Nordsee

Kieler Forscher untersuchen Wracks vor Helgoland

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Axel Tiedemann
Die „SMS Ariadne“ wurde 1914 von einer britischen Übermacht versenkt. Bei dem Seegefecht verloren mehr als 1200 Seeleute ihr Leben

Die „SMS Ariadne“ wurde 1914 von einer britischen Übermacht versenkt. Bei dem Seegefecht verloren mehr als 1200 Seeleute ihr Leben

Foto: SUBMARIS

Vier deutsche Kriegsschiffe, die 1914 von der Royal Navy versenkt wurden, liegen dort. Das ist auch ein Wettlauf gegen Raubtaucher.

Helgoland.  Der Erste Weltkrieg war gerade vier Wochen alt, da kam es für die Kaiserliche Marine am 28. August 1914 vor Helgoland zu einem Desaster: Mehr als 1200 deutsche Seeleute wurden bei diesem ersten größeren Seegefecht getötet, verwundet oder gerieten in Gefangenschaft. Auf den gegnerischen britischen Schiffen gab es hingegen 35 Tote. Vier deutsche Schiffe sanken teils komplett zerschossen auf den Grund der Nordsee, aber kein einziges der Briten.

Seitdem liegen westlich der Hochseeinsel die Wracks der drei Kleinen Kreuzer „SMS Mainz“, „SMS Cöln“ und „SMS Ariadne“ sowie des Torpedoboots „V187“. Heute gelten sie als Kriegsgräber, die in gut 40 Metern Tiefe eigentlich durch internationale Konventionen geschützt sind. Doch zugleich sind sie begehrtes Ziel von Trophäenjägern. „Raubtauchern“, wie der Kieler Unterwasserarchäologe Florian Huber sagt. Zuletzt hatten holländische Taucher auf Facebook sogar Fotos von ihren Tauchgängen ins Netz gestellt und ihre Funde gezeigt, die sie mit Hammer und Brechstange erbeutet hatten. Inzwischen untersucht die Staatsanwaltschaft den Fall, so Huber, der nun das Geschäft der Raubtaucher durchkreuzt.

Mit Unterstützung verschiedener Museen und Universitäten leitet der 41-jährige Kieler die erste wissenschaftliche Expedition zu den vier Wracks. „Diese Schiffe sind wie eine Zeitkapsel, sie können uns viel über den Verlauf des Gefechts und die damalige Zeit erzählen“, sagt Huber, der inzwischen von den ersten Tauchgängen zurückgekehrt ist. Sie waren Auftakt für ein langfristiges Projekt, auch in den nächsten Jahren sind solche Expeditionen zu den teils mehr als 100 Meter langen Wracks geplant. „Die Artefakte dort unten müssen für die Nachwelt erfasst und nicht durch Privatleute geplündert werden“, sagt Huber, der gleichzeitig versucht, das Thema in die Öffentlichkeit zu bringen, damit die Wissenschaft diesen Wettkampf unter Wasser nicht verliert.

Für Unterwasser-Denkmäler fühlt sich niemand zuständig

Denn bisher fühlte sich für diese Art des Denkmalschutzes niemand so richtig zuständig. Die Schiffe liegen zwischen 30 und 80 Kilometer von Helgoland entfernt und damit in der „ausschließlichen Wirtschaftszone“, also außerhalb der Zwölfmeilenzone. Das Problem dabei: Denkmalschutz ist in Deutschland Sache der Bundesländer, deren Zuständigkeit außerhalb der zwölf Seemeilen endet. „Dabei ist das submarine Erbe der Nordsee massiv bedroht“, sagt Huber. Nicht nur durch Raubtaucher, auch die Gezeitenströme, der Seegang und der hohe Salzgehalt wirken sich hier deut­licher als etwa in der Ostsee aus. Und nicht zuletzt ist das Tauchen dort auch schwieriger. „Das hat uns die Arbeit unter Wasser nicht ganz leicht gemacht“, sagt Huber, der gemeinsam mit seinem Team aus Forschungstauchern der Kieler Firma Submaris zunächst das Wrack der „Ariadne“ eindeutig identifizieren konnte.

Die Submaris-Taucher haben entsprechende Nordsee-Erfahrung. Das Team arbeitet oft für wissenschaftliche Institute auf Helgoland, meist in Sachen Unterwasserbiologie. Statt Algen untersuchten die Forscher diesmal das 105 Meter lange Kriegsschiff, machten Video- und Fotoaufnahmen und ermittelten die genaue Position. Die Ergebnisse sollen Informationen über den Zustand liefern und damit auch Marinehistorikern zu neuen Erkenntnissen über den Seekrieg verhelfen.

Das 1900 in Bremen gebaute Schiff geriet unter schweren Beschuss

Der Kleine Kreuzer „Ariadne“ war damals wohl in einen Hinterhalt geraten und auf eine Übermacht britischer Schiffe gestoßen, nachdem er aus dem Feuerschutz der schweren Geschütze von Helgoland gefahren war, um U-Boote zu jagen. Das 1900 in Bremen gebaute Schiff und seine 260-Mann-Besatzung gerieten unter schweren Beschuss von großen Schlachtkreuzern – während die deutschen Schlachtkreuzer wegen des niedrigen Wasserstands nicht rechtzeitig aus der Jade auslaufen konnten. Ein ähnliches Schicksal – bedingt durch taktische Fehler der Kaiserlichen Marine – erlitten auch die anderen deutschen Schiffe, die dort nun als Wrack liegen. Die Übermacht konnten die Deutschen seinerzeit nicht rechtzeitig genug erkennen, weil Nebel über der Nordsee lag.

Dieses erste Gefecht auf hoher See blieb jedoch bei Weitem nicht das einziges dieses Krieges. Mehr als 10.000 Schiffe, Frachter wie Kriegsschiffe, sind Schätzungen zufolge während dieses Krieges weltweit gesunken. Die Schlacht bei Helgoland war damit nur der Anfang eines großen Gemetzels, das vier Jahre dauern sollte.

Der Schutz solcher Fundstellen, sagt Unterwasserarchäologe Huber, sei zwar wichtig für die Forschung, etwa zum Stand der Technik in der damaligen Zeit. „Wesentlich ist dabei aber auch, an die Schrecken des Krieges erinnern zu können.“ Und das geht eben nur, wenn solche Wracks wieder für die Öffentlichkeit sichtbar werden. In Museen – und nicht in Wohnzimmern von privaten Trophäenjägern.

Unter www.seegefecht-helgoland.de sind weitere Hintergründe und Informationen zu der Expedition zu finden.