Schleswig-Holstein

Die ganze Wahrheit über den Pharisäer von Nordstrand

Der Pastor Adolph Georg Bleyer

Der Pastor Adolph Georg Bleyer

Foto: Jule Bleyer

Pastor Adolph Georg Bleyer verdankt das nordfriesische Nationalgetränk seinen Namen. Wer er wirklich war, enthüllt seine Ururenkelin.

Kurz hinter der kleinen Backsteinkirche hört die Welt auf. Noch ein Feld, ein paar Schafe, dann verschwimmt alles. Die Insel, diese grasbedeckte Untertasse, die sofort mit Wasser volllaufen würde, wäre sie nicht von Deichen eingeschlossen, liegt in dichtem Nebel.

Der Pastor durchschreitet ihn mit schnellen Schritten auf dem Weg zu dem Friedhof, der einige Hundert Meter entfernt liegt. Er hat nicht mehr viel Zeit, gleich steht eine Beerdigung an. Auf eine kleine Skurrilität will er mich aber noch aufmerksam machen. „Hier“, sagt Thorsten Wiese, und zeigt auf ein Grab, etwa zehnte Reihe rechts. Auf den ersten Blick sieht es unscheinbar aus, doch über dem Grabstein mit Namen und Lebensdaten steckt noch ein kleines Kreuz mit einer Inschrift: „Die erste Leiche dieses Friedhofs, 1876.“

Ohne Zerfall kann nichts Neues geboren werden, heißt es. Das gilt auch für Friedhöfe. Der Pastor schmunzelt. Ungewöhnliche Sachen gibt es hier. Und nur ein paar Reihen weiter, vorn rechts neben dem Eingang, liegt ja noch eine ganz andere Geschichte begraben.

Mein Ururgroßvater, der bis heue als Spielverderber gilt

Ich bin hergekommen, um ein bisschen zu buddeln. Nicht wirklich tief, eigentlich wollte ich nur mal gucken, woher diese Anekdote kommt, die ganz Norddeutschland kennt, und was es mit den Gerüchten auf sich hat, die man sich in meiner Familie gern erzählt. Und so stehe ich an diesem Vormittag vor dem schweren dunklen Grabkreuz, das über einem kleinen Beet mit wenigen Blümchen und viel Erde aus dem Boden ragt, und lese die Inschrift: „Hier ruht Pastor Bleyer, geb. 19. November 1822 in Altona, gest. 27. Juni 1880 auf Nordstrand.“

Da liegt er also, mein Ururgroß­vater Adolph Georg Bleyer, von dem mein Vater mir als Kind erzählt hat und der heute noch allgemein als Spießer und Spielverderber gilt, vor allem bei den Touristen, die sich gern über ihn lustig machen und sich freuen, dass es seinerzeit Menschen gegeben hat, die versuchten, den alten Kümmelspalter an der Nase herumzuführen.

Die Geschichte ist ja auch zu schön: Es war auf dem Hof des angesehenen Nordstrander Landwirts Peter Georg Johannsen bei der Tauffeier seines sechsten oder siebten, manche sagen auch seines neunten Kindes – es muss Johanna Theodora 1872 oder ein Jahr später Helene Petrea gewesen sein (auch die Nachkommen, die heute noch auf Nordstrand leben, vermögen das nicht genau zu sagen). An der Kaffee­tafel saß damals auch mein Ururgroßvater, der der Kleinen gerade den Segen erteilt hatte, und weil es so gemütlich zuging, blieb er da auch erst einmal sitzen. Was den anderen Gästen gar nicht behagte, denn zu dieser Zeit geziemte es sich nicht, in Anwesenheit des Pastors Alkohol zu trinken.

