Tradition

Nordfriesen feiern ihre Heimatverbundenheit

Biikebrennen ist ein Fest für Alt und Jung. Seit 2014 zählt es zum immateriellen Kulturerbe Deutschlands

Biikebrennen ist ein Fest für Alt und Jung. Seit 2014 zählt es zum immateriellen Kulturerbe Deutschlands

Foto: imago/Christian Ditsch

Am 21. Februar wird auf Sylt und vielerorts an der nordfriesischen Küste die Biike angezündet. Ein Fest voller Mythen und Geschichten.

Westerland.  Wenn am 21. Februar der Ruf „Tjen di Biiki ön!“ (Zündet die Biike an!) ertönt, werden wieder Tausende Einheimische und Gäste um die neun Biike-Feuer stehen. Auch auf Amrum und Föhr, den Halligen und in weiten Teilen des nordfriesischen Festlands lodern an diesem Tag die Feuer.

Für die Nordfriesen ist der 21. Fe­bruar ein Nationalfest, das Feuer ein bewegendes Ereignis, für das auch auf dem Festland lebende Sylter gerne nach Hause zurückkehren. Die Biike symbolisiert Verbundenheit, Stolz und Heimatliebe. Das Brennmaterial wurde früher von der Sylter Dorfjugend gesammelt. Vergangenes Jahr ließ der Tinnumer Dorfverein diese Tradition wieder aufleben und band die Grundschüler der Boy-Lornsen-Schule in das Einsammeln des Brennguts ein.

Die Meisten feiern bis in den Petritag

Die aufgeschichteten Stapel werden bis zum 21. Februar bewacht – um zu verhindern, dass das Nachbardorf sich einen schlechten Scherz erlaubt und die Biike vorzeitig in Brand setzt. Traditionell führen Fackelzüge zu den Biikeplätzen. Die Sprecher der Gemeinden halten ihre Ansprache auf Söl’ring, dem Sylter Friesisch, sowie auf Hochdeutsch: Es geht um das Brauchtum, aber auch um die Missstände auf der Insel. Danach ertönt die Sylter Hymne „Üüs Söl‘ring Lön“ (Unser Sylter Land). Nach der Biike trifft man sich, schnackt, isst Grünkohl mit Pinkel und gönnt sich das eine oder andere Schnäpschen. Nicht wenige feiern in den Petritag am Tag darauf hinein. Am „Petri-Stuhltag“, der katholischen Bezeichnung für den Tag der Inthronisation des ersten Bischofs in Rom, hielt man ursprünglich in Keitum einen Thing, den Gerichtstag, ab.

Es gibt viele Mythen und Geschichten zum Biikefeuer

Um das Biikefeuer ranken sich viele Mythen. Geschichtlich erwähnt wurde die Biike erstmalig im Jahr 1566 auf der Insel Strand. Doch das Feuer wurde seinerzeit als „heidnische Abgötterei, falscher Gottesdienst und des gottlosen Papsttums Überreste“ verboten, wie der nordfriesische Heimatforscher Albert Panten in seinem Buch „Das Biikebrennen der Nordfriesen“ (mit Hubertus Jessel), schreibt. Seit jeher soll das Biikefeuer die Saat schützen, böse Geister und den Winter vertreiben. Der Sylter Chronist Christian Peter Hansen, besser bekannt als C.P.-Hansen, entwickelte seine eigene Theorie zur Biike: Seinen Aufzeichnungen nach wurden die Walfänger mit den großen Feuern verabschiedet. Auch hatte er die Biike als Opferfeuer für den germanischen Gott Wodan gedeutet. „Geschichtlich ist das zwar nicht belegt, aber C.P.-Hansen hat einen ganz wichtigen Beitrag für das Biikebrennen als Brauchtum geleistet. Er hat den Syltern dieses Fest als identitätsstiftende Tradition zurückgegeben“, sagt die Sylterin Maren Jessen, 2. stellvertretende Vorsitzende im Heimatverein Sölring Foriining.

Dass die Sylter ihre Biike unbeschwert als Ausdruck für ihre Heimatverbundenheit feiern konnten, war nicht immer selbstverständlich. „Die Nationalsozialisten nutzten alte Tra­ditionen schamlos für ihre Propa­gandazwecke, so bekam für die nach­folgende Generation alles Heimatverbundene einen Beigeschmack“, sagt Maren Jessen.

Seit 2014 zählt das Biikebrennen zum immateriellen Kulturerbe der Unesco

Der heute 84-jährige Sylter Niels Diedrichsen erinnert sich noch gut an die Biikefeuer, die er als junger Mann erlebte. „Damals marschierte noch die SA vorweg. Da war die Biike noch auf dem Jens Mettenberg“, erzählt der Lister nachdenklich. Auf der höchsten Düne, dort, wo heute eine Aussichtsplattform einen atemberaubenden Blick auf Dünen und Meer preisgibt, wurde seinerzeit das Feuer entflammt.

Als Brenngut dienten jedoch nicht wie heute vorwiegend ausgediente Weihnachtsbäume: „Wir haben Strandholz gesammelt, Plastik und allerhand anderes. Da wurde damals noch nicht so drauf geguckt“, sagt Diedrichsen. Dass man nach der Biike noch zusammensaß, gar Grünkohl aß, war noch nicht üblich. „Jedenfalls nicht hier in List, hier war ja überall Militär. Das kam erst später, mit der Feuerwehr, die nach dem Krieg eine große Rolle spielte.“ Im Lauf der Jahrzehnte hat die Biike zunehmend auch Touristen in den Bann gezogen. Seit 2014 zählt das Biikebrennen zum immateriellen Kulturerbe Deutschland der Unesco. Ein wichtiges Zeichen, verbunden mit der Verpflichtung, den ursprünglichen Brauch zu pflegen und zu bewahren, findet Maren Jessen. Denn Stände mit Bratwurst und Glühwein an den Biikeplätzen gehören nicht zur Tradition.

Neben der Tradition da die Biike auch einen wirtschaftlichen Faktor

Doch die Biike ist längst zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor in der sonst ruhigen Jahreszeit für die Insel geworden. Das fordert auch die Syltmarketing GmbH (SMG) heraus: In der Vermarktung des Biikefestes ist Fingerspitzengefühl gefragt. „Allen ist bewusst, dass die Biike ein Fest der Sylter ist, das man aber auch touristisch nutzen kann. Doch die Einwohner müssen immer noch eine relevante Größe darstellen“, sagt SMG-Geschäftsführer Moritz Luft. Hilfreich sei es auch, die Gäste zur Biike an die Hand zu nehmen, ihnen die friesischen Liedtexte zu geben und als Hotelier mit ihnen gemeinsam die Biike zu besuchen.

Auch für Maren Jessen ist klar: „Die Biike würde auch ohne Touristen stattfinden, jedoch freuen wir uns, wenn wir Außenstehende für eine friesische Tradition begeistern und somit für die Belange einer Minderheit mit eigenen Bräuchen werben können.“ Tourismustreibende und Sylter seien gleichermaßen in der Pflicht, Sylt-Gästen den historischen Hintergrund des Festes zu vermitteln.