger Stadtteil Exe festgenommen. Er hatte die Beamten selbst alarmiert. Die 17-Jährige war bereits bewusstlos, als der Notarzt eintraf. Der Versuch einer Wiederbelebung blieb ohne Erfolg. Nach Angaben der Polizei starb sie an schweren Stichverletzungen.

Nur spärliche Informationen gibt es über das, was sich am Montag gegen 18 Uhr in der an einer Hauptverkehrsstraße gelegenen Wohnung der 17-Jährigen abgespielt hat. Opfer und Tatverdächtiger kannten einander wohl schon länger. Die junge Frau und auch der mutmaßliche Täter sind bis zuletzt vom Jugendamt betreut worden. Das Mädchen sei aufgrund seiner Familiensituation seit vielen Jahren betreut worden. Ob es zu einem Streit gekommen war, ist unklar. Der 18-Jährige hat gegenüber der Staatsanwaltschaft bislang zu den Vorwürfen geschwiegen.

Polizei ermittelt Hintergründe der Tat

Die Polizei muss nun also in Kleinarbeit der Frage nachgehen, warum die Flensburgerin getötet wurde. Die Staatsanwaltschaft hat zunächst einmal einen Haftbefehl wegen Totschlags erwirkt. Die Mordmerkmale sind derzeit noch nicht erfüllt. Dafür weiß die Polizei schlicht zu wenig.

Der Tatverdächtige lebt seit 2015 in Deutschland, er war offenbar im Alter von 15 Jahren als unbegleiteter Flüchtling eingereist. Die Flensburger Oberstaatsanwältin Ulrike Stahlmann-Liebelt sagte dazu: „Sein Asylantrag wurde abgelehnt, aber das Verfahren ist noch nicht rechtskräftig abgeschlossen.“ Der 18-Jährige habe derzeit eine „Gestattung“.

Bei der Frage nach der Tatwaffe sind die Ermittler offenbar etwas weiter. „Wir haben eine Waffe gefunden“, sagte Ulrike Stahlmann-Liebelt. „Jetzt wird untersucht, ob es das Tatwerkzeug ist.“

Täter und Opfer sollen öfter zusammen gesehen worden sein

Laut „Flensburger Tageblatt“ sind das Opfer und der Tatverdächtige öfter zusammen gesehen worden. Nachbarn in dem erst 2016 errichteten Mehrfamilienhaus berichten, dass sich die beiden zuletzt immer mal wieder gestritten hätten. „Es hat lautstarke Auseinandersetzungen gegeben, auch körperlich sind sie aneinandergeraten“, sagte ein Mieter dem „Flensburger Tageblatt“. Die 17-Jährige soll deshalb sogar Anzeige erstattet haben.

Die Flensburger Oberbürgermeisterin Simone Lange (SPD) zeigte sich bestürzt. „Ich bin grundsätzlich schockiert, weil das ein so tragischer Vorfall ist“, sagte Lange. „Ich hoffe, dass die Ermittlungen sehr schnell Aufschluss darüber geben, was tatsächlich passiert ist.“ Ihr sei sehr daran gelegen, der Familie des Mädchens ihr Beileid auszurichten, sagte Lange. „Wir alle sind betroffen.“ Nun müssten die Ermittlungen abgewartet werden. „Darauf sollten wir Rücksicht nehmen und nicht spekulieren“, mahnte die Oberbürgermeisterin.

Schleswig-Holsteins Innenminister Hans-Joachim Grote (CDU) sagte, sollte am Ende des rechtsstaatlichen Verfahrens eine Verurteilung des derzeit Tatverdächtigen stehen, seien nach Verbüßen der Strafe auch aufenthaltsrechtliche Maßnahmen bis hin zur Abschiebung zu treffen. „Wer solche Straftaten begeht, der hat sein Gastrecht verwirkt“, sagte Grote.

Zeitung appelliert im Internet an Leser, sachlich zu bleiben

Im Internet sorgte die Tat für viele mitfühlende Kommentare – aber auch für verbale Exzesse. Die Online-Redaktion des „Flensburger Tageblatts“ musste schon bald nach der Meldung, dass der Tatverdächtige ein Asylbewerber sei, seine Internet-Gemeinde wie folgt ermahnen: „Liebe Facebook-Leser, Kritik und Meinungen sind willkommen, aber bitte bleibt sachlich. Rassistische oder volksverhetzende Inhalte, sowie justiziable und zur Gewalt aufrufende Inhalte werden von uns gelöscht“.

In Schleswig-Holstein leben 3342 Flüchtlinge aus Afghanistan. Sie bilden die nach Herkunft zweitgrößte Gruppe. An der Spitze liegt Syrien. 16.306 der insgesamt 27.757 Flüchtlinge in Schleswig-Holstein kommen aus dem Bürgerkriegsland am Mittelmeer. Auf dem dritten Platz liegt Irak mit 3146 Antragstellern.

Asylverfahren bei Bewerbern aus Afghanistan besonders komplex

Die Asylverfahren sind bei Bewerbern aus Afghanistan offenbar besonders komplex. Bei 2177 Personen ist das Verfahren noch nicht abgeschlossen. Afghanistan liegt damit in der Herkunfts-Statistik der noch nicht abgearbeiteten Asylanträge mit großem Abstand an erster Stelle. Auf dem zweiten Platz folgen Anträge von Syrern (962). Alle Zahlen stammen aus dem Juli vergangenen Jahres.

Mehrere Angriffe von Jugendlichen auf Jugendliche hatten in den vergangenen Monaten deutschlandweit für Betroffenheit gesorgt. In Kandel in Rheinland-Pfalz erstach im Dezember ein Flüchtling seine 15 Jahre alte Ex-Freundin. Erst in der vergangenen Woche wurde in Berlin eine 14-Jährige ebenfalls in einer Wohnung erstochen. Ein 15 Jahre alter Mitschüler mit deutscher Staatsangehörigkeit sitzt wegen des Verdachts des Totschlags in Haft. Laut Staatsanwaltschaft ist das Motiv des mutmaßlichen Täters noch unklar. (mit Material von dpa)