Heimlich Rum in den Kaffee – die Geburt des Pharisäers

Da kannenweise Kaffee nicht recht für Stimmung sorgen wollte, hatte Landwirt Johannsen, der auch sonst an nichts gespart und sich seine Zigarre schon mal mit einem Hundertmarkschein angezündet haben soll, eine Idee: Er wies die Mamsell Sophie an, die Kaffeetassen fortan nicht mehr ganz voll zu gießen und stattdessen einen ordentlichen Schuss Rum hineinzugeben. Damit dieser jedoch nicht zu riechen sei, sollte sie obendrauf eine Schicht Sahne setzen. Und zwar für alle Tassen – nur die für Pastor Bleyer ohne Rum. Ein paar Runden soll das Ganze dann auch gut ge­gangen sein, bis ein Unglück es wollte, dass mein Ur­urgroßvater eine Rum geschwängerte Tasse erwischte, kostete und das Spiel durchschaute. Daraufhin erhob er sich und rief in die Runde: „Oh, ihr Phari­säer!“

Ob er wirklich versehentlich eine Pharisäer-Tasse vorgesetzt bekam, weil das Küchenpersonal in der Zwischenzeit ebenfalls ausgiebig von der Erfindung gekostet hatte, oder ob er schlicht bemerkte, wie um ihn herum alle immer fröhlicher wurden, und nach der Tasse seines Sitznachbarn griff, ist nicht eindeutig zu klären, aber fortan hatte das Getränk seinen Namen.

Diese Geschichte ist weithin bekannt, und sie ist auch wahr. Der Nordstrander Mühlen­besitzer und Heimatforscher Andreas Busch, der zwar erst nach dem Tod meines Ururgroßvaters geboren wurde, aber den Taufvater gut gekannt hatte, schrieb in Artikeln in den „Husumer Nachrichten“ und in der Zeitschrift „Die Heimat“ über dieses Ereignis, und auch die Nachfahren von Bauer Johannsen erinnern sich, wie ihre Väter davon erzählten. Wahr ist aber auch, wie ich heute weiß, dass mein Ururgroßvater in vielerlei Hinsicht nicht der war, für den man ihn nach dieser Erzählung halten mag.

Denn abseits der fröhlichen Geselligkeit der Gasthöfe, im Schatten der Nordstrander Backsteinkirche, hinter dem Nebel, tut sich die ganze Geschichte auf. Eine, die nicht in den kleinen, mit blau-weißen Kaffeetassen bedruckten Flyern für die Touristen zu finden ist. Diese Geschichte handelt von dem Schicksal der norddeutschen Provinz, von aufrichtigen Absichten und scheinheiliger Moral, von Suff, Vergehen, Wahnsinn und Tod. Und von Theodor Storm. Husums bekanntester Sohn war nämlich nicht nur Schriftsteller, sondern auch Jurist, und er musste sich in seiner Funktion als Amtsrichter im tiefsten Winter 1868 nach Nordstrand aufmachen, um gegen meinen Ururgroßvater zu ermitteln. In einem Fall, der Storm „psychologische Räthsel“ aufbürdete, wie er es selbst formulierte.

„Die Geschichte des Pharisäers wird heute natürlich immer mit einem Schmunzeln erzählt“, sagt Pastor Thorsten Wiese. „Dabei hat sie einen sehr ernsten Hintergrund.“ Denn Alkohol, so Wiese, „war und ist hier ein Problem“, wie vielerorts in diesem Landstrich. Seitdem er im Jahr 2000 seine erste Stelle in der Kirche Nordstrand-Odenbüll antrat, 135 Jahre nach meinem Ururgroßvater, gehört auch dieses Thema zu seinem Alltag. Sein unmittelbarer Vorgänger, so Wiese, habe in der Öffentlichkeit ganz bewusst nie einen Schluck Alkohol getrunken. Und beim Abendmahl gibt es schon lange keinen Wein mehr, sondern Traubensaft, damit niemand, der krank ist, sich outen muss.

