Atommüll

So sollen die Rostfässer von Brunsbüttel geborgen werden

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Beispiellose Umpackaktion in Brunsbüttel. Dort sollen binnen drei Jahren verrostete Behälter mit radioaktivem Müll aus unterirdischen Depots geborgen werden – und irgendwann dann in Endlager kommen.

Kiel. Mit aufwendiger Spezialtechnik sollen im stillgelegten Atomkraftwerk Brunsbüttel Hunderte teils verrostete Fässer mit schwach- bis mittelradioaktivem Abfall geborgen werden. Dem Konzept des Betreibers Vattenfall hat die Atomaufsicht in Kiel jetzt zugestimmt.

Die Fässer hätten viel zu lange nahezu unbeobachtet vor sich hin gerostet, sagte Energieminister Robert Habeck (Grüne) am Montag. Von 573 mit einer Spezialkamera untersuchten Behältern sind 154 schwer beschädigt. Vattenfall darf sie nun aus sechs unterirdischen Lagerräumen herausholen und zur Endlagerung verpacken. Die Aktion soll in diesem Herbst beginnen und etwa drei Jahre dauern.

Als vor rund drei Jahren in Brunsbüttel ein stark verrostetes Fass entdeckt wurde, erregte das Foto großes Aufsehen. Die insgesamt 632 Fässer, von denen 573 mit der Spezialkamera untersucht werden konnten, liegen dort zum Teil schon seit mehr als 30 Jahren. Sie sollten eigentlich seit Mitte der 1990er Jahre in Niedersachsen im Endlager Schacht Konrad sein. Doch dessen Inbetriebnahme hat sich immer wieder verzögert. Nun steht 2022 als Eröffnungstermin im Raum.

Die Fässer seien zum Teil in einem unfassbar schlechten Zustand, sagte Habeck. „Die Bergung ist keine einfache Aufgabe.“ Am Ende soll der Abfall in 58 Container verpackt werden.

Bei dem Abfall in Brunsbüttel handelt es sich um Filterharze und Verdampferkonzenrate, die während des Kraftwerksbetriebs (bis 2007) angefallen waren. Sie sind im überwachten Kontrollbereich in sogenannten Kavernen gelagert, von oben abgeriegelt durch 1,1 Meter dicke Betonriegel. Ferngesteuerte Spezialgreifer sollen die Fässer ab Herbst herausheben. Dafür wird um einen Portalkran aus Gerüstteilen und Aluminiumplatten ein mit Folien verkleideter Schutzraum errichtet. Dieser steht unter Unterdruck, so dass laut Vattenfall keine Radioaktivität austreten kann.

Diese Vorrichtung koste etwa 11 bis 15 Millionen Euro. Allerdings wäre eine Umverpackung in jedem Fall erforderlich gewesen, weil die Fässer nicht für das Endlager zugelassen worden wären.

Die Verdampferkonzentrate müssen nach der Bergung nachgetrocknet werden, bevor sie in Behälter kommen, die zur Endlagerung geeignet sind. „Eine wesentliche Ursache für die erschreckenden Befunde der letzten drei Jahre ist nach dem, was wir jetzt wissen, dass die Verdampferkonzentrate nicht ausreichend getrocknet wurden“, erklärte Habeck. „Dieser Fehler darf sich nicht wiederholen.“ Deshalb verlangt die Atomaufsicht für jedes Fass den Nachweis nach der Trocknung, dass Restfeuchte tatsächlich unbedenklich ist.

Noch dringender als die Bergung dieses Atommülls ist aus Sicht von Habeck und Vattenfall, aus dem Reaktordruckbehälter die Brennelemente herauszuholen – als Voraussetzung für den geplanten Rückbau des Kraftwerks. Für die Zwischenlagerung der Brennelemente, die Habeck 2016 heraus haben will, werden zehn bis zwölf Castor-Behälter benötigt. Diese dürfen nach einem Gerichtsurteil nicht in Brunsbüttel abgestellt werden. Habeck liebäugelt mit dem nur rund 20 Kilometer entfernten Brokdorf als „standortnaher“ Alternative.

Eine andere Möglichkeit wäre ein neuer Antrag für Brunsbüttel. Dies muss der Betreiber entscheiden. Das Bundesverwaltungsgericht hatte Mitte Januar die Genehmigung für das Zwischenlager Brunsbüttel gekippt. Darauf entschied die Atomaufsicht, die weitere Einlagerung der dort stehenden neun Castoren für drei Jahre zu dulden.

Brunsbüttel galt als „Pannenmeiler“

Das Atomkraftwerk Brunsbüttel an der Unterelbe im Kreis Dithmarschen nahm 1977 als erstes in Schleswig-Holstein den Betrieb auf. Wegen vieler Störungen ging der Siedewasserreaktor als „Pannen-Meiler“ in die Geschichte ein. Seit seiner kommerziellen Inbetriebnahme am 9. Februar 1977 bis zum letzten Abfahren am 18. Juli 2007 erzeugte er exakt 124 211 289 Megawattstunden Strom. Das reicht, um rund 30 Millionen Vier-Personen-Haushalte ein Jahr lang zu versorgen. Ein Kurzschluss leitete sein Aus 2007 ein. Der Reaktor ging nach der Reparatur kurz wieder ans Netz, blieb dann aufgrund diverser technischer Probleme aber dauerhaft abgeschaltet. Als Konsequenz aus der Katastrophe von Fukushima gehörte das Kraftwerk zu den acht Reaktoren in Deutschland, die 2011 ihre Berechtigung zum Leistungsbetrieb verloren, also nicht mehr ans Netz dürfen.