Schleswig-Holstein

Sascha Kruse ist freiberuflicher Golfballtaucher

Golfballtaucher Stefan Kruse. Für Stefan Kruse beginnt langsam wieder die Saison. Im Golfclub Kaden taucht er an diesem Vormittag nach Golfbällen. Gut Kaden bei Alveslohe

Golfballtaucher Stefan Kruse. Für Stefan Kruse beginnt langsam wieder die Saison. Im Golfclub Kaden taucht er an diesem Vormittag nach Golfbällen. Gut Kaden bei Alveslohe

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Erst fischt er sie aus den Teichen, dann wäscht er sie und verkauft sie: Die kleinen weißen Kugeln sind das Geschäft von Sascha Kruse.

Alveslohe.  Blubb, blubb. Ein paar Luftblasen ziehen ihre Kreise in dem Teich. Im Zentrum dieser Ringe muss Sascha Kruse sein. Man ahnt ihn nur und sieht ihn nicht. Denn seine Arbeit geschieht an diesem frühen Morgen auf Gut Kaden im Verborgenen auf dem Grund des bis zu vier Meter tiefen Teiches. Sascha Kruse sucht und sammelt Bälle, die beim Abschlagen im Wasser landen. Der 41-Jährige ist als freiberuflicher Golfballtaucher in Schleswig-Holstein, Hamburg und Niedersachsen unterwegs.

Sein Kopf taucht auf aus dem neun Grad kalten Wasser an der Bahn C2 hinter dem Clubhaus. Er ist noch fast allein, nur ein paar Frauen üben auf dem Puttinggreen mit ihrem Lehrer den richtigen Abschlag. Es seien eher die Männer, die später risikofreudiger sind und drauflosschlagen. Es geht ja beim Golf darum, mit möglichst wenigen Schlägen den Ball ins Loch zu bringen. Deren Golfbälle landen dann eher mal im Wasser. „Die Frauen schlagen lieber häufiger, um ihren Golfball nicht dem Teich zu opfern“, sagt Sascha Kruse, als er nach drei Stunden fertig ist.

Schwerfällig hievt er sich mit seiner rund 30 Kilogramm schweren Taucherausrüstung aus dem Wasser, zieht sich die Flossen aus, pult sich aus dem Trockenanzug. Dann steht da ein großer sportlicher Mann, der mit kleinen Kugeln sein Geld verdient. Die Bilanz heute: Um die 1500 Bälle hat er aufgespürt. Sascha Kruse ist zufrieden. Sehen kann er die Golfbälle im trüben Teichwasser nicht. Er muss sie ertasten. In sechs Netzen hat er die Bälle ans Ufer gelegt. Weiße, dreckig braune, orange, gelbe und pinke Bälle sind darin. Kaum zu glauben, dass der Vater von zwei Töchtern mit diesen weißen Kugeln, Perlen wie er sie nennt, das Leben seiner Familie finanzieren kann. Dann greift er eine schneeweiße Kugel aus dem Netz und hält sie in den Händen und erklärt das Einmaleins der Golfbälle: Die schneeweiße Kugel der Marke Titleist Modell Pro V1 sei der Mercedes unter den Golfbällen, eine Golfball-S-Klasse sozusagen. „Nach dem Waschgang wird das erste Wahl“, sagt er.

Waschgang? In einer speziellen Golfballwaschmaschine werden sämtliche Bälle gereinigt. Ein sauberer Golfball zeigt nicht nur bessere Spieleigenschaften und schont den Schläger, sondern bringt auch mehr Geld in Kruses Kasse. Denn nach dem Tauchgang fängt die eigentliche Arbeit an: Die Bälle werden zu Hause im Keller seiner Doppelhaushälfte in Lentföhrden gewaschen und in Bälle erster, zweiter und dritter Wahl sortiert, je nach Zustand und Modell. „Für diese Perle bekomme ich noch 1,72 Euro“, sagt er. Und das ist viel, die meisten bringen eher 20 bis 30 Cent. „Das funktioniert über die Masse.“ 150.000 Bälle im Jahr verkauft er im Schnitt. Der Tauchgang ist dabei nur Mittel zum Zweck. Er bietet die gebrauchten Golfbälle über seine Homepage an und verkauft sie außerdem über die Golfclubs. Von März bis Mitte November taucht er auf 35 Plätzen in und um Hamburg nach Bällen. Im Moment ist er dafür zwei- bis dreimal die Woche unterwegs, etwa 75-mal im Jahr. Manchmal fischt er auch Handys aus dem Wasser oder Golfcaddys.

Dass eher wohlhabende Golfer auf gebrauchte Bälle zurückgreifen, erscheint merkwürdig angesichts der SUVs, Porsche und anderen dunklen teuren Autos auf dem Parkplatz von Gut Kaden. Die könnten sich doch alle locker neue 1a-Bälle für fünf Euro leisten. Aber bei einem Verbrauch von durchschnittlich 100 Bällen im Jahr, lohnt sich eine auf Vordermann gebrachte Perle von Sascha Kruse eben doch.

Sascha Kruse ist nicht nur mit der heutigen Ausbeute zufrieden, er ist es auch mit seiner Arbeit – das ist ihm anzumerken. Er macht das, was ihm Spaß macht, und das schon, seitdem er mit 14 Jahren zum ersten Mal nach einem Golfball gefischt hat. „Ich war wohl schon immer von den Golfbällen besessen“, sagt er. Er hat aber auch etwas „Vernünftiges“ gelernt. Als Großhandelskaufmann arbeitete er für eine dänische Sportartikelfirma, begann 2003 den Nebenjob als Golfballtaucher, machte sich damit 2007 selbstständig und seitdem laufen die Geschäfte.

So ungefährlich wie der Tauchgang aussieht, ist es gar nicht. „Tauchen ist eigentlich ein Buddysystem“, sagt Kruse. Das heißt, man sollte immer zu zweit tauchen. Schlingpflanzen etwa könnten ihm gefährlich werden, wenn sich seine Ausrüstung verheddert. Für einen zweiten Taucher lohnt sich das Geschäft aber nicht. Also muss er besonders vorsichtig sein – und bisher ging alles gut. Auch einen Golfball hat er noch nicht an den Kopf bekommen. Damit das so bleibt, arbeitet er frühmorgens oder in den Abendstunden.

Er ist genau rechtzeitig fertig geworden. Gerade kommen zwei Herren und eine Dame mit ihren Caddys vorbei. Der Herr schlägt ab und Sascha Kruse verfolgt die Flugbahn. Weit, sehr weit ist diese. Weit genug, dass der Ball nicht ins Wasser platscht. Schade eigentlich. Aber das darf Sascha Kruse nur denken und nicht sagen.

Weiter Infos über Sascha Kruse und seine Arbeit gibt es unter www.golfcomeback.de