Natürlich ist das in anderen Gemeinden nicht anders. Doch wer hier, obwohl Mittagszeit, im Schein der Deckenlampe im Pastorat sitzt und sich ausmalt, wie es war, bevor Anfang des 20. Jahrhunderts der erste Damm zum Festland gebaut wurde und die stürmende Nordsee gegen die Deiche drückte, kann sich vorstellen, dass man sich nach etwas sehnte, was einen zumindest für einen Moment auch von innen wärmte. Aus dieser Zeit soll auch der Ausspruch stammen: „Wat, du giffst dat ganze Geld ut för Broot, un wi hebbt keen Köm in ’t Huus – wat sünd dat för Tostänn!“ Oder auch einfacher: „Es trinkt der Mensch, es säuft das Pferd – auf Nordstrand ist es umgekehrt.“

Bauer Johannsen verfiel dem Alkohol

„Pastor Bleyer hat das vermutlich erkannt und versucht, die Menschen zu warnen“, sagt Thorsten Wiese. Für seine Zeit sei er nämlich ein innovativer Mann gewesen, was sich zum Beispiel an dem Friedhof zeige, auf dem er nun in der ersten Reihe liege. Mein Ururgroßvater ließ ihn mit ausreichend Abstand zur Kirche neu anlegen, weil die Warft, auf der die Kirche liegt, durch weitere Gräber in Gefahr geraten wäre. Der vierfache Vater Wiese hat sich jüngst intensiv mit allen seinen Vorgängern beschäftigt, anlässlich des 900. Jubiläums seiner Kirche hat er ein ganzes Buch über deren Geschichte zusammengestellt. Dabei fand er auch heraus, dass Pastor Bleyer bei den Nordstrandern so unbeliebt nicht gewesen sein konnte. Sein Sohn Gustav Adolf, der ebenfalls Pastor war, allerdings in Nordhastedt, wurde nach Adolph Georg Bleyers Tod mehrfach eingeladen, um auf Nordstrand Festpredigten zu halten. „Er hat die Gemeinde auf der Tauffeier ja auch nicht mit dem Holzhammer zurechtgewiesen“, sagt Wiese. Stattdessen habe er mit dem „Pharisäer“ eine nette Formulierung gewählt, eine Metapher als Umschreibung. „Er hätte sie ja genauso gut ,Lügner‘ oder ,Betrüger‘ nennen können.“

Manch einer will meinem Ururgroßvater sogar die bemerkenswerte Weitsicht zugestehen, geahnt zu haben, wie der Gründerrausch nach dem gegen Frankreich gewonnenen Krieg 1870/71 ausgehen würde. So habe er seine Schäflein immer wieder davor gewarnt, sich der „Wohlstandseuphorie“ hinzugeben, also sich auf günstige Kredite für die Modernisierung ihrer Höfe einzulassen und sich so „zu verschulden und obendrein noch – aus lauter Begeisterung über fragwürdigen späteren Reichtum – Haus und Hof, vor allem aber die Gesundheit zu vertrinken“, wie es in einem Artikel in den „Husumer Nachrichten“ Anfang der 1970er-Jahre zu „100 Jahre Pharisäer“ hieß. Jedoch habe man nicht auf ihn gehört, „und empfand seine eindring­lichen Warnungen als lästig“. Ob man das so glauben mag oder nicht, unberechtigt waren seine Predigten aber sicher nicht: Denn der Landwirt Johannsen, bei dessen Tauffeier der Pharisäer erfunden wurde, verfiel dem Alkohol so sehr, dass er seinen Hof nicht mehr führen konnte und entmündigt wurde.

„Na, jetzt mal runter damit!“, sagt Detlef Scheler und grinst mich über den Tisch hinweg an. Der erste Pharisäer meines Lebens schmeckt ganz schön stark, zu stark eigentlich für diese Uhrzeit, doch das kann ich einem wie Scheler nicht sagen. Schon gar nicht hier im Pharisäerhof, dem ehemaligen Bauernhof im Elisabeth-Sophien-Koog, auf dem damals besagte Taufe stattfand und in dem sich heute ein Café befindet. Scheler hat den Hof mit dem urigen Reetdachhaus gemeinsam mit seiner Frau vor fünf Jahren übernommen. Durch Zufall kamen sie hierher, doch heute weiß er, dass er es gar nicht besser hätte planen können. „In den ersten Wochen konnten wir gar nicht so viel Rum ranschleppen, wie die Leute getrunken haben“, erzählt Scheler. Seitdem bestellt er immer 20 Kisten auf einen Schlag – und muss laufend nachbestellen.

