Schleswig-Holstein

Gülle bedroht die Qualität des Trinkwassers im Norden

Die Hälfte der Fläche des nördlichsten Bundeslandes ist mit Nitrat belastet. Besonders hohe Werte finden sich in der Elbmündung.

Kiel. Die Gülle im Norden bedroht die Qualität des Trinkwassers. Neue Zahlen belegen, wie stark Schleswig-Holstein und Niedersachsen belastet sind. Auf Abendblatt-Anfrage teilte das Kieler Landwirtschafts- und Umweltministerium mit, dass sich rund 50 Prozent der Landesfläche (7688 Quadratkilometer) in einem „schlechten Zustand“ befinden. Die in der Gülle enthaltenen Nitrate sind der Grund dafür.

Im jetzt vorgelegten Nitratbericht des Bundesumweltministeriums heißt es, dass sich an der Belastung des Ni­trat-Grundwassers kaum etwas geändert habe. Allein in Niedersachsen sind im Jahr 2015 rund 60 Millionen Tonnen Wirtschaftsdünger angefallen, also Gülle, Festmist und Gärreste aus Biogasanlagen.

Vor allem Schwangere und Kleinkinder gefährdet

Die Gülle, der Kot von Rindern und Schweinen, enthält Salze der Salpetersäure und wird – wie in diesen Tagen – zum Düngen auf Äcker und Wiesen transportiert. Von dort aus gelangen die Substanzen ins Grund- und Oberflächenwasser. Immer häufiger müssen Wasserversorger deshalb teure Verfahren einsetzen, um das Trinkwasser vor Verunreinigungen zu schützen.

Nitratbelastetes Trinkwasser kann die Gesundheit von Schwangeren und kleinen Kindern gefährden. Der Bundesverband für Energie- und Wasserwirtschaft prognostiziert Kostensteigerungen beim Trinkwasser von bis zu 62 Prozent, um die Substanzen herauszufiltern. Besonders stark nitratbelastet ist neben dem Landkreis Vechta mit der industriellen Schweinemast auch die Elbmündung. Hannovers Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) zufolge geht der Trend in landwirtschaftlich genutzten Gegenden sogar „erkennbar nach oben“. Das hat Folgen: Der Anteil an Grundwassermessstellen in Niedersachsen mit Nitratgehalten über dem gesetzlichen Grenzwert von 50 Milligramm/Liter beträgt rund 50 Prozent.

Kontrollen und Meldepflichten werden verschärft

Wie der Kieler Umwelt- und Landwirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) dem Abendblatt sagte, werde sich das Problem im Zukunft verschärfen. „Der Intensivierung der Tierhaltung sind aus Sicht des Gewässerschutzes deshalb Grenzen gesetzt. Fläche und Tierhaltung müssen zusammenpassen“, fordert er. Da, wo das Land neue Tierställe fördere, sei das bereits eine Maßgabe. Das, was jetzt auf die Felder gelange, werde in Jahren oder Jahrzehnten das Grundwasser erreichen, warnt Nicola Kabel, Sprecherin des Landwirtschafts- und Energieministeriums in Kiel.

Besonders betroffen seien Gebiete mit intensiver Tierhaltung und einer großen Anzahl von Biogasanlagen. „Konservativ gerechnet, gibt es in Schleswig-Holstein einen Überschuss von einer Million Tonnen Gülle und Gärreste, die vor allem auf dem Mittelrücken des Landes anfallen und eigentlich im Land verteilt werden müssten.“ Um die Gülle-Flut einzudämmen, verschärfen Niedersachsen und Schleswig-Holstein derweil Kon­trollen und Meldepflichten für Wirtschaftsdünger. Das niedersächsische Landwirtschaftsministerium hat jetzt eine eigenständige Düngebehörde eingerichtet. „Wir müssen endlich der komplexen und unübersichtlichen Nährstoffströme Herr werden und Verstöße konsequent ahnden“, sagte Minister Christian Meyer (Grüne).

Weg für neues Düngerecht ist frei

Auch Schleswig-Holstein kann erste Erfolge vorweisen, auch wenn sie sich noch nicht messbar auswirken: Dazu gehören neue Wasserschutzgebiete, strengere Dünge-Sperrfristen, bessere Beratung für die Landwirte und neue Ausbringungstechnik. Dazu kommt, dass die Fläche für den Maisanbau seit 2011 um 15 Prozent zurückgegangen ist.

Auch auf rechtlicher Ebene ist einiges in Bewegung gekommen. Nach der Klage der Europäischen Union gegen Deutschland wegen anhaltend hoher Nitratwerte ist der Weg für ein neues Düngerecht zum Schutz des Grundwassers frei. Die Abstimmung über die Novelle wurde jedoch von Mitte Januar auf Mitte Februar verschoben. Geplant ist, dass zunächst alle viehintensiven Betriebe mit mehr als 2000 Mastschweinen oder mehr als drei Großvieheinheiten je Hektar ihre Nährstoffströme bilanzieren müssen. Bauernpräsident Joachim Rukwied weist unterdessen den Vorwurf zurück, die Landwirte gefährdeten mit einem immer höheren Einsatz von Düngemitteln die Trinkwasser-Vorräte: „Wir düngen weniger bei gleichzeitiger Erhöhung der Erträge.“