Brandbrief

Sylt tobt über „unzumutbare Zustände“ durch Bahnausfälle

Auf der Bahnstrecke zwischen Hamburg-Altona und Westerland auf Sylt müssen Reisende mit erheblichen Verzögerungen rechnen

Auf der Bahnstrecke zwischen Hamburg-Altona und Westerland auf Sylt müssen Reisende mit erheblichen Verzögerungen rechnen

Foto: Malte Christians / dpa

Rund 4500 Pendler seien von den Einschränkungen im Bahnverkehr betroffen. Sylt und Niebüll dringen auf sofortige Abhilfe.

Westerland. In einem Brandbrief wegen „unzumutbarer Zustände“ im Bahnverkehr dringen Sylt und Niebüll auf sofortige Abhilfe. „Beschaffen Sie bitte umgehend, nein sofort, mehr Trieb- und Reisezugwagen für den lebensnotwendigen Transfer in unserer Region“, forderten am Donnerstag die Gemeinde Sylt, das Amt Landschaft Sylt und die Stadt Niebüll in einem gemeinsamen Schreiben an den Geschäftsführer des Nahverkehrsverbundes Schleswig-Holstein, Bernhard Wewers. „Sie verantworten, dass die Lebensader der Insel Sylt geschädigt wird und verantworten den Schaden für die gesamte Region.“

Das Schreiben ging zur Kenntnis auch an Verkehrsminister Reinhard Meyer (SPD). Der Hintergrund: Die Nord-Ostsee-Bahn (NOB) hat aufgrund einer defekten Kupplung seit vergangenen Freitag 90 Waggons aus dem Verkehr genommen. Die Überprüfung soll voraussichtlich mehrere Wochen dauern. Bei der NOB war am Donnerstag eine Stellungnahme zunächst nicht zu bekommen.

Unmut und ein Gefühl von Hilflosigkeit

Rund 4500 Berufspendler seien betroffen, hieß es. „Bereits am Freitag musste die Gemeinde Sylt Kindergartenkinder nach Hause schicken, konnte der Schulbetrieb nicht ordnungsgemäß beginnen und im Schichtdienst arbeitende Pflegekräfte nicht abgelöst werden, weil die Beschäftigten nicht zur Arbeit kommen konnten. Geschäfte konnten nicht öffnen und viele vereinbarte Dienstleistungen im öffentlichen, sozialen und privatem Bereich fielen wegen Personalmangels aus.“ Sylt sei fast ausschließlich von einem Verkehrsmittel - der Bahn - abhängig. Wachsender Unmut und ein Gefühl von Hilflosigkeit mache sich breit.

Trotz bundesweit zur Verfügung stehender Trieb- und Reisezugwagen werden dem Schreiben zufolge immer noch nicht alle Berufspendler vom Festland auf die Insel menschenwürdig befördert. Notwendig seien verlässliche Bahnverbindungen mit ausreichender Transportkapazität.

Lösungen brauchen offenbar länger

„Ich verstehe den Unmut der Pendler und die Sorgen auf Sylt sehr gut“, sagte Wewers vergangene Woche. „Die NOB tut alles, um ausreichende Kapazitäten zu organisieren. Und natürlich unterstützen wir sie dabei.“ Leider sei die Herausforderung, spontan 90 Reisezugwagen zu ersetzen, so groß, dass Lösungen etwas länger bräuchten. „Wir sind aber weiter dran. Ich bin heute im Werk in Husum und erörtere die Situation mit der NOB.“

Minister Meyer sollte am Donnerstag von einer Iranreise zurückkehren. Verkehrstaatssekretär Frank Nägele sagte, er könne die Sorgen der Sylter sehr gut verstehen. „Ich erwarte, dass die beteiligten Bahnunternehmen die Verkehre in Kürze so organisieren, dass es zu einer spürbaren Entlastung zumindest in den Stoßzeiten kommt.“

Zahlreiche Pendler hatten am vergangenen Freitag unter den Zugausfällen und Verspätungen gelitten. „600 bis 800 Menschen drängten sich auf dem Bahnsteig, es war katastrophal“, sagte ein Pendler in Niebüll. Wegen der hohen Mietpreise auf Sylt pendeln täglich zahlreiche Handwerker und Angestellte auf die Insel. Täglich sind 18 000 Menschen auf der rund 240 Kilometer langen Strecke zwischen Hamburg und Westerland unterwegs.