„Ich habe erst im Nachhinein registriert, dass der Laden seit 25 Jahren überregional bekannt ist“, sagt Scheler. „Wir haben Stammgäste, die kommen aus ganz Schleswig-Holstein.“

Detlef Scheler stammt aus Hamburg, er ist gebürtiger Vier- und Marschländer, doch als gelernter Binnenschiffer war er 33 Jahre auf den Flüssen und Kanälen zwischen Berlin, Rotterdam und Budapest zu Hause. Erst auf Fracht-, dann auf Fahrgastschiffen. Und so lag es für ihn und seine Frau Kirsten, als sie das „Haifischbecken Binnenschifffahrt“, wie Scheler sagt, nicht mehr aushielten, nahe, sich nach einem Gastronomiebetrieb an Land umzusehen. Am besten irgendwo idyllisch gelegen. Nachdem es mit einem Hotel Garni auf Pellworm nichts wurde, bot der Makler ihnen den Pharisäerhof auf Nordstrand an. „Als der anfing, das sei hier was ganz Besonderes, dachte ich nur: Hör auf mit deinem Klimbim“, sagt Scheler. „Doch er hatte ja recht.“

In den 80er-Jahren wurde der Pharisäerhof ein Café

Den „Klimbim“ hatten auch seine Vorgänger zunächst nicht erkannt. Hilke Martens und ihr Mann Karl Addi, dessen Großvater den Johannsen-Hof 1911 gekauft hatte, waren viel zu beschäftigt mit der Ernte und den Schweinen. Heute lachen sie darüber. Für sie ist die Geschichte gut ausgegangen. Sie laden mich spontan in ihr Wohnzimmer ein, als ich auf gut Glück an ihrer Tür im Husumer Stadtteil Schobüll klingle, und holen Unterlagen und alte Zeitungsartikel hervor. Sie wohnen mittlerweile auf dem Festland, wenige Autominuten vom Pharisäerhof weg, aber doch mit genügend Abstand.

Es war die Mutter von Karl Addi Martens, die in den 80er-Jahren die Idee zu dem Café hatte. Schon damals hielten mit Touristen voll beladene Busse aus dem Norden, aber auch aus dem Rheinland und sogar aus Bayern vor ihrem Hof, der Geburtsstätte des Nordstrander Nationalgetränks. „,Mien Deern‘, hat sie gesagt“, erzählt Hilke Martens, „nun stell doch mal ein paar Tische auf und verkauf ein paar Pharisäer.“ Pharisäer zum Kaffeekränzchen sei damals zwar gang und gäbe gewesen, aber daran, die Geschichte ihres Hofs zu vermarkten, hätten Hilke und Karl Addi Martens gar nicht gedacht. Auch auf den Namen „Pharisäerhof“ musste sie erst eine Bekannte bringen. „Wir haben dann ganz simpel angefangen, das Café lag direkt neben dem Schweinestall“, sagt Hilke Martens. Doch dann kamen die Leute. „Das waren unsere schönsten Jahre“, sagt die heute 75-Jährige, und ihr Mann nickt. „Was für ein Erbe das war, viel mehr wert als ein paar Hektar Land.“

Die Schelers, die den Hof dann von den Martens’ übernommen haben, wollen sich zwar nicht allein auf der Pharisäergeschichte ausruhen und haben dem Hof mit einem Hotelanbau, in dem sich Gäste mit Hunden einquartieren können (Motto: „Urlaub frei Schnauze“), einen „neuen Touch“ gegeben. Doch die gute Stube, in der die Martens das Café eingerichtet haben, ließen sie unverändert, auch wenn Detlef Scheler sich mit dem altertümlichen Stil nicht so wirklich anfreunden kann. „Aber die Leute“, sagt er, „die stehen drauf.“

