Schleswig-Holstein

Zehn Kliniken im Norden haben Kreißsäle geschlossen

Im Kreißsaal zeigt eine Leitende Hebamme einer Hebammenschülerin die wichtigen Regeln für die Erstuntersuchung eines Neugeborenen (Symbolfoto)

Im Kreißsaal zeigt eine Leitende Hebamme einer Hebammenschülerin die wichtigen Regeln für die Erstuntersuchung eines Neugeborenen (Symbolfoto)

Foto: Waltraud Grubitzsch / dpa

Und es könnten noch mehr werden. Der Druck auf Geburtshelfer und Eltern wächst. FDP mahnt versprochenes Konzept an.

Kiel. Die Geburtshilfe in Schleswig-Holstein ist in der Krise. Seit August 2014 gibt es keine Geburtenstation mehr in Oldenburg in Holstein, seit Ende 2013 keine mehr auf Sylt. Insgesamt sind in zehn Kliniken seit dem Jahr 2000 die Kreißsäle geschlossen worden – und es könnten noch mehr werden.

Geht es nach dem Verband der Ersatzkassen, sollte eine Klinik mehr als 800 Geburten im Jahr aufweisen können. Zehn der 22 Geburtsstationen im Land liegen darunter. Die Zahl der Geburten nimmt ab, der Druck auf die Beteiligten – auf Krankenhäuser, Ärzte, Hebammen und vor allem die werdenden Eltern – nimmt zu.

Höchste Zeit für ein Konzept, finden auch die Landtagsfraktionen und verständigten sich im vergangenen Herbst mit der Landesregierung darauf, dass bis zum Mai ein solches vorliegt. Bis dahin möge die Opposition stillhalten, keine weiteren Anfragen und Berichtsanträge stellen, habe es geheißen und die Opposition habe sich auch daran gehalten, sagt die FDP-Gesundheitspolitikerin Anita Klahn.

Ein Konzept liegt indes noch nicht vor und laut einem Sprecher von Gesundheitsministerin Kirsten Alheit (SPD) lässt es bis zum September auf sich warten. Es seien noch Gespräche mit den Beteiligten zu führen. „Das ist eine Frechheit“, sagt Klahn. Ein Konzept für eine gute Geburtshilfe in Schleswig-Holstein sei dringend notwendig, denn: „Wenn ich Kinder im Land haben will, dann brauche ich Geburtshilfe. Egal ob es wirtschaftlich ist oder nicht.“

Und da fängt es schon an, schwierig zu werden. Denn mit Gesundheit lässt sich im Gesundheitssystem kein Geld verdienen. Zumindest nicht mit einer gesunden Geburt, hat Dörte Grimmenstein erlebt. Bis der Kreißsaal im vergangenen August geschlossen wurde, hat die Hebamme mit zwei Kolleginnen Frauen vor, während und nach der Geburt in Oldenburg in Holstein betreut. Seitdem ist die Lage im Nordkreis Ostholstein angespannt.

Wege werden weiter

Grimmenstein betreut in Oldenburg weiterhin Frauen vor und nach der Geburt. Deren Wege zu einer Geburtsstation sind jetzt weiter als vorher und das bedeutet Stress. Insbesondere von der Insel Fehmarn dauert es bis zu einer Stunde, bis die Frauen entweder in Lübeck oder in Eutin sind und dort ihr Kind bekommen können. Die Kliniken seien nicht auf den Ansturm vorbereitet, kritisiert sie. Durch den Stress gebe es viel mehr Kaiserschnitte. Für jede einzelne Frau sei das ein schlimmes Erlebnis, sagt Grimmenstein.

Damit es gar nicht erst zu einer Stresssituation kommt, gibt es in Eutin wie auch in Niebüll und Flensburg für die Sylter sogenannte Boarding-Modelle. Schwangere sollen zwei Wochen vor dem errechneten Entbindungstermin in einem Appartement direkt an der Klinik unterkommen. Das aber nutzen nur wenige und Kinder halten sich oft nicht an die Termine. Gerade weil die Geburt ein natürlicher, aber ein nicht planbarer Vorgang ist, sprechen sich viele Eltern und Hebammen für eine ortsnahe Versorgung aus. Die aber ist im ländlichen Raum nicht einmal für die Betreuung vor und nach der Entbindung gewährleistet.

Im Kreis Steinburg beispielsweise gebe es Orte, in denen im Umkreis von 20 Kilometern keine Kollegin praktiziere, erläutert Bärbel Noack-Stürck, zweite Vorsitzende des Hebammenverbandes in Schleswig-Holstein. Mehr als 20 Kilometer Anfahrt zahlt die Krankenkasse normalerweise nicht. Und auch in einer Stadt wie Neumünster, wo Noack-Stürck selbst als Hebamme arbeitet, kommen auf 800 Geburten sechs Hebammen, die die Frauen vor und nach der Geburt betreuen. „Das ist nicht zu schaffen“, sagt sie. Sie wolle ja nicht immer vom Geld reden, aber es könne ja auch nicht sein, dass der Beruf zu einem teuren Hobby werde, für das bis zu 6300 Euro Haftpflichtprämie im Jahr gezahlt werden muss.

Hebammen berichten von traumatisierten Frauen und viel Angst

Wie sehr das ganze System mittlerweile daran krankt, dass zum einen pro Geburt zu wenig bezahlt wird, es zum anderen aber auch schlichtweg zu wenig Geburten gibt, erläutert Professor Dr. Nicolai Maass vom Universitätsklinikum Kiel. Für das Legen eines Herzkatheters, was etwa eine Dreiviertelstunde in Anspruch nimmt, werde beispielsweise dreimal soviel bezahlt wie für eine Spontangeburt, die mehrere Stunden dauern kann. Da sei schlecht verhandelt worden, sagt Maass. Für Kliniken lohne sich die Geburtshilfe deshalb eben nur bei richtig vielen Geburten. Dazu komme, dass die Qualität der Geburtshilfe geprägt sei von Erfahrungen, und diese hänge eben auch mit der Zahl der Geburten zusammen. Die wiederum droht zu sinken, wenn die Frauen das Gefühl haben, dass die Geburt vor allem Stress bedeutet.

Aus Sicht von Hebamme Noack-Stürck ist eine Abwärtsspirale im Gang. Sie sieht nicht, wer sie aufhalten kann. Im vergangenen Jahr bezeichnete das Gesundheitsministerium des Landes ausgerechnet Ostholstein und Nordfriesland mit Sylt als Modellregionen. Regionen, aus denen Hebammen von Hubschraubereinsätzen der Marine, von traumatisierten Frauen und vielen Ängsten berichten. Für FDP-Politikerin Klahn ist auch deshalb ein Konzept für das ganze Land überfällig.

In ihren Augen müsse es zum einen für Frauen mit Risikoschwangerschaften geeignete Krankenhäuser mit bestmöglicher Versorgung geben, und ansonsten sollte der Weg zur einfachen Geburtsstation für niemanden mehr als 30 Minuten dauern. Hebamme Noack-Stürck wiederum wünscht sich, dass die Geburt endlich den Wert bekommt, den sie habe. Als einmaliges Ereignis für jedes Kind und seine Eltern.