Familiendrama in Wedel

Warum mussten Viktoria und Valentin sterben?

Nach dem Fund von zwei Kinderleichen stellen Ermittler Haus und Grundstück auf den Kopf. Doch von der Mutter fehlt jede Spur.

Wedel/Rissen. Wo ist Ximena V.? Nach dem Fund von zwei Kinderleichen in einem Wedeler Bungalow am Sonntag sucht die Polizei fieberhaft nach der 37 Jahre alten Mutter des zweijährigen Jungen und seiner fünf Jahre alten Schwester. Vater Andreas R. hatte sich Sonntag das Leben genommen, als er in Rissen von einem Hochhaus sprang.

Auf dem Grundstück der Familie am Wedeler Kiefernweg haben die Beamten am Montag regelrecht jeden Stein umgedreht. Bereitschaftspolizisten durchkämmten am Nachmittag den großen, verwilderten Garten, während Spurensicherer der Mordkommission Itzehoe seit dem Vormittag jeden Zentimeter im Haus unter die Lupe nahmen.

Handy der Mutter seit Tagen ausgeschaltet

„Was wir brauchen, ist ein Anfasser“, sagt Merle Neufeld, Sprecherin der Mordkommission. Die Bolivianerin Ximena V. sei wie vom Erdboden verschwunden, ihr Handy seit mehreren Tagen ausgeschaltet. „Wir haben keinen Anhaltspunkt, wo wir suchen sollen“, so die Polizeisprecherin weiter. Bereits am Sonntag habe der Einsatz von Suchhunden kein Ergebnis geliefert. Die Ermittler hätten den ganzen Montag über Angehörige und Freunde der Familie befragt – jedoch ohne Erfolg. Am Nachmittag klingelten Zweier-Teams der Polizei an jeder Haustür in der Nachbarschaft.

Am Kiefernweg herrscht am Tag nach dem grausamen Fund, den die Großeltern der Geschwister am Sonntag um 10.30 Uhr gemacht hatten, gespenstische Stille. Nur die Müllabfuhr, die am späten Vormittag die Restmülltonnen leert, sorgt kurzzeitig für etwas Lärm. Elf Häuser stehen in der kleinen Sackgasse, doch kaum ein Bewohner lässt sich auf der Straße sehen.

Staatsanwaltschaft hält Vater für den Täter

Wer vor die Tür tritt, wird sofort von Journalisten und Kamerateams belagert. Die wenigen, die etwas sagen wollen, berichten nur Gutes von der betroffenen Familie. Die Eltern seien immer liebevoll mit den Kindern umgegangen, alle hätten einen glücklichen Eindruck gemacht, die Geschwister gerne und viel in dem großen Garten gespielt. Streitigkeiten oder gar eine länger andauernde räumliche Trennung des Ehepaares will keiner der Nachbarn bemerkt haben.

Und doch muss irgendetwas gewesen sein, muss es einen Auslöser gegeben haben. Die Staatsanwaltschaft Itzehoe ermittelt wegen Mordes, hält weiterhin Andreas R. für den Täter. Die Leichen des zweijährigen Valentin und seiner Schwester Viktoria wurden am Montag in der Rechtsmedizin in Hamburg obduziert. Die Ergebnisse blieben zunächst unter Verschluss. Anzeichen für äußere Gewaltanwendung soll es nicht gegeben haben. Möglicherweise wurden die Kinder erstickt oder vergiftet. Die Leiche von Andreas R. soll Dienstag obduziert werden.

Wann wurde die Mutter zuletzt gesehen?

Der Familie gehörte eine Ein-Zimmer-Wohnung in dem Rissener Hochhaus an der Straße Achter Lüttmoor, von dem sich Andreas R. in den Tod stürzte. Dort erinnert am Montag fast nichts mehr an die Tat. Es gibt keine Absperrbänder oder Spurensucher. Allein ein Polizeiwagen, der vor dem Hochhaus parkt, stört das Bild. Die Beamten kontrollieren das Haus. Dort soll zeitweise Ximena V. mit den beiden Kindern gelebt haben. In der Nachbarschaft weiß keiner von der Familie.

Ximena V. arbeitet als Entwicklungsingenieurin für ein großes Unternehmen in Hamburg, zudem ist sie als Referentin für die Familienbildung in Wedel tätig gewesen. Sie gab Unterricht in ihrer Heimatsprache Spanisch. Wann sie hier das letzte Mal gesehen wurde, bleibt unklar. Die Familienbildung in Wedel war nicht zu erreichen. Klar ist dagegen, dass das Familiendrama eine Einrichtung auf der anderen Seite der Landesgrenze erschüttert hat. Denn in einer evangelischen Kita in Rissen wurden die getöteten Kinder betreut. Dort wurde ein Notfallseelsorger gerufen.

Suche der Mordkommission geht weiter

Blumen oder Kerzen sucht man vor dem weißen Bungalow in Wedel vergeblich. Dort läuft den ganzen Tag über die Nachsuche der Mordkommission. Ermittler in weißen Schutzanzügen gehen ein und aus. Sie öffnen das Garagentor, heben ein Damenfahrrad mit Kindersitz heraus, um drinnen mehr Platz für die Spurensuche zu habe. In der Garage parkt noch der Mercedes A 180 mit Pinneberger Kennzeichen. Penibel wird der Wagen von innen und außen nach Spuren abgesucht.

Währenddessen nehmen sich Bereitschaftspolizisten den Garten vor, der an die S-Bahn-Strecke angrenzt. Jeder Zweig wird beiseitegeschoben, unter jeden Busch und jeden Strauch geschaut. Auch drei große Säcke mit dem Aufdruck einer Wedeler Baumarktkette, die am Grundstückszaun unter mehreren Bäumen lehnen, werden unter die Lupe genommen. Doch sie enthalten nur große Steine, wie sie etwa zum Bau eines Friesenwalls benötigt werden. Am späten Nachmittag rücken die Ermittler ab. Am Mittwoch geht die Suche der Mordkommission weiter.