Über seine Ermittlungen berichtete Storm sogar seinem Freund Fontane

Und die werden nach wie vor busseweise vor seiner Tür abgesetzt, um bei ihm ein Stück Kuchen zu essen und einen Pharisäer zu trinken. Und natürlich, um die Geschichte von der Taufe vor ungefähr 140 Jahren und dem strengen Pastor Bleyer zu hören. Das Ende schmückt Scheler gern ein wenig aus, indem er erzählt, der Kirchenmann habe dann aber selbst mal probieren wollen und befunden, dass das Ganze so schlecht ja nun doch nicht schmecke. „Dann johlt der ganze Laden“, sagt Scheler. Als Geschäftsmann ahnt er: Von Sorgen um Alkoholkranke und versoffenen Höfen möchten die Ausflügler eher nichts hören.

Lieber bastelt Scheler darum an einer neuen Episode der Geschichte: dem Pharisäer-Eis. Doch damit hapert es noch ein wenig. „Man bekommt den Geschmack von kaltem Kaffee und von kaltem Rum hin“, sagt Scheler. „Aber es schmeckt einfach nicht so, wie wenn der Kaffee den Rum warm macht.“

Bei Hilke und Addi Martens ging es traditioneller zu, die ganze Geschichte haben aber auch sie nie erzählt. Warum sollte man auch, wenn man Gäste zu bewirten hat, die sich mit einem streiten, weil sie ihren Pharisäer in der großen, mit Schriftzug versehenen „original Pharisäer-Tasse“ serviert bekommen möchten, und man ihnen nicht klarmachen kann, dass die „original Pharisäer-Tasse“ eine ganz normale Kaffeetasse gewesen sein muss, weil das Getränk seinen Namen doch noch gar nicht hatte. Dabei kennen die Martens’ auch die ganz andere Seite des Pastors Bleyer, die, von der man sich damals auf der Insel erzählte. Die dunkle Seite.

Und hier kommt Theodor Storm ins Spiel. In einem Brief an seinen Sohn Hans beschreibt er im November 1868 eine Reise nach Nordstrand: „Als wir Montag Morgen per Dampfschiff ankamen, mußten wir bei den unergründlichen Wegen über 1 Stunde, ich auf Gummischuhen im dicken Rock, zu Fuß gehen, um die Mitte der Insel, unser Quartier u. das dabei belegne landschaftliche Gerichtshaus zu erreichen. Schweißtriefend kamen wir an; dann ein Butterbrot; und dann inquirirten wir 9 Stunden ohne aufzusehen. Um 8 1/2 U. aßen wir Mittag. Am Dienstag wieder bis 8 U. Abends inquirirt. (…) Mittwoch Abend 8 U. waren wir fertig, marschirten im Mondesdämmer wieder durch die Insel.“

Die Reise dauerte vier Tage und bestand neben der beschwerlichen An- und Abfahrt von und nach Husum, für die man heute mit dem Auto wenige Minuten braucht, vor allem aus Verhören. Den Grund dafür hat Storm auch in einem Brief an seinen Schriftstellerkollegen und Brieffreund Theodor Fontane festgehalten, mit dem er sich über Jahrzehnte austauschte. So schrieb Storm am 21. November 1868: „Morgen soll ich nach einer unsrer Inseln Nordstrand, um gegen den dortigen Pastor, der – so scheint es – erst sein kleines Dienstmädel verführt und sie dann, da sie die Geschichte offenbart, nicht hat zur Beichte lassen wollen, die Disciplinaruntersuchung zu führen.“

Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gegen den Pastor

Im Brief Storms an Fontane mag das harmlos klingen – und erst recht in dem Brief an seinen Sohn, in dem es heißt, der Pastor solle das Mädchen „zu eifrig mit einer Blume“ verglichen haben. Doch hinter dieser lyrischen Umschreibung steckte ein schwerwiegender Vorwurf: Pastor Bleyer soll sein Dienstmädchen, das zu diesem Zeitpunkt 17 Jahre alt gewesen ist, sexuell belästigt haben. Das belegt eine Akte des „Königlichen evangelisch-lutherischen Consistoriums zu Kiel“, die heute noch im Landesarchiv Schleswig-Holstein in Schleswig verwahrt ist.

Darin findet sich die Aussage von Juliane Carstensen, die im August 1867 ihren Dienst bei Pastor Adolph Georg Bleyer angetreten hatte. Bei „wiederholten Vernehmungen“ habe sie demnach „übereinstimmend angegeben und fest darauf bestanden, daß der Pastor Bleyer sich ihr, bald nachdem sie in dessen Dienst getreten, mit Liebkosungen genähert, sie öfters um Mitternacht in ihrer Schlafkammer besucht und endlich eines Nachts im October, gegen Morgen, mit ihr den Beischlaf vollzogen habe“.

Die Akte Abt. 163 Nr. 2240 mit dem Titel „Nordstrand: Untersuchung gegen Pastor Bleyer, 1868–1872“ des Kieler Consistoriums kann jeder einsehen, der sie beantragt. Als Erster daraus zitiert hat Karl Ernst Laage in seinem 2007 erschienenen Buch „Theodor Storm – Neue Dokumente, neue Perspektiven“, in dem er auch den Zusammenhang zu den Briefen Storms herstellt. Laages Interesse galt natürlich Theodor Storm und nicht meinem Ururgroßvater, doch das wenige Seiten umfassende Kapitel über Storms Arbeit als Untersuchungsrichter auf Nordstrand bildet quasi ein fehlendes Puzzlestück in der Geschichte des Moral und Sittlichkeit predigenden Pastors Bleyer.

Dass bei meinem Besuch auf der Insel der Name Storm überhaupt fällt, ist wohl Zufall. Zu der Geschichte des Pastors gibt es zwar viele Gerüchte, und auch in meiner Familie hieß es bis dahin immer, er habe es zwar mit dem Alkohol sehr genau genommen, nicht aber mit den Frauen. Die Rolle Storms in meiner Familiengeschichte lag bislang im Verborgenen. Oder besser gesagt, sie stand in einem der hinteren Regale im Archiv der Theodor Storm Gesellschaft in Husum.

Mein Ururgroßvater stritt die Vorwürfe jedoch ab. Er habe, so steht es im abschließenden Resolut, das Ganze „von Anfang bis zu Ende für eine Lüge erklärt und behauptet, daß er das Mädchen niemals in geschlechtlicher Weise berührt, nie geküßt und nie mit ihr concurbirt habe“.

Pastor Bleyer wird von der Kirche freigesprochen

Am Ende wurde Pastor Bleyer von kirchlicher Seite freigesprochen und eine zwischenzeitliche Amtssuspendierung aufgehoben, weil das Dienstmädchen Juliane Carstensen seine Aussage zurückgezogen hatte. Oder anders gesagt: Weil mein Ururgroßvater sich von ihr eine „selbst entworfene Bescheinigung“ unterschreiben ließ, in der es hieß, dass das Dienstmädchen „alles, was sie Ehrenrühriges und Ehrverletztendes über ihn gesprochen habe, als gänzlich unwahr und erdichtet“ bezeichne und ihre „schmerzliche Reue über ihr Verhalten“ bekenne.

Doch nicht nur Juliane Carstensens Vater, der das Ganze beim Kirchenvisitatorium der Propstei Husum gemeldet hatte, bezeichnete das Schreiben später als „wahrheitswidrig“. Auch Juliane Carstensen bestand darauf, dass sie den Schein „wider besseres Wissen“ unterschrieben habe, nachdem Pastor Bleyer sie quasi angefleht haben soll, weil er sein Amt verlieren würde, wenn die Sache bekannt würde. Doch auch das stritt Pastor Bleyer ab, und so stand Aussage gegen Aussage.

Denn auch die einzige Zeugin, die Haushälterin Margaretha Kühl, sagte aus, niemals etwas von einem derartigen Verhältnis mitbekommen zu haben. Ein Jahr später hat mein Ururgroßvater sie übrigens geheiratet.

Eine Tochter soll sich vergiftet haben

Allerdings erhielt Pastor Bleyer vom Consistorium einen „ernstlichen Verweis“ – für das „in dieser Sache bewiesene höchst tactlose beziehungsweise ungebührliche Verhalten“. So sei es nicht nur eines „Predigers und Seelsorgers nicht angemessen“, sich in dieser Weise eine Unschuldsbescheinigung ausstellen zu lassen. Darüber hinaus hat Pastor Bleyer Juliane Carstensen in einer Beichtrede persönlich beleidigt, zum Beispiel, indem er eine Seele in der Gemeinde anprangerte, die „in wahnsinniger Verblendung hinginge und ihre Ehre in der Schande suche“. Die Mutter des Dienstmädchens wurde ebenfalls beschimpft, nachdem sie den Pastor um ein Gespräch gebeten hatte: „Sie sind verrückt, Madame, die Hitze hat Sie beschlagen, Sie bringen Ihre Tochter in das Zuchthaus“, hat Pastor Bleyer ihr laut Protokoll hinterhergerufen. Auch hier habe der Pastor, so das Urteil des Consistoriums, die Würde eines Predigers „gänzlich aus den Augen gelassen“ und es sich somit selbst zuzuschreiben, dass sein Ansehen in der Gemeinde „schwer geschädigt“ sei.

So weit die Seite der Kirche. Was Theodor Storm, der von staatlicher Seite parallel für Ermittlungen eingeschaltet war, von meinem Ururgroßvater gehalten haben muss, wird man nicht mehr genau erfahren. Sein Untersuchungsprotokoll ist nicht erhalten. In dem Brief an seinen Sohn heißt es zum Abschluss der Untersuchungen auf der Insel: „Es lag eine imponirende Einsamkeit auf der Landschaft, namentlich, wo es durch den öden neuen Koog geht. Aber schon schimmerte durch den Nebel das Licht der Hafenhalle, eines schönen, auf hoher Werfte neu erbauten Wirthhauses dicht an dem ebenfalls neu ausgegrabenen Hafen. Denn dort wollten wir die letzte Nacht bleiben, um andern Tags um 7 ¾ U. gleich aufs Dampfschiff zu steigen. Behaglich saßen wir nun noch bei einem Butterbrod u. Gläschen Grog, die hinter uns liegende, allerlei psychologische Räthsel bietende Untersuchung besprechend.“

Wie immer Storm das Rätsel für sich selbst löste, mein Ururgroßvater blieb – anders als das Dienstmädchen – auf Nordstrand, predigte, hielt Beichtreden und taufte die Kinder der Insel. Nach der Heirat mit seiner Haushälterin bekam er drei Kinder, Gustav Adolf Johannes, der ja ebenfalls Pastor wurde, Alfred Heinrich Theodor, über den nichts weiter bekannt ist, und Agnes Maria Margaretha, die lange unverheiratet in Husum lebte und 1947 starb. Sie soll sich vergiftet haben.

Pator Bleyer erschoss sich vor dem Kirchgang

Mein Ururgroßvater war da schon fast 70 Jahre tot, er starb, als sein ältester Sohn neun war. Es war ein Sonntag, der 5. nach Trinitatis, wie das Odenbüller Kirchenbuch vermerkt. Er erschoss sich, morgens vor dem Kirchgang.

Im Kirchenbuch heißt es, dass Pastor Georg Adolph Bleyer den Selbstmord in Folge einer Geistesstörung begangen habe. Laut des damaligen Landschaftsarztes Dr. Möller litt er seit längerer Zeit an „Gehirnerweichung und infolgedessen an Verfolgungswahn“. Die wahren Gründe wird vermutlich aber nur mein Ururgroßvater gekannt haben.

Das ist die ganze Geschichte von Pastor Adolph Georg Bleyer, der in meiner Familie seit meiner Kindheit „Pharisäer-Pastor“ genannt wird, ohne dass wir ahnten, wie sehr diese Umschreibung passt. Der Mann, der die Taufgemeinde als „Pharisäer“ anklagte und wohl selbst